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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Juden

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Juden (in Spanien während des Mittelalters).

Exilarchen, der unter den Kalifen fürstliches Ansehen genoß, und dessen Amt schon seit langem das Ziel des Ehrgeizes und der Reichen war, vertreten. Die Vertretung der rechtlichen und religiösen Interessen der J. lag dem Gaon, d. h. Exzellenz, ob. Von diesen Geonim fungierte Mar Isaak, nach der Einnahme von Firuz Schabur vom Kalifen bestätigt, als erster in Sura. Parteilichkeiten sollen die Bildung einer antirabbinischen Sekte im Judentum, der Karäer (s. d.), welche die Schrift ohne die Tradition erklärten, unter Anan ben David (761) veranlaßt haben. Mit der Entstehung des Karaismus fällt die angebliche Bekehrung der Chasaren (Kusarim) und ihres Chagans Balan der Zeit nach zusammen. Das Chasarenreich stand einige Jahrhunderte unter einer jüdischen Regierung, ward um 969 von dem russischen Großfürsten Swajatovslaw von Kiew besiegt und nach abermaliger Erhebung 1016 von Russen und Byzantinern völlig ausgelöst.

In den Euphratländern wohnten J. in Neu-Ninive (Mosul) und Bagdad, von den Kalifen beschirmt. Mohammed Almuktafi (1136-60) räumte einem angesehenen, gelehrten Juden das Exilarchat mit dem Sitz in Bagdad für das ganze Kalifat wieder ein. Dem Exilarchen lag ob die Anstellung der Geistlichen und Richter, die Einziehung verschiedener Abgaben, von denen er den größten Teil empfing. Den J. in Jemen ward 1172 von den Schiiten (s. d.) der Islam aufgedrungen, dem sie nur äußerlich dienten. Die ägyptischen J. standen unter einem eignen, vom Kalifen bestätigten Oberhaupt, dem Nagid, welcher gegen festen Gehalt von den Gemeinden (Kairo, Alexandria, Damar, Machale u. a.) dieselbe Amtsthätigkeit wie der babylonische Exilarch übte. In Kleinasien, Syrien und Palästina zählte man in den vom Christentum beherrschten Gebieten weniger J. als in den unter dem Islam stehenden Bezirken. Im christlichen Antiochia waren die wenigen J. Glasarbeiter, die zahlreichern J. in Tyros trieben Landwirtschaft, die in und um Palmyra zeigten kriegerischen Sinn in ihren Fehden mit Christen und Mohammedanern, unter den J. in Damaskus waren viele Talmudgelehrte. Die Beseitigung der Würde eines Resch galuta infolge von Wahlstreitigkeiten hob vollends die äußere Einheit der J. des hochasiatischen Morgenlandes auf. Unter den Mongolen, welche 1258 mit der Eroberung Bagdads dem Kalifat ein Ende machten, verschlimmerte sich die Lage der J. nicht.

d) Geschichte der Juden während des Mittelalters bis zu ihrer Vertreibung aus Spanien.

Mit der Bevölkerung Spaniens, das J. schon als römische Bürger zahlreich bewohnten, lebten sie in vollem Einvernehmen, bis die katholische Geistlichkeit (Konzil von Illiberis 320) die freundschaftlichen Beziehungen zu lösen versuchte. Die arianischen Westgoten gewährten ihnen volle Gleichheit und verwandten sie gern im öffentlichen Dienste. Die Beschränkungen (Verbot des Sklavenhaltens, der Mischehen und Ausschluß von jeder öffentlichen Amtsthätigkeit) durch den König Reccared (590), Glaubenszwang und Vertreibungen seitens der Könige Sisebut (612) und Chintila (638) änderten das glückliche Verhältnis, das erst, nachdem der den J. feindliche Roderich in der Schlacht bei Jeres de la Frontera (711) den Arabern unterlegen war, durch diese wiederhergestellt wurde. Den J., welche nur eine Kopfsteuer zu bezahlen hatten, ward Religionsfreiheit und eigne Gerichtsbarkeit zugesichert. Die Verbesserung ihrer politischen Lage erweckte in ihnen den Eifer, sich voll und ganz am wissenschaftlichen Leben zu beteiligen, das sich hauptsächlich um Philosophie, Philologie und Poesie bewegte. Der gelehrte Arzt Chisdai ben Isaak war unter den Kalifen Abd ur Rahmân III. und Alhakim (961-976) als Finanzmann beschäftigt, als Nasi ("Oberhaupt") der J. hoch geschätzt. Ihm folgte in dieser Würde unter dem Kalifen Haschim der Besitzer einer großen Seidenweberei, Jakob ibn Gau. Die Abhängigkeit der J. von den morgenländischen Akademien hörte auf, als das Talmudstudium durch Männer wie Moses aus Cordova u. a. größere Verbreitung fand. In Malaga, wohin er vor den Berbern, die um 1020 Cordova verwüstet hatten, geflohen war, bekleidete Samuel ha Levi, genannt Hanagid, "der Fürst", die Würde eines Ministers; ähnliche Vergünstigungen wurden vielen J. zu teil. Vorübergehend hatten die J. in Granada (1066) Verfolgungen zu erdulden, waren aber im übrigen Spanien so ziemlich geschützt. Alfons VI. von Kastilien, welcher den ersten Schlag gegen die mohammedanische Herrschaft führte, bediente sich jüdischer Diplomaten, führte die Gleichheit der J. vor dem Gesetz durch, vertraute seine Person und Politik einem jüdischen Leibarzt und kehrte sich nicht an den Unwillen des Papstes Gregor VII., der auf dem Konzil zu Rom (1078) neue Judenbeschränkungen durchgesetzt hatte; ja, er sicherte den J. Toledos, das er 1085 eroberte, die verbürgten Freiheiten. Die J., welche unter Almorawidischer Herrschaft einflußreiche Stellungen bekleideten und geschützt waren, wurden nach dem Fall der andalusischen Hauptstadt Cordova (1148) von den über Nordafrika im südlichen Spanien vordringenden Almohaden zum Islam oder Exil verurteilt. Das geistige Leben der J. stand jetzt auf hoher Stufe (s. Jüdische Litteratur, S. 296 f.). Kastilien, Leon, Aragonien und Navarra boten den zahlreichen J. eine meist ruhige Heimat. Die J. aus der kastilischen Hauptstadt Toledo, die von über 12,000 J. bewohnt wurde, waren unter Alfons VIII. (1166-1214) ihrer Bildung und Begabung wegen protegiert. Alfons X. (1252-84) ließ sich von einem jüdischen Leibarzt behandeln und die astronomischen (Alfonsinischen) Tafeln von einem Juden bearbeiten. In Aragonien, das sie anfangs geschützt hatte, dauerten unter Jakob I. auf Betrieb der Dominikaner auch nach der erfolglosen Disputation zu Barcelona (1263) zwischen Nachmanides und dem Konvertiten Pablo Christiani Bekehrungsversuche und Bedrückungen fort. Ziemlich ruhig verfloß für die J. Spaniens, abgesehen von den Verfolgungen in Navarra (1328) und bei Anschuldigung der Brunnenvergiftung (1348) in andern Gemeinden, das Leben und war bis auf die Greuel des Bruderkriegs zwischen Peter dem Grausamen und Heinrich von Trastamara (1366-69), an dem sich auch kastilische J. beteiligten, erträglich. 1391 predigte der Erzbischof von Niebla in Sevilla gegen die J., und der aufgereizte Pöbel fiel hier sowie in Cordova, Gerona, Ascelona, Barcelona, in andern spanischen Städten und auf den Balearischen Inseln über sie her. Die dem Verderben Entronnenen flüchteten sich meistens nach Nordafrika und waren dort glücklicher als ihre Brüder in Spanien, welche zum Schein sich taufen ließen; denn diese Neuchristen (Anussim, Marannen, s. d.) wurden mit Mißtrauen betrachtet und verfolgt, so daß sie häufiger die Flucht oder, zum alten Glauben zurückgekehrt, das elende Schicksal ihrer Glaubensgenossen erwählten. 1412 in besondere Stadtviertel (Juderias) zurückgedrängt, durch Bekehrungsversuche (unter andern Disputation von Tortosa vom Februar 1413 bis November