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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kanzellariat; Kanzelle; Kanzellieren; Kanzelmißbrauch

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Kanzellariat - Kanzelmißbrauch.

geten seiner Zeit, bereits die an Libanius und die gleichzeitige Rhetorik sich anschließende, nach dem Applaus der Zuhörer (krotos) haschende Prunkrede repräsentieren. Aus der abendländischen Kirche, wo man meist mit einfachen Ansprachen (sermones) vorlieb nahm, sind zu nennen: Zenon, Bischof zu Verona, Ambrosius, Bischof zu Mailand, ein geborner Redner, und besonders Augustin, der durch katechetische und dialogische Formen, Antithesen und einen großen Reichtum von rhetorischen Figuren die mangelnde Phantasie ersetzte. Schon in der zweiten Periode, von Chrysostomos und Augustin bis auf Alkuin (400-800), beginnt die K. teils zu entarten, teils zu erlahmen. Unter den griechischen Kanzelrednern aus jener Zeit ragt Cyrillus von Alexandria hervor, dem in seinen Homilien Beredsamkeit und Popularität nicht abzusprechen sind, wiewohl er durchaus dogmatisiert. Unter den Lateinern sind hervorzuheben: Leo d. Gr., ein der klassischen Reinheit noch näher stehender Redner, Gregor d. Gr., das Musterbild des gesamten Mittelalters, endlich Beda der Ehrwürdige, der in seinen Homilien über die allgemein werdenden Perikopen (s. d.) Allegorie nach Anleitung von Augustin und Gregor treibt. In der dritten Periode, von Alkuin bis auf Luther (800-1520), mußte die Predigt fast ganz der Liturgie das Feld räumen. Soweit sie noch statthat, bewegt sie sich fast ganz in Abhängigkeit von der patristischen Litteratur (s. Homiliarius liber). Gepredigt wurde meist lateinisch (sermones ad clerum), aber vielfach auch in den Landessprachen (sermones ad populum). Einen Aufschwung in der K. brachten im frühern Mittelalter besonders Cluniacenser und Cistercienser, wie Bernhard von Clairvaux, im spätern Franziskaner, wie Bruder Berthold von Regensburg, und Dominikaner, wie Johann Tauler und Vincentius Ferrerius, endlich aber auch reformatorische Prediger, wie Johann Huß und Hieronymus Savonarola; mehr kirchlich wirkte dagegen der strenge Sittenprediger Geiler von Kaisersberg zu Straßburg. Im allgemeinen ist die Naturwüchsigkeit der frühern Jahrhunderte des Mittelalters später durch die Scholastik beeinträchtigt worden, welche in formeller Beziehung eine starke Verkünstelung der Predigt mit sich führte. Die vierte Periode reicht von Luther bis auf Spener (1520-1675). Luther selbst wirkte unermeßlich durch die unmittelbare Einheit von Inhalt und Form, durch ungemeine Popularität und prophetische Freimütigkeit, durch Fülle der Ideen und Veranschaulichungsmittel, wiewohl ihm auch manche Härten des Geschmacks nicht abgesprochen werden können. Aber seine Originalität reichte nicht aus, dem in seiner Kirche überwuchernden Hang zur Polemik und zur Scholastik Schranken zu ziehen. Mitten in dem allgemein verbreiteten zelotischen Dogmatismus repräsentieren Johannes Arnd, Valerius Herberger und Chr. Scriver einen bessern Geschmack und wiederkehrendes Bewußtsein um den eigentlichen Zweck der K. Die katholische Kirche des 17. Jahrh. feierte den Glanzpunkt ihrer K. in den Leistungen der klassischen Litteraturperiode Frankreichs (Bourdaloue, Fénelon, Fléchier, Massillon), mit welchen, zwar nicht an Geschmack, aber an Originalität, Abraham a Santa Clara in Deutschland wetteifern konnte. In der fünften Periode, von Spener bis auf die neueste Zeit, machte sich das Bestreben geltend, die religiösen Bedürfnisse durch eine praktisch belebende Predigtweise zu befriedigen. Ph. Jak. Spener wies mit Erfolg auf die Fehler des damaligen polemischen Predigtwesens hin und vermied dieselben soviel wie möglich in seinen eignen, übrigens durchaus schwerfälligen und endlosen Kanzelvorträgen. Im Gegensatz zu der pietistischen Schule wußte eine andre Richtung philosophische Wahrheiten im Geiste der Wolfschen Schule auf der Kanzel zu behandeln. Eine ausgleichende und hervorragende Stellung nimmt gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts Lorenz von Mosheim ein durch seine "Heiligen Reden" und seine "Homiletische Anweisung, erbaulich zu predigen" sowie auch dadurch, daß er die besten Produkte der englischen und französischen K. durch Übersetzungen den deutschen Kanzelrednern zugänglich machte. Eine lange Reihe ausgezeichneter Prediger schließt sich hier an, unter welchen besonders Reinhard in Dresden lange Zeit als maßgebend für die moderne Form der synthetischen Predigt galt. Gleichzeitig wirkten Zollikofer, Löffler, Rosenmüller, Ammon, Marezoll, Röhr, Tzschirner, Hanstein etc. Die moderne Kanzelrhetorik findet ihre Vorbilder in Theremin, Dräseke, Krummacher, Harms; die theologische Kunstpredigt vor allen in Schleiermacher; die erbauliche Bekehrungs- und Erweckungspredigt in Hofacker, Palmer, Gerlach, Tholuck, Brückner, Gerok etc.; die Hofpredigt in W. Hoffmann, Kögel und W. Baur; endlich die Predigt der freien Theologie in K. Schwarz, D. Schenkel, H. Lang u. a. Die katholische Kirche weist besondere Leistungen, namentlich auf dem spezifisch modernen Gebiet der Fasten- und Missionspredigt, auf (Lacordaire, Pater Roh u. a.).

Vgl. Lentz, Geschichte der christlichen Homiletik (Braunschw. 1839); Paniel, Pragmatische Geschichte der christlichen Beredsamkeit (Leipz. 1839-41, bis Augustinus); W. Wackernagel, Altdeutsche Predigten und Gebete (Basel 1876); Cruel, Geschichte der deutschen Predigt im Mittelalter (Detmold 1879); Marbach, Geschichte der deutschen Predigt vor Luther (Berl. 1874); Schenk, Geschichte der deutsch-protestantischen K. von Luther bis auf die neuesten Zeiten (das. 1841); C. G. Schmidt, Geschichte der Predigt in der evangelischen Kirche Deutschlands von Luther bis Spener (Gotha 1872); Sack, Geschichte der Predigt in der deutsch-evangelischen Kirche von Mosheim bis Schleiermacher und Menken (Heidelb. 1866); Stiebritz, Zur Geschichte der Predigt in der evangelischen Kirche von Mosheim bis auf die Gegenwart (Gotha 1875-76); Nebe, Zur Geschichte der Predigt, Charakterbilder (Wiesb. 1879, 3 Bde.); Rothe, Geschichte der Predigt (hrsg. von Trümpelmann, Bremen 1881).

Kanzellariat (neulat.), Kanzlerwürde, Kanzleistube.

Kanzellieren (lat., "eingittern"), eine Schrift, um sie ungültig zu machen, mit sich gitterförmig kreuzenden Strichen (x) durchstreichen; dann auch verallgemeinert gebraucht.

Kanzelle (lat., "Gitter"), vergitterte Schranke in den Gerichtsstuben, im Kirchenchor (vgl. Kanzel); in der Orgel Name der einzelnen Abteilungen der Windlade, welche den Wind zu den Pfeifen führen.

Kanzelmißbrauch, das Vergehen, dessen sich ein Geistlicher oder sonstiger Religionsdiener schuldig macht, wenn er in Ausübung oder in Veranlassung der Ausübung seines Berufs öffentlich vor einer Menschenmenge oder in einer Kirche oder an einem andern zu religiösen Versammlungen bestimmten Ort vor einer Mehrheit von Personen Angelegenheiten des Staats in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zum Gegenstand einer Verkündigung oder Erörterung macht. Ein hierauf bezügliches Strafverbot erschien in dem sogen. Kulturkampf als erforderlich, und ein deutsches Reichsgesetz vom 10. Dez. 1871 brachte einen Nachtrag zu dem deut-^[folgende Seite]