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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Kartonage - Karyatiden.

worauf man mit einem Säckchen voll Kohlenstaub über die Löcher fährt, um die Zeichnung an die Wand zu bringen. Beim Freskomalen pflegte man auch die ausgeschnittenen Figuren an dem nassen Anwurf festzuhalten und darauf mit einem Stift am Rande derselben hinzufahren, so daß die Umrisse derselben auf dem Kalk vertieft erschienen. Bei den Gobelins werden die Zeichnungen ausgeschnitten und hinter oder unter den Einschlag gelegt, wonach der Weber seine Arbeit einrichtet. Die ältern italienischen Meister legten großen Wert auf sorgfältig ausgeführte Kartons; später arbeitete man mehr nach kleinen Skizzen ins Große. In unsrer Zeit haben Cornelius, Overbeck, Schnorr, Preller, Kaulbach u. a. wieder Kartons angefertigt. Cornelius zeichnete Kartons auch ohne die Absicht, sie als Hilfsmittel für die Ausführung in einer andern Technik zu benutzen. Die neuern Maler (Kaulbach, Liezen-Mayer, G. Max u. a.) haben auch Kartons zum Zweck photographischer Vervielfältigung gezeichnet. - K. (Auswechselblatt) heißt endlich in der Typographie ein neu gedrucktes Blatt eines Buches, das anstatt eines fehlerhaft gedruckten oder aus einem andern Grund ausgeschnittenen eingeklebt wird. Auf Landkarten, Stadtplänen etc. nennt man K. einen gewöhnlich in vergrößertem Maßstab auf demselben Blatt besonders dargestellten Teil des Inhalts (z. B. den Abschnitt "Attika" auf unsrer Karte "Altgriechenland").

Kartonage (franz., spr. -ahsche), Papparbeit.

Kartonieren (franz.), ein Buch etc. in einen Pappdeckel (Karton) einbinden oder einheften.

Kartonstich, s. Kupferstecherkunst.

Kartusche (franz. Cartouche, ital. Cartoccio), eigentlich Rolle, Name der in Gestalt von halb aufgerollten Bändern und Blättern ausgeführten Titel von Landkarten, Wappen, Büchern etc. sowie der in der spätern Renaissancezeit aufgekommenen Zierrahmen mit aufgerollten oder umgebogenen Enden, die oft ganze Landschaften und allegorische Figuren darstellten; dann überhaupt rahmenartige Einfassungen von Schildern, wie sie seit der Mitte des 16. Jahrh. in der Architektur und im Kunstgewerbe, namentlich in der Buchverzierung, sehr häufig vorkommen und in ihren Mittelschilden oft Devisen, Namenszüge, Wappen, Embleme u. dgl. enthielten (s. Figur). Die Kartuschen sind besonders für die deutsche und holländische Renaissance charakteristisch, haben aber ihre höchste Entwickelung durch den Barock- und Rokokostil erreicht. Vgl. Springer, Hundert Kartuschen verschiedener Stile (Berl. 1878).

Im Geschützwesen heißt K. (franz. gargousse) die in einem Kartuschbeutel aus Seidentuch (Gewebe aus Abfällen der Rohseide) eingeschlossene Pulverladung der Geschütze. Die K. ist oben mit Bindfaden zugebunden, für 21 cm Mörser und kurze 15 cm Kanonen noch durchgenäht, um sie fester zu machen. Die Kartuschnadel ist ein zugespitzter Stahldraht mit Handgriff zum Durchstechen der K. behufs leichterer Entzündung durch die Schlagröhre. K. heißt auch die von Reitern an einem Bandelier über der linken Schulter getragene Patronentasche.

^[Abb.: Kartuschen.]

Káruba, s. Karaba.

Karuben, s. v. w. Johannisbrot, s. Ceratonia.

Karun, Fluß, s. Kuren.

Karunkel (lat. Carunculae myrtiformes, Fleischwarze), die warzenähnlichen Reste, welche sich aus dem zerrissenen Jungfernhäutchen bilden, sind in der gerichtlichen Medizin wichtig für die Feststellung stattgehabten Beischlafs.

Karussell (Karossel, franz. Carrousel, ital. Carosello), im Mittelalter Name der ritterlichen Wettstreite im Fahren, Ringstechen, Scheibenwerfen, Stoßen etc., die bei festlichen Veranlassungen an den Höfen der Fürsten mit vielem Aufwand und großem Pomp gehalten wurden. Zuerst findet man diese Spiele 842 am fränkischen Hof erwähnt, wo Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche zum Zeichen ihrer Versöhnung Karusselle durch die ritterliche Jugend halten ließen. Später wurden sie durch die Turniere zwar verdrängt, traten aber, als diese mit dem Verfall der Ritterschaft allmählich abkamen, wieder an deren Stelle. Wie bei den Turnieren, ward später auch beim K. von Damen, welche sich zuweilen selbst, in Wagen sitzend und nach Ringen stechend, am Spiel beteiligten, dem Sieger mit dem Kranz der Preis erteilt. Gegenwärtig ist das K. eine Vorrichtung zu Volks- und Kinderbelustigungen auf Messen, Jahrmärkten etc., wo hölzerne Pferde und Wagen an das Ende von zwei kreuzweise übereinander gelegten Balken befestigt sind, so daß sie sich horizontal um den Mittelpunkt drehen lassen. Vorrichtungen zum Ringstechen etc. sind auch zuweilen angebracht.

Karutsche (Karutze), s. v. w. Karausche.

Karve, s. v. w. gemeiner Kümmel.

Karven (Karvol), s. Kümmelöl.

Karviol (Karfiol, früher Kalfior, v. ital. cavol fiore), Blumenkohl, s. Kohl.

Karw., bei botan. Namen Abkürzung für W. F. v. Karwinski, geb. 1780 zu Keszthely am Plattensee, gest. 1855. Sammelte in Brasilien und Mexiko.

Karwändelgebirge (Kahrwendel), ein Zug der Bayrischen Alpen, rechts von der obern Isar und nördlich von Innsbruck, 17 km lang, erreicht in der Karwändelspitze eine Höhe von 2546 m.

Karwar, pers. Flächenmaß, à 100 Batman, = 156,8 Ar.

Karwin, Dorf in Österreichisch-Schlesien, Bezirkshauptmannschaft Freistadt, an der Kaschau-Oderberger Bahn, hat ein Schloß, bedeutenden Steinkohlenbergbau, Kokserzeugung, Bierbrauerei und (1880) 4961 Einw.

Karwoche (Heilige Woche, Marterwoche, Hebdomas magna oder sancta), die Woche vor Ostern, die dem Andenken an Jesu Leiden und Tod gewidmet ist; s. Karfreitag und Ostern.

Karyäs, Hauptort der Mönchsrepublik auf dem Berg Athos (s. d.), besteht aus etwa 100 Häusern und ist Sitz des türkischen Aga Bostandschi. Auch wird daselbst die heilige Synode abgehalten.

Karyatiden (griech.), in lange, faltenreiche Gewänder gekleidete weibliche Gestalten, welche, auf einer meist gegliederten Plinthe stehend, eine Art Kapitäl tragen und so das Gebälk einer Vorhalle oder eines sonstigen Vorbaues unterstützen. Nach Vitruv waren die K. Nachbilder griechischer Frauen aus der Stadt Karyä im Peloponnes, die zur Strafe für ihre Unterstützung der Perser in Gefangenschaft abgeführt,