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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kirchenstaat

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Kirchenstaat (16.-18. Jahrhundert).

land dem Bund Frankreichs und Englands gegen den Kaiser bei, worauf der Herzog Karl von Bourbon, der ein kaiserliches Heer befehligte, 6. Mai 1527 Rom mit Sturm nahm und schonungslos plünderte. Der in der Engelsburg belagerte Papst erkaufte den Abzug der Feinde nur durch harte Zugeständnisse und eine Zahlung von 100,000 Zechinen. Im J. 1545 belehnte Paul III. seinen Sohn Peter Ludwig Farnese mit Parma und Piacenza, deren Besitz während der spanisch-französischen Kämpfe zweifelhaft geworden und erst 1529 von den kämpfenden Mächten anerkannt war. Nach Peter Ludwigs Ermordung ward Piacenza 1547 von den Kaiserlichen besetzt, Parma von Paul III. später mit dem K. vereinigt, aber von Julius III. (1550-55), der auch den Colonna ihre Besitzungen zurückgab, wieder dem Octavio Farnese verliehen. Unter Clemens VIII. (seit 1592) kam das Herzogtum Ferrara aus der modenesischen Erbschaft und unter Urban VIII. das Herzogtum Urbino 1626 wieder an den K.

Es waren blühende Landschaften, die so zu einem Staat vereinigt wurden. 1589 betrug die Getreideausfuhr des Kirchenstaats 500,000 Skudi; einzelne Gegenden zeichneten sich noch durch besondere Produkte aus: Perugia durch Hanf, Faenza durch Lein, Rimini durch Öl, Cesena, besonders aber Montefiascone durch Wein. Es fehlte nicht an fischreichen Seen, an Salzwerken, Alaunwerken, Marmorbrüchen. Auch der Handel des Landes blühte; im Hafen von Ancona fand man Schiffe aller Nationen, die gegen die Produkte des Kirchenstaats Seide, Wolle, Leder, Blei austauschten. Die Gewalt des Papstes war eine unumschränkte geworden seit dem Untergang der Dynastengeschlechter. Zwar gab es in den Städten noch Patrizier, es bestanden sogar noch die alten Faktionen der Guelfen und Ghibellinen; aber gerade die jeweilig mächtigere schloß sich an den päpstlichen Oberherrn an und gab gern Rechte ihrer Stadt auf, wenn sie Aussicht hatte, mit Hilfe des Papstes die feindliche Partei gänzlich zu unterdrücken. Auf dem Land gab es Barone; in der Regel waren sie arm, begnügten sich, mit den abhängigen Bauern in Frieden zu leben, und kümmerten sich um den Staat wenig. Gefährlicher konnten die freien Bauernschaften der Romagna werden, die, persönlich tapfer, an dem alten Geschlechterverband streng festhielten. Aber sie waren uneinig, befehdeten sich gegenseitig, und schließlich gewann auch hier der friedliche Mittelstand das Übergewicht. Die Einkünfte des Papstes aus dem K. waren bedeutend, unter Leo X. betrugen sie 420,000 Skudi; dazu kamen die Annaten, die Kaufsummen für neue Ämter, deren Leo X. allein 1200 errichtete, und aus denen er mehr als 900,000 Skudi zog. Dieser Ämterverkauf war eine Anleihe auf die Zukunft; unter Leo X. mußte die Staatskasse gegen 320,000 Skudi Gehalte für solche Ämter zahlen, im Durchschnitt verzinsten sie sich mit 12 Proz. Clemens VII. machte die erste Staatsanleihe (Monte), die zu 10 Proz. verzinst wurde. Dennoch zahlte der K. um 1500 von allen Ländern Europas die wenigsten Steuern; aber Paul III. erhöhte den Salzpreis, führte die erste direkte Steuer (Sussidio) ein und brachte die Einkünfte aus dem K. auf 700,000 Skudi, Gregor XIII. gar auf 1,100,000 Skudi. Das Land hatte von diesen Summen, die Bauten in Rom abgerechnet, wenig Vorteil; das meiste wurde für die Unternehmungen gegen den Protestantismus verwendet. Durch die schlechte Finanzpolitik der Kurie kam es dahin, daß um 1600 auf den K. der Steuerdruck weit stärker lastete als sonst in Italien.

Das energische, häufig gewaltsame Regiment Gregors XIII. (1572-85) rief Parteiungen, ja Zusammenrottungen im K. hervor. Deshalb ist es anerkennenswert, daß Sixtus V. (1585-90) unnachsichtig gegen die Banditen verfuhr und sie gänzlich ausrottete, so daß im K. vollständige Ruhe und Sicherheit herrschten. Sixtus sammelte einen Schatz von 5 Mill. Skudi, beförderte den Ackerbau und begünstigte die Entwickelung der Industrie. Urban VIII. (1623-44) that für die Befestigung und Sicherung des Kirchenstaats viel. Bei Bologna erbaute er das Fort Castelfranco, das Kastell Sant' Angelo in Rom versah er mit neuen Brustwehren und zog auf Monte Cavallo die hohe Mauer, die den päpstlichen Garten einschließt. In Tivoli errichtete er eine Gewehrfabrik; ja, er verwendete die Räume der vatikanischen Bibliothek zu einem Zeughaus und sammelte ein ansehnliches Heer, während seine Vorgänger seit Pius V. sich mit einer Leibwache von 500 Mann, meist Schweizern, begnügt hatten. In Civitavecchia legte er mit bedeutenden Kosten einen Freihafen an. Die Einkünfte des Kirchenstaats wuchsen, mehr noch die Schulden, besonders als das Nepotenunwesen sich seit Sixtus V. einbürgerte. So gelangten die Familien der Aldobrandini und Borghese zu bedeutender Macht, erwarben großen Grundbesitz im Land und verwalteten die einträglichsten Ämter. Unter den fürstlichen Familien päpstlicher Herkunft behaupteten die Farnese den höchsten Rang, zumal da sie regierende Herzöge von Parma und Piacenza waren. Urban VIII. kam 1641 mit Odoardo Farnese wegen Castro, das den Farnese gegen 100,000 Skudi eintrug, in Krieg, mußte aber kurz vor seinem Tod 1644 allen Ansprüchen darauf entsagen. Unter Urbans Nachfolgern nahm die Begünstigung der Nepoten womöglich noch zu, sie vergaben die Ämter des Kirchenstaats und ließen sich dafür monatliche Steuern zahlen. So fand denn Innocenz XI. die Finanzen des Kirchenstaats in völliger Zerrüttung; zwar betrugen die gesamten Einnahmen 2½ Mill. Skudi, aber die Ausgaben überstiegen sie noch um 170,000 Skudi. Er konnte den Staat nur dadurch vor dem Bankrott bewahren, daß er den Nepoten alle Ämter und Einkünfte daraus entzog. Clemens XI. geriet 1708 mit dem Kaiser Joseph I. wegen des Besitzes von Parma, Piacenza und Comacchio in einen Streit, in dessen Verlauf die kaiserlichen Truppen Comacchio und einen Teil der Romagna besetzten. Ersteres blieb auch unter Benedikt XIII. (1721-24) im Besitz Österreichs. Die veränderte Gestaltung der politischen und kirchlichen Verhältnisse raubte dem K. seit Anfang des 18. Jahrh. mehr und mehr seine politische Bedeutsamkeit. In den Streitigkeiten mit auswärtigen Mächten mußten die nachteiligsten Vergleiche geschlossen werden. 1768 wurde infolge eines Streits über geistliche Angelegenheiten Venaissin und Avignon von Frankreich, Benevent und Pontecorvo von Neapel besetzt, und nur durch Nachgiebigkeit von päpstlicher Seite wurden diese Lande dem römischen Staat erhalten. Clemens XIV. (1769-74) erlitt zwar große Beschränkungen seiner kirchlichen Gewalt und Einkünfte, förderte aber Wissenschaften und Künste und verwandte große Summen auf die Austrocknung der Pontinischen Sümpfe.

Von wesentlichem Einfluß auf die Geschichte des Kirchenstaats war die französische Revolution. Zunächst wurden dem Papst Pius VI. (1775-99) 1791 von den Franzosen Avignon und Venaissin entrissen; 1796 besetzte ein französisches Heer unter Bonaparte Bologna, Ferrara und Urbino. Obschon der Papst