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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kunstwissenschaft

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Kunstwissenschaft (Zweige, Hilfswissenschaften).

Kunstwissenschaft, die Kenntnis und die aus derselben erwachsende schriftliche Darstellung des Wesens und der Entwickelung der bildenden Künste. Die wissenschaftliche Thätigkeit zerfällt hierbei in drei gesonderte Stadien; erstens: das vorliegende Material muß gesammelt und jedes einzelne Stück nach seinen Eigenschaften untersucht und nach verschiedenen Gesichtspunkten in eine systematische Übersicht gebracht werden. Diesen ersten Teil der K. wird man passend die Denkmälerkunde benennen. Zweitens ist das chronologisch angeordnete Material auf die für gewisse Zeitalter bezeichnenden Eigenschaften hin, auf ihre Entstehung und Bedeutung, ihre Modifikationen und ihre Verbreitung, ihre Stellung im Zusammenhang mit der gleichzeitigen Kultur und ihre Wichtigkeit und Wirksamkeit im innern Entwickelungsgang der Kunst und der Menschheit einer Prüfung zu unterziehen. Diese zweite kunstwissenschaftliche Aufgabe fällt der Kunstgeschichte (s. d.) zu. In der Schule der historischen Kunstbetrachtung enthüllt sich dem Kunstforscher die Kunst als eine eigenartige Erscheinung, als eine von andern charakteristisch verschiedene Bethätigung des menschlichen Geistes, als ein in dem Wechsel der Erscheinungen noch nicht vollständig erkanntes, also noch immer problematisches Moment. Mit den darauf gerichteten Forschungen beschäftigt sich die Philosophie der Kunst oder Ästhetik. Auf jeder dieser drei Stufen bedarf die K. außerdem verschiedener Hilfswissenschaften. Auf den beiden ersten geht die Beschäftigung mit der antiken Kunst und ihren Werken der mit dem Mittelalter und der Neuzeit voraus und eilt ihr also auch in ihren Ergebnissen voran; daher ist eine abgesonderte Betrachtung der antiken und der modernen K. nötig geworden. Über die erstere s. näheres bei Archäologie.

Erst geraume Zeit, nachdem die Behandlung der antiken Kunstgeschichte in ein wissenschaftliches System gebracht worden war, fing man an, das Material der mittelalterlichen und modernen K. zu suchen und zu sichten. Die ersten wichtigen Publikationen traten anläßlich der Anhäufung von Kunstwerken zu Paris durch Napoleon ans Licht: in H. Laurents "Musée royal" (als Fortsetzung des "Musée français") waren immer drei Gemälde mit einer Antike verbunden. Am frühsten und eifrigsten regte sich der Lokalpatriotismus der Italiener in dieser Richtung: "Etruria pittrice" (1791-95 ff.), noch früher G. Hamilton, dessen Antikenkabinett d'Hancarville 1766-1767 und dessen griechische Vasen W. Tischbein in seinem Prachtwerk "Schola italica picturae" von 1791 an herausgab. Aber auch die Franzosen thaten das Ihrige: nächst Crozats frühem Versuch in seinem "Recueil d'estampes" (1729 und 1742) sind C. P. Landons "Vies et œuvres des peintres les plus célèbres" (1803-24, 25 Bde.) und seine "Annales du musée" (2. Ausg. 1829) sowie des ältern Duchesne "Musée de peinture et de sculpture" (1829-34) zu erwähnen. Indessen war für die moderne Malerei durch Massenpublikationen in flüchtigen Umrißstichen nichts gewonnen, und sie traten daher zurück. Wirkliche tüchtig durchgeführte einzelne Kupferstiche mußten den Mangel ersetzen, bis in neuester Zeit die Photographie, die bei allen Arten von kunstwissenschaftlichen Abbildungen ein unentbehrliches Hilfsmittel geworden ist, gute Reproduktionen von Gemälden geliefert hat, in denen man auch die eigentliche Qualität der Bilder, Pinselführung und Farbenstimmung bis zu einem gewissen, bisher unerreichten Grad erkennen kann. Photographien der spanischen und Florentiner Galerien, der Museen zu Berlin, Dresden und Petersburg und der Nationalgalerie zu London sowie zahlreiche Handzeichnungspublikationen, zum Teil in den sogen. Kohledrucken von Braun u. Komp. in Dornach, stehen unter den Sammelwerken in erster Linie. Von speziellen Sammelwerken für die Skulptur ist der Atlas zu Cicognaras "Storia della scultura" (1823-24) eins der bedeutendsten, ferner des Grafen Clarac "Musée de sculpture" (1826-53), zum größten Teil Antiken enthaltend; andres findet sich in architektonischen Publikationen u. dgl. verstreut. Sehr groß ist die Zahl der Denkmälersammlungen für Architektur, die, in der Regel auf einen bestimmten Landstrich oder eine Stadt beschränkt, erschöpfende Darstellungen der Baumonumente einer solchen Region gewähren. Mustergültig sind die "Archives de la commission des monuments historiques de France" sowie die "Mitteilungen der k. k. österreichischen Zentralkommission zur Erforschung der Baudenkmale". Eine große Anzahl trefflicher Spezialwerke rief die in der romantischen Periode erwachte Vorliebe für mittelalterliche Bauformen sowie die Reaktion dagegen hervor: Boisserées "Dom zu Köln", Puttrichs "Denkmale der Baukunst des Mittelalters in Sachsen", Lübkes "Mittelalterliche Kunst in Westfalen", Hübsch' "Altchristliche Kirchen" und hundert andre Werke. Viele, wie z. B. Salzenbergs Prachtwerk über "Die altchristlichen Baudenkmale von Konstantinopel" oder das englische Musterwerk über die Alhambra, berichten über die Studien bei bestimmten wissenschaftlichen Missionen; ein zusammenfassendes Hauptwerk sind Gailhabauds "Denkmäler der Baukunst aller Zeiten und Länder" (deutsch von Lohde). Systematische Sammlungen von Denkmälern aller Art zum Handgebrauch für das kunstwissenschaftliche Studium sind: Seroux d'Agincourts "Sammlung von Denkmälern der Architektur, Skulptur und Malerei vom 4.-17. Jahrhundert" (deutsch von Quast), "Die Denkmäler der Kunst zur Darstellung ihres Entwickelungsganges" von Voit, Guhl und Caspar (4. Aufl. von Lübke und K. v. Lützow).

Als Hilfswissenschaften und Hilfsmittel der Denkmälerkunde sind zu bezeichnen Kunstgeographie und Kunsttopographie, Reise- und andre periegetische Werke, welche die Kunstwerke eines Landes oder Ortes verzeichnen und beschreiben, wie z. B. Bunsens "Beschreibung der Stadt Rom" (1829-42) und die seit 1862 erschienene "Statistik der deutschen Kunst des Mittelalters und des 16. Jahrhunderts" von Wilhelm Lotz. Auch Jakob Burckhardts meisterhafter "Cicerone" gehört nach Plan und Anlage hierher. Ein wichtiger Zweig der Kunsttopographie ist die Museenkunde, deren Haupthilfsmittel die Kataloge der Sammlungen bilden. Epochemachend waren die 1852 erschienene ganz neue Bearbeitung des "Katalogs der Louvregalerie", der "Katalog des Antwerpener Museums" (1857) und der der Berliner Gemäldegalerie (1883) sowie die Schriften von Waagen, Bürger ("Musées de la Hollande", 1858 u. 1860) und Lermolieff (1880).

Zur Erklärung der Denkmäler dienen ferner noch einige andre Wissenschaften, wie: die Paläographie zur richtigen Würdigung der Inschriften; die Numismatik zur genauern Bestimmung der von der K. nur auf ihren Kunstcharakter geprüften Münzen, aber auch zur Aufhellung andrer historischer und kunstwissenschaftlicher Fragen; die Ikonographie zur Orientierung über die auf Kunstwerken vorkommenden Bildnisse, besonders auch die der Heiligen wegen