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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Landwirtschaft

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Landwirtschaft (Entwickelung in der Gegenwart).

Zersetzung zu stande bringt. Gibt man nach der Ernte dem Felde die entzogenen Mineralstoffe wieder, so hindert bei guter Bearbeitung nichts, dem Felde dieselbe Ernte in gleicher Größe wieder zu entnehmen.

Mit dieser Lehre gab Liebig zugleich seinen Patentdünger, zum Ersatz geeignete Präparate, mit deren Anwendung man Fruchtfolge, Brache, Viehhaltung und Mistwirtschaft abschaffen und das Stroh auf dem Feld sollte verbrennen können. Aber dieser Patentdünger versagte die Wirkung, und erst die Erforschung der Absorptionsthätigkeiten im Boden, durch die bewiesen wurde, daß die wichtigern Nährstoffe, Ammoniak, Phosphorsäure, Kali, von fein zerteilter Ackererde in für Wasser unlösbarem Zustand zurückgehalten werden, gab genügenden Aufschluß über die Unwirksamkeit des wegen vermeintlichen Auslaugens schwer löslich gemachten Patentdüngers und entschied im Verein mit den aus Vegetationsversuchen im Wasser gemachten Erfahrungen (Sachs, Knop), mit Schönbeins Entdeckung der bei jeder Verbrennung und Verwesung entstehenden salpetrigen Verbindungen und mit den Beobachtungen über die Absorption von Wasserdampf und nützlichen Gasen durch die poröse Krume (v. Babo, Knop) endlich den Streit zu gunsten Liebigs. Dem Einwand zu gunsten der Stallmistwirtschaft und Humustheorie, daß die fortschreitende Verwitterung die fehlenden Mineralstoffe im Boden ergänze (Walz), antwortete Liebig mit der scharfen Verurteilung dieses Betriebs als "Raubbau". Nur die Thatsache, daß vielfach im Sinn Liebigs die Felder gedüngt werden, konnte man diesem Vorwurf entgegenstellen, nicht die reine Stallmistwirtschaft davon befreien. Die neuern Bearbeitungen der landwirtschaftlichen Statik haben durch genaueste Berechnungen für fast alle Betriebssysteme gezeigt, wie großartig das Defizit ist, wenn nur mit dem in der eignen Wirtschaft gewonnenen Dünger (aus einem "im rechten Verhältnis stehenden Viehstand") Ersatz gegeben wird (Birnbaum, Komers, Heiden). Wir stehen am Ende des Streits, wenn auch noch nicht alle Fragen ihre Lösung gefunden haben; das Ende sagt, daß allerdings Stallmist und Humus um der Summe ihrer Wirkungen willen als Generalregulatoren der Bodenzustände für die meteorologischen Einflüsse nicht entbehrt werden können, daß sie billiger und sicherer als andre Mittel die Felder in gewünschtem Zustand erhalten, daß aber Mist und Jauche keine vollständige Düngung sind, die Mineralstoffe nirgends entbehrt werden können und die Atmosphäre bei Anwendung geeigneter Mittel (hauptsächlich Lockerhaltung des Bodens) Kohlenstoff wie auch Stickstoff ausreichend zu liefern vermag. Wie segensreich Liebig auch auf alle andern Zweige des Betriebs eingewirkt, wird niemand verkennen, erst durch ihn (Bischoff, Voigt u. a.) ist die Ernährung der Haustiere auf richtige Gesetze zurückgeführt worden, so daß jetzt mit fast mathematischer Gewißheit über Einnahme und Ausgabe im Tierkörper genau Buch geführt werden kann (Wolff, Grouven, Henneberg, Stohmann); erst durch ihn hat sich die Zuckerrübenindustrie und der Tabaksbau auf sichern Grundlagen befestigt, sind die Nebengewerbe, Weinbereitung, Molkerei, Brennerei, vervollkommt worden. Die Chemie hat sich als die beste Freundin des Landwirts erwiesen: allerorts sind agrikulturchemische Versuchsstationen (s. Landwirtschaftliche Versuchsstationen) gegründet worden, Tausende von Analysen stehen dem, der sie zu benutzen versteht, zu Gebote, Tausende von Versuchen haben Licht verbreitet über bis dahin dunkle Rätsel, zahlreiche Düngerfabriken sind gegründet worden, und der erst durch Liebig hervorgerufene Handel mit Dungstoffen hat den Wirtschafter emanzipiert und dem Volkswohlstand Hunderte von Millionen erschlossen.

Schon Schübler hatte die physikalischen Zustände des Bodens zum Studium genommen; aber erst die Neuzeit hat neben der Agrikulturchemie auch eine Agrikulturphysik hervorgerufen, welche mehr vielleicht noch als jene berufen sein wird, der L. fördernd zur Seite zu stehen (Schuhmacher, Wollny). Inzwischen hatten sich auch die allgemeinen Verkehrszustände und politischen Verhältnisse abermals in nicht minder eingreifender Weise umgestaltet, so daß nach der mehr nationalökonomischen und rein landwirtschaftlichen Seite hin der verständnisvolle Ausbau der L. ebenso geboten erschien wie nach der von den Naturwissenschaften angebahnten Richtung. Die erweiterten Handelsbeziehungen haben die Getreidepreise mehr reguliert, so daß die Körnerfrüchte nicht mehr als die vornehmsten gelten können; dazu kam, daß die mehr und mehr sich verbreitenden Krankheiten gerade dem Getreide (und der Kartoffel) den früher vindizierten Charakter der Sicherheit benommen haben, obschon es infolge der neuern Entdeckungen auf diesem Gebiet nicht an Schutzmitteln fehlt (Speerschneider, De Bary, Kühn). Dagegen treten die Handelsgewächse, zumal es nicht an leicht zu erwerbenden Dungmitteln fehlt, in den Vordergrund. Zuckerrüben, Tabak, Hopfen haben den begünstigten Gegenden großen Wohlstand verliehen und dort die Betriebsweise gänzlich umgestaltet; Hanf hat zwar gefährliche Konkurrenz erhalten; Flachs aber lernt man in großartigen Etablissements, welchen der Landwirt nur die grüne Ware liefert, besser zubereiten; Zichorien, Karden, Gewürzkräuter lohnen den Anbau im großen. An vielen Orten ist der Feldgemüsebau schon herrschend geworden, er steigert den Bodenwert zu den höchsten Sätzen. Nicht minder bedeutungsvoll erwies sich die stetige Steigerung der Preise der tierischen Produkte; die Viehzucht ist lohnend geworden, die Rassen sind veredelt, und auch in Deutschland leistete man Großes auf diesem Gebiet (Weckherlin, Nathusius, Settegast). Zwar hat die feine Wollzucht keinen Boden mehr, man strebt aber mit Erfolg nach Wollreichtum und Körpergewicht. Trotz der Eisenbahnen hat sich die Pferdezucht vermehrt, weil sich der Bedarf gesteigert hat. Darwins Lehren konnten auch die Landwirte nicht unbeachtet lassen; sie führten zu schärfern Definitionen im Gebiet der Lehre von der Züchtung, zu wesentlich andern Anschauungen (Wahlzucht gegen Rassenzucht), während auf der andern Seite die Bedürfnisse des Handels immer mehr zu größerer Produktion spornten, die Arbeitsteilung auch hier sich geltend machte, der einzelne nur noch in einer Richtung Großes zu leisten versuchte und Zuchtbetrieb von bloßer Viehhaltung sich scharf trennte, hier Rindvieh, dort Schafe oder nur Pferde oder Schweine gezüchtet wurden und dem Molkereiwesen größte Aufmerksamkeit gewidmet ward. Hand in Hand damit mußte auch der Futterbau sich heben, die Wiesenkultur durch Bewässerung und Düngung sich wieder beleben. Großartige Entwässerungen haben Wunder geschaffen, die Drainage der Felder hat die Erträge verdoppelt. Die vervollkommte Mechanik hat die Ackergeräte völlig umgeschaffen; großartige Ausstellungen erleichtern deren Beschaffung, führen stets Neues vor Augen und spornen zur Vervollkommnung an. Die Dreschmaschine, Mäh- und Säemaschine, der Heuwender etc. haben die