Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

989

Luftschiffahrt (militärische Verwendung der gefesselten und freien Ballons).

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Luftschiffahrt'

vorn, das Steuer hinten an der Gondel; letzteres bildet einen festen Rahmen. Das Gesamtgewicht mit den Luftschiffern betrug 2000 kg. Am 9. Aug. 1884 wurde bei fast windstillem Wetter die erste Fahrt in der Richtung nach Billancourt unternommen, dort wendete das Luftschiff und kehrte nach Chalais zurück; es hatte in 23 Minuten einen Weg von 7,6 km zurückgelegt und eine Eigenbewegung von etwa 5,4 m erreicht. Hiermit war der Beweis für die Lenkbarkeit des Luftschiffs erbracht. Es wurden noch mehrere Auffahrten mit gleichem Erfolg wiederholt. Zunächst ist eine kräftigere und länger arbeitende Maschine erforderlich.

Neben dem frei schwebenden hat der gefesselte, an Seilen gehaltene Luftballon (ballon captif) vielfach Verwendung gefunden. 1794 wurde in Chalais bei Meudon unter dem Geniekapitän Coutelle eine Luftschifferkompanie (aérostiers) errichtet, welche mit Wasserstoff gefüllte Ballons an Seilen hielten, um von der Gondel aus feindliche Stellungen und Bewegungen zu beobachten. Solche Ballons fanden vor Charleroi, in der Schlacht bei Fleurus und bei Belagerung von Festungen am Rhein Verwendung. Napoleon I. löste diese Truppe auf, weil die Ballons seinen Bewegungen nicht zu folgen vermochten. 1812 haben die Russen, 1849 die Österreicher vor Venedig Luftballons mit geladenen Bomben zu Bombardementszwecken ohne Erfolg aufsteigen lassen, dagegen haben Ballonrekognoszierungen in der Schlacht bei Solferino 1859 den Franzosen genützt. Eine ausgedehntere Verwendung fanden gefesselte Ballons, welche telegraphische Verbindung unterhielten, im amerikanischen Bürgerkrieg 1861-65 und im Krieg Brasiliens mit Paraguay 1867. Seit 1880 sind in Frankreich Ballontrains für jedes Armeekorps der Feldarmee eingeführt worden. An einem Verankerungswagen mit Dampfmaschine und Kabel ist ein etwa 500 m langes, um eine durch die Dampfmaschine gedrehte Tautrommel gelegtes Kabel mit Leitungsdraht für telephonische und elektrisch-telegraphische Verbindung befestigt. Der selbstthätig arbeitende Gaserzeuger liefert pro Stunde gegen 250 cbm Wasserstoff. Ähnliche Einrichtung besitzen England, Deutschland, Rußland und Italien.

Freie Ballons benutzten die Franzosen bei der Belagerung von Paris 1870/71 zur Beförderung von Personen, Briefen, Depeschen und Brieftauben, letztere zu dem Zweck, Nachrichten in die Stadt Paris zurückzubringen. In der Zeit vom 23. Sept. 1870 bis 28. Jan. 1871 haben 64 Ballons mit 155 Personen, 363 Brieftauben, 9000 kg Briefen und Depeschen die Stadt verlassen. 57 Brieftauben mit 100,000 Depeschen kehrten zurück, 6 Ballons mit 15 Personen fielen in die Hände der Deutschen, 2 ins Meer. Versuche, auf dem gleichen Weg Ballons nach Paris hineinzubringen, mißglückten. Auch von Deutschland wurden 1870 in Köln zwei Luftschifferdetachements durch den Engländer Coxwell unter zwei Offizieren und dem Dr. Mahler errichtet, deren Versuche vor Straßburg mißglückten. In England benutzt man auf Anregung Greens zur Lenkung frei schwebender Ballons die in den verschiedenen Höhen herrschenden verschiedenen Luftströmungen und läßt zu deren Ermittelung kleine Probierballons (Pilots) vorweg aufsteigen. England hat bis zu 5000 Fuß Höhe drei nahezu konstante Luftströme, die vom Major Templer zu vielen vorausbestimmten glücklichen Fahrten benutzt wurden. Die englischen Militär-Luftschifferkompanien sind auch mit dem Ballonmaterial für solche Fahrten ausgerüstet. ↔

In Rücksicht auf möglichste Haltbarkeit wird die Ballonhülle entweder aus Seide (Pongheeseide) oder Baumwollenzeug (Perkal) nach deren Prüfung auf der Zerreißmaschine gefertigt. Die Bahnen des Zeugs werden nach Schablonen zugeschnitten und sorgfältig genäht. Besonders wichtig und schwierig ist das Gasdichtmachen der Ballonhülle. Der Firnis besteht meist aus Kautschuk, Guttapercha, Leinöl etc. Troost fertigt einen Firnis aus 1 Gelatine, 1 Glycerin, 6 Holzessig und setzt dieser Lösung unter Umrühren eine Lösung von 1 Tannin und 6 Holzessig hinzu. Drei Anstriche sollen genügen, den Ballon für Wasserstoff zu dichten. Der Ballon läuft nach unten in ein röhrenförmiges Ende (Appendix) aus, durch welches die Füllung stattfindet. Im Scheitelpunkt befindet sich ein Ventil, welches zum Gasablassen mittels einer Leine geöffnet werden kann, und das sich beim Nachlassen derselben selbstthätig schließt. Das Netz hat den Zweck, den Druck der Last, welche der Ballon tragen muß, gleichmäßig auf dessen Oberfläche zu verteilen und der Hülle gegen den Druck der Gase einen größern Widerstand zu geben. Es wird aus starker Hanfschnur (5-8 mm) gefertigt und endigt in die Auslaufleinen, welche am Tragring befestigt sind. An diesem hängt nach unten mit den Haltestricken der aus Weiden oder Spanischem Rohr und Bambusstäben gefertigte Korb bei Kugelballons oder die kahnartige Gondel bei Langballons. Im Korb oder in der Gondel finden die Ballastsäcke, die Apparate zum Landen, die Instrumente, eventuell die Betriebsmaschinen und die Personen Platz. Zum Landen dienen Anker besonderer Art an Ankertauen mit Gleitstück und Puffereinrichtung. Das Ankertau wird zuerst ausgeworfen, der Anker gleitet am Tau entlang. Die Betriebsmaschine ist die Lebensfrage für das lenkbare Luftschiff. Sie soll möglichst leicht, nicht feuergefährlich sein und dabei eine möglichst große Betriebskraft entwickeln. Man hoffte in den elektrodynamischen Maschinen die Lösung des Problems zu finden, doch ist ihr großes Gewicht ein Hindernis, und die in England konstruierten nicht feuergefährlichen Dampfmaschinen von außerordentlich geringem Gewicht, von 20 Pferdekräften und darüber sind mit jenen in Wettstreit getreten.

Wasserstoff als das leichteste Gas ist am geeignetsten zum Füllen der Ballons, doch erfordert es ein besonders sorgfältiges Dichtmachen der Ballonhülle. Leuchtgas ist zwar schwerer, aber in den meisten Städten zu haben und wird deshalb am meisten verwendet. Die militärischen Zwecke erfordern die Gaserzeugung an jedem Bedarfsort, und deshalb sind die Ballontrains in Frankreich und England auf Wasserstoff eingerichtet. 1 cbm mittelschweres Leuchtgas hat 0,65 kg, 1 cbm Wasserstoffgas 1,2 kg Auftrieb. Über die Tragkraft von Ballons gibt die nachstehende Tabelle einigen Anhalt:

Durchmesser mInhalt cbmAuftrieb in Kilogrammen LeuchtgasAuftrieb in Kilogrammen Wasserstoffgas
314,137 9,18916,968
4 33,51 21,78 40,21
5 65,45 42,54 78,54
6 113,1 73,51135,72
7 179,6116,74215,52
8 268174,25 321,7
9 381,7 248 458
10 523,6 340 628
11 696,9 451 836
12 904,8 588 1086
131150,3 748 1380
141436,7 934 1724
151767,1 1149 2120
20 4189 2723 5027

Die Bemühungen um eine rein dynamische L.,

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 990.