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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Lungenseuche

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Lungenseuche.

Lüften, Vermeidung von Staub, Rauch und Tabaksqualm, durch Aufstellen grüner Pflanzen und durch Verdampfenlassen von Wasser auf dem Ofen für eine gesunde und reine Luft zu sorgen. Für wohlhabende, noch kräftige Kranke sind Winteraufenthalte in Davos, für schwächere ein mildes südliches Klima, welches der Arzt für jeden einzelnen Fall zu wählen hat, empfehlenswert. Die Atmungswerkzeuge sind in vorsichtiger Weise zu kräftigen, besonders dadurch, daß man den Kranken anhält, möglichst oft recht tief und ruhig einzuatmen. Luftröhrenkatarrhe sind auf jede Weise zu vermeiden und, wenn sie sich einstellen, so schnell wie möglich zu beseitigen. Hierzu ist es erforderlich, daß der Patient bei kalter und rauher Witterung einen Respirator (von Jeffrey) trage, der nur gleichmäßig warme Luft in die Lunge eindringen läßt. Auch ist das Tragen eines Flanellhemdes auf dem bloßen Leib, das Warmhalten der Füße durch wollene Strümpfe, Korksohlen etc. sehr zu empfehlen. Die Diät des Kranken muß darauf gerichtet sein, ihn bei Kräften zu erhalten. Er trinke daher fleißig frisch gemolkene warme Kuhmilch, nähre sich mit weichen Eiern, Fleischbrühen, gut gekochtem oder gebratenem Fleisch, gutem bayrischen Bier etc. Exzesse aller Art im Essen, Trinken, Schwärmen sind zu verbieten, und der bei solchen Kranken ohnedies sehr rege Geschlechtstrieb ist streng in Schranken zu halten; Ruhe des Gemüts ist zur Fristung solcher Kranken wesentlich erforderlich. Ist die Krankheit einmal bis zu einem gewissen Grad fortgeschritten, so läßt sich nichts Wesentliches dagegen thun; die Aufgabe des Arztes ist es dann nur, dem Kranken auf symptomatischen Weg seine Beschwerden zu erleichtern. Gewöhnlich klagt der Schwindsüchtige am meisten über den Husten, der ihn besonders nachts belästigt. Er ist durch schwache, allmählich zu steigernde Morphiumdosen am besten zu bekämpfen. Vgl. Niemeyer, Klinische Vorträge über die L. (Berl. 1867); Waldenburg, Die Tuberkulose, die L. und die Skrofulose (das. 1869); Buhl, Lungenentzündung, Tuberkulose u. Schwindsucht (2. Aufl., Münch. 1874); Koch, Die Ätiologie der Tuberkulose ("Berliner klinische Wochenschrift" 1882); Brehmer, Die Ätiologie der chronischen L. (Berl. 1885); Fromm, Die klimatische Behandlung der L. (Braunschw. 1887).

Lungenseuche (Pneumonia contagiosa), dem Rindvieh eigentümliche ansteckende und gewöhnlich seuchenartig auftretende Lungen- und Brustfellentzündung, die in ihrem vollständigen Verlauf zwei deutlich getrennte Stadien, ein chronisches, fieberloses, und ein akutes, fieberhaftes, erkennen läßt. Das erste Stadium, welches meist 4-6 Wochen, seltener nur 2-3 Wochen, mitunter aber 3-4 Monate dauert, gibt sich gewöhnlich nicht deutlich zu erkennen. Werden die Tiere in diesem Stadium der Krankheit geschlachtet, so findet sich ein mehr oder minder großer Teil einer Lunge vergrößert und verhärtet und zeigt auf dem Durchschnitt ein marmoriertes Ansehen, indem die netzförmig verbundenen, verbreiterten und verhärteten, gelblich oder gelblichweiß erscheinenden Bindegewebszüge rote Felder einschließen. Bei vielen Tieren tritt in dem ersten Stadium der Krankheit Genesung ein: das Tier seucht unbemerkt durch. Wenn jedoch eine sehr ausgedehnte Verhärtung in einer Lunge entstanden war, so stirbt diese Partie häufig ab (nekrotisiert) und kapselt sich ein. Auch dann kann noch allmählich vollständige Heilung, aber auch Abzehrung eintreten. Bei andern Tieren folgt auf das chronische Stadium und zwar meist plötzlich das zweite akute Stadium der Krankheit unter den Symptomen einer akuten Lungen- oder Brustfellentzündung mit fieberhaftem Allgemeinleiden. Die Tiere stehen mit gesenktem Kopf, das Atmen ist beschleunigt und oft stöhnend, der Husten erfolgt selten und mit mattem, dumpfem Ton; Appetit und Wiederkäuen sind vermindert, mitunter gleich vom Anfang gänzlich verschwunden, der Durst dagegen ist oft gesteigert, die Milchsekretion sehr gemindert. Der Puls ist beschleunigt, die Körpertemperatur erhöht, während die Extremitäten sich kalt anfühlen. Indem diese Krankheitserscheinungen heftiger werden, sterben die Tiere manchmal infolge von Erstickung. Ist dies nicht der Fall, so treten im weitern Verlauf des Übels nach und nach Symptome großer Erschöpfung und zuweilen selbst eines typhösen Leidens hinzu. Der Puls wird weicher und kleiner, das Atmen beengter, der Herzschlag pochend oder prallend; es tritt stinkende Diarrhöe ein, auf dem Rücken und unter der Brust zeigen sich zuweilen wässerige Anschwellungen, und 2-3 Wochen nach Eintritt dieses Stadiums gehen die Tiere an Entkräftung zu Grunde. Wenn die Erscheinungen des akuten Stadiums von vornherein weniger heftig sind, dann tritt oft schon am 3.-5. Tag wieder Besserung und allmählich Genesung ein. Oft erkranken nur verhältnismäßig wenige Tiere, von großen Beständen nur 5-10 Proz., offenbar, während alle übrigen unbemerkt durchseuchen, zum Teil auch von der Seuche verschont bleiben. In andern Fällen findet sich bei der Mehrzahl, selbst bei sämtlichen Tieren des betreffenden Bestandes, das akute Stadium der Krankheit ein. Bei Zugochsen und beim Weidevieh verläuft die Seuche im allgemeinen viel günstiger als bei Kühen. Im Durchschnitt erkranken von den betroffenen Viehbeständen 50 Proz. der Tiere offenbar und gehen von diesen wieder 50 Proz. zu Grunde. Die einzelnen offenbaren Erkrankungen erfolgen gewöhnlich in mehr oder minder langen Zwischenzeiten aufeinander, und in größern Ställen kann die Seuche sich monatelang hinziehen. Die Ursache der L. ist stets die Ansteckung; das Kontagium wird mit der Lungenausdünstung ausgeschieden und kann dann von andern Tieren wieder eingeatmet, auch durch Zwischenträger verschleppt werden. Es wird bei der Krankheit schon während des chronischen Stadiums und bis zur Beendigung der oft Monate dauernden Rekonvaleszenz gebildet. Durch solche Tiere, welche scheinbar noch gesund sind oder überhaupt unbemerkt durchseuchen, sowie durch die Rekonvaleszenten wird die Seuche sehr häufig verschleppt. Auch in Eisenbahnwagen und in Ställen, in denen krankes Vieh gestanden hat, kann andres Vieh infiziert werden. In großen Viehställen ist die Seuche öfters stationär, indem immer wieder neues, erkrankungsfähiges Vieh eingeführt wird, bevor der alte Bestand vollständig durchgeseucht ist. Ein Tier, welches die L. einmal überstanden hat, wird höchst selten zum zweitenmal davon befallen. Auf andre Haustiere geht die L. nicht über. Eine Behandlung der kranken Tiere, deren Erfolg nach allen Erfahrungen sehr zweifelhaft erscheint, ist durch die neuere Viehseuchengesetzgebung untersagt worden. Alle an der L. erkrankten Rinder müssen auf polizeiliche Anordnung abgeschätzt und darauf getötet werden. Nach dem Reichsgesetz vom 23. Juni 1880 wird der gemeine Wert des getöteten Tieres zu ⅘ dem Besitzer ersetzt. Das Fleisch der lungenseuchekranken Rinder ist genießbar; nur wenn eine eiterige oder jauchige Blutvergiftung zur Ausbildung gekommen ist, muß von der Verwertung des Fleisches abgesehen werden. Die kranken Lungen sind in dem Seuchengehöft unschädlich zu beseitigen.