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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Korrespondenzblatt zum zehnten Band.

neigung entgegen; er vermehrt den Gedankenfluß und die Klarheit der geistigen Vorstellungen, beruhigt, aber heitert nicht auf, eine Wirkung, die besonders bei geistiger Depression oder Angst beobachtet wird. Er verursacht immer leichte Muskelschwäche und vermindert die Erregbarkeit der Bewegungsnerven, während die Gefühlsempfindungen durch ihn nicht alteriert werden. Die Thätigkeit des Herzens wird durch den Tabak verlangsamt, aber energischer. Er verhindert die Ermüdung nicht, macht aber durch seine beruhigenden Eigenschaften die Effekte größerer Anstrengungen weniger fühlbar. Er vermehrt die Absonderung des Mundspeichels und beeinflußt dadurch in günstiger Weise die Verdauung; der Genuß einer guten Zigarre oder einer Pfeife ist daher besonders nach der Mahlzeit zu empfehlen. Er vermehrt die Absonderung des Urins und regt die peristaltische Bewegung des Darms an. Der Tabaksgenuß ist daher zu empfehlen bei gewissen Formen geistiger Erkrankung, besonders bei der Melancholie, indem durch Anregung des Gedankenflusses der Geist von der fixen traurigen Idee, die ihn hauptsächlich beschäftigt, abgezogen wird; in ähnlicher Weise kann er bei der akuten Manie den Ausbruch eines Tobsuchtsanfalls verhindern. Der Tabak wirkt ferner günstig bei Vergrößerung des Herzens, wenn dies Organ zu stark arbeitet, bei habitueller Verstopfung, in gewissen Fällen von Asthma und bei einigen Formen von Verdauungsstörungen, bei denen die genossenen Speisen unverdaut, wie Blei, im Magen liegen.

Übermäßiger Tabaksgenuß reizt die Schleimhäute des Mundes, der Nase, des Halses und des Kehlkopfes und erzeugt chronischen Katarrh derselben. Der in großer Menge abgesonderte Speichel nimmt saure Beschaffenheit an; dadurch wird die Ablagerung des Zahnsteins begünstigt, und die Zähne selbst werden angegriffen. Diese üble Wirkung des Tabaks auf die Zähne kann man auch bei mäßigem Genuß beobachten. Die Schleimhaut des Magens wird in gleicher Weise affiziert wie die des Mundes, daher verminderter Appetit und gestörte Verdauung. Auf das Auge wirkt Tabak ähnlich, wenn auch nicht so stark wie Belladonna; er erweitert die Pupille und vermindert ihre Reaktionsfähigkeit gegen das Licht. Da infolgedessen die Pupille starker Raucher weiter ist als normal, so fällt mehr Licht auf die Netzhaut, und diese wird einem kontinuierlichen übermäßigen Reiz ausgesetzt. Auch noch in andrer Weise wirkt das Rauchen schädlich auf die Augen. Besonders bei Leuten, die während des Rauchens lesen oder schreiben, reizt der Rauch fortwährend die Bindehäute des Auges, und dies gibt zu Störungen in der Blutzirkulation in denselben sowie in den unterliegenden Teilen des Auges Veranlassung. Die Wirkungen des übermäßigen Tabaksgenusses auf das Muskel- und Nervensystem sowie auf das Gehirn sind von den oben erwähnten beim mäßigen Rauchen beobachteten nur quantitativ verschieden. Die Schwäche in den Muskeln ist stärker ausgesprochen. Schwäche in den Knieen ist eine gewöhnliche Klage aller starken Raucher, mögen sie sich auch sonst guter Gesundheit erfreuen. Das Rückenmark scheint in leichter Weise affiziert; die wirkliche, vom Bewußtsein unabhängige Reflexerregbarkeit ist herabgesetzt, während Zittern und Ungeschicklichkeit bei Ausführung kleinerer Hantierungen, also die Zeichen von Störungen in der zweckmäßigen Zusammenordnung der Bewegungen, bestehen. Auf gewisse Funktionen des Geistes übt übermäßiges Rauchen einen lähmenden Einfluß aus, während die Reizbarkeit des Gehirns im allgemeinen gesteigert ist. Willkürliche Bewegungen werden weniger prompt ausgeführt, da leichte Lähmung der Bewegungsnerven besteht. Die spezifischen Sinnesnerven übermitteln dagegen ihre Eindrücke leichter als gewöhnlich, und es kommt dadurch zu häufigen vom Willen unabhängigen oder gegen den Willen stattfindenden Bewegungen. So kann ein leichtes Geräusch, z. B. der Ton einer entfernten Pfeife, plötzliches Auffahren oder eine Bewegung der Hand nach dem Ohr verursachen, die der Betreffende nicht willkürlich unterdrücken kann. Obwohl die Schärfe der Perzeption nicht materiell verändert erscheint und äußere Eindrücke leicht aufgenommen werden, so fehlt es doch an der geistigen Verarbeitung derselben. Die Eindrücke sind transitorisch, und neue Ideen drängen sich an die Stelle der eben erst den Geist beschäftigenden. In gewissen Krankheiten ist das Rauchen überhaupt schädlich, so bei allen Formen des chronischen Katarrhs der verschiedenen Schleimhäute, selbst beim Blasenkatarrh. Bei Eiterungen des Mittelohrs ist das Rauchen besonders schädlich. Nicht zu empfehlen ist es ferner bei Schlaflosigkeit infolge von geistiger Überanstrengung, bei Herzschwäche und gewissen mit Schwächezuständen verbundenen Neuralgien.

In der Société de Médecine publique in Paris gelangte man bei Gelegenheit eines Austausches zahlreicher Beobachtungen über die schädlichen Wirkungen des Tabakrauchens zu dem Ergebnis, daß schwere Störungen der Herzthätigkeit weit häufiger aus der Gewohnheit starken Rauchens entstehen, als bisher angenommen wurde. Die von Vallin mitgeteilten Erkrankungsfälle beweisen, daß nach länger fortgesetzten Rauchexzessen sich eine solche Empfindlichkeit gegen die Nikotinwirkungen auszubilden vermag, daß auch der mäßigste Weitergenuß, ja sogar der Aufenthalt in geschlossenen Räumen, in welchen andre stark rauchen, zur Wiederhervorrufung und Unterhaltung beunruhigender Herzstörungen genügt. Völlige Enthaltung vom Rauchen und Fernhaltung von der Gesellschaft andrer Raucher brachten in allen Fällen die Krankheitserscheinungen zum völligen Schwinden.

Emmerich Schmidt in Hamburg. Sie meinen das Werk von G. Uhlhorn: "Die christliche Liebesthätigkeit in der alten Kirche", das 1882-84 zu Stuttgart in zwei Bänden erschienen ist. - Die Ergebnisse der für das Jahr 1885 angestellten Erhebung über die Wirksamkeit der öffentlichen Armenpflege im Deutschen Reich sind jetzt vom Kaiserlichen Statistischen Amt in den vom Bundesrat vorgeschriebenen Übersichten veröffentlicht worden. Die Nachweisungen betreffen die Zahl und Bevölkerung der Armenverbände, die von denselben unterstützten Personen und zwar der Selbst- und der Mitunterstützten, die Unterstützungsform der geschlossenen (Anstalts-) und der offenen (Wohnungs-) Pflege, die Ursachen der Unterstützungsbedürftigkeit, die Ausgaben zu Zwecken der öffentlichen Armenpflege, das Erstattungswesen in Armensachen und die Armenstreitsachen. In territorialer Hinsicht werden die Nachweise eingehend bis auf die Verwaltungseinheiten (Kreise, Bezirksämter etc.) gebracht und überdies für jeden Kreis etc. die Kategorien der Städte, Landgemeinden, Gutsbezirke und gemischten Armenverbände unterschieden. Als Einleitung ist eine Darstellung der Armengesetzgebung und der Organisation der öffentlichen Armenpflege, eine Schilderung des Verfahrens bei der armenstatistischen Erhebung und eine Besprechung der Hauptresultate derselben gegeben, die sich auf alle Gegenstände der Aufnahme erstreckt. Beigefügt sind dem Band zwei kartographische Darstellungen, welche die