Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Maß

317

Maß (Geschichtliches).

nahegelegt waren. Aber mit der Entwickelung des Verkehrs und gewerblicher Thätigkeit mußte auch das Bedürfnis eines geordneten Maßwesens hervortreten. Man war stets bemüht, eine durch die Natur gegebene Maßeinheit als Norm festzusetzen. Aber das Problem, ein solches M. zu finden, das zu allen Zeiten unveränderlich dasselbe bleibt, so daß man im stande wäre, von ihm jederzeit die Größe des Urmaßes wieder zu entlehnen, ist auch heute noch ungelöst. Ein Maßsystem ist um so besser, je vollständiger und einfacher der Zusammenhang aller Maße untereinander ist. Dies Postulat war schon von den Chaldäern in sehr befriedigender Weise gelöst worden. Durch Böckh ist nachgewiesen, daß aus dem alten chaldäischen Reich Babylon, nicht aus Ägypten, die Maßsysteme der alten Völker hervorgegangen sind. Die uralten Bauwerke der Babylonier und Ägypter setzen sehr sorgfältig bestimmte Maße und Gewichte in einer für jetzt noch unbestimmbar frühen Zeit voraus. Die Chaldäer teilten Tag und Nacht in je zwölf Stunden und bedienten sich zur Zeitmessung als Stundenmaß des Wassers, welches aus einem ehernen Gefäß abfloß. Diese Wassermengen wurden nicht allein abgemessen, sondern auch durch Wägen verglichen. Das ältestbekannte Gewicht ist das babylonische Talent, durch welches das Gewicht eines bestimmten Kubus Wasser ausgedrückt wurde, das aus einem besondern Gefäß in bestimmter Zeit abfloß. In diesem System war daher das M. der Zeit mit dem des Raums und der Masse unmittelbar verknüpft. Die Länge einer Kante dieses Ur(Zeit)gefäßes diente als Längenmaß, aus ihm gingen die alte heilige Elle, die Elle des Nilmessers als größeres, der griechische, olympische und römische Fuß als kleineres M. hervor. Es sei noch erwähnt, daß das Talent dieses merkwürdigen Maßsystems als Gewicht gleichzeitig die Grundlage für das Geld- und Münzwesen bildete.

Bei andern Völkern und in spätern Zeiten finden wir kein so durchgebildetes Maßsystem wie bei den Chaldäern. Als von der Natur gegebene Maße wurden die Länge des Fußes, Arms, der Spanne, der ausgebreiteten Arme bis zu den Fingerspitzen (Klafter), des Maultierhaars, der Durchmesser von Früchten, wie der Datteln, die Breite der Hand, Finger, Gerstenkörner etc. angenommen. Von den Gewichten weist das Gran oder Korn auf die Schwere der Getreidekörner hin. Wie unsicher bei der unendlich mannigfaltigen Ausbildung der Organismen dieses Maßwesen war, liegt auf der Hand, und doch finden wir jahrhundertelang keine Maßnahmen, die Festsetzung von Grundmaßen auf eine sichere Basis zu bringen. König Heinrich I. von England ersetzte 1101 die damals übliche Elle (gyrd) durch die Länge seines Arms bis zur Spitze des Mittelfingers (yard). Wie primitiv in Deutschland in Bezug auf M. und Gewicht verfahren wurde, beweist das von König Ottokar II. (1253-78) von Böhmen befolgte Verfahren: "Vier der Breite nach nebeneinander gelegte Gerstenkörner gelten gleich einem Querfinger, zehn Querfinger gleich einer Spanne; ein Becher Weizen, so viel man mit beiden Händen fassen konnte, etc." Paucton und Bailly bemühten sich vergebens, aus den alten historischen Maßen eine allgemeine Norm herzuleiten. Weidler schlug 1727 den Abstand der Pupillen bei erwachsenen Menschen als Normallänge vor, Andreas Böhm 1771 den Fallraum eines Körpers in der ersten Sekunde, John Herschel den zehnmillionten Teil der polaren Erdachse. Der Vorschlag, die Länge des Sekundenpendels als Maßeinheit zu benutzen, wurde zuerst 1672 von Huygens gemacht, der dieselbe noch überall für gleich hielt. Durch die von Richer 1673 in Cayenne gemachte Beobachtung der verschiedenen Pendellängen erhielt jener Vorschlag eine Einschränkung. Bouguer wollte 1749 die Pendellänge unter dem 45. Breitengrad und Condamine die am Äquator als Maßeinheit angewendet wissen. Letzterer ließ dieselbe in Peru auf ein Denkmal mit den Worten: "Mensurae naturalis exemplar, utinam et universalis" eingraben. Nachdem es als unwahrscheinlich erwiesen ist, daß die alten Ägypter ihr Maßsystem auf den Umfang der Erde gestützt haben, muß der Astronom Gabriel Mouton zu Lyon als Begründer der Herleitung des Maßsystems von der Größe der Erde angesehen werden. Er schlug 1670 die Länge des Meridianbogens von einer Minute bei kugelförmiger Gestalt der Erde als Normaleinheit unter dem Namen Milliare vor. Bei dem in Frankreich bestehenden Maßwirrwarr fand Talleyrands Antrag auf eine Maßregulierung in der Nationalversammlung 1790 lebhafte Unterstützung. Die aus Borda, Lagrange, Laplace, Monge und Condorcet bestehende Kommission entschied sich, entgegen der Nationalversammlung, welche für die Pendellänge war, für den zehnmillionten Teil des Erdquadranten unter dem Namen Meter (mètre) als Maßeinheit. Zur praktischen Ermittelung desselben begannen Méchain und Delambre 1792 die Gradmessung von Dünkirchen nach Barcelona (9 2/3 Grad), welche von Biot und Arago bis zur Insel Formentera fortgesetzt wurde. Unter Annahme einer Polarabplattung von 1/334 des Äquatordurchmessers ergab sich das Meter zu 443,295936 alten Pariser Linien und wurde durch Dekret vom 19. Frimaire VIII (10. Dez. 1799) endgültig auf 443,296 Pariser Linien der eisernen Toise von Peru bei 13° R. festgesetzt und eingeführt. Mit dieser gesetzlichen Bestimmung fällt die ursprügliche ^[richtig: ursprüngliche] Definition des Meters als des zehnmillionten Teils des Erdquadranten und als ein natürliches M. fort, weil damit eine Berichtigung seiner Länge durch spätere genauere Messungen ausgeschlossen ist. Nach jetzigen Berechnungen mußte er 443,299 Linien lang sein. Um dieselbe Zeit (1790) entschied man sich in England für die Länge des Sekundenpendels in der Breite von London am Meeresspiegel bei einer Temperatur von 13 1/3° R. als Maßeinheit. 1824 wurde die Länge der Maßeinheit, des Yard, zur Pendellänge ermittelt und letztere auf 39,1393 engl. Zoll festgesetzt. Das französische Metersystem wurde 1803 in Italien, 1821 in Holland und Belgien, 1836 in Griechenland, 1859 in Spanien, durch Gesetz vom 17. Aug. 1868 mit 1. Jan. 1872 in Deutschland und mit 1. Jan. 1876 in Österreich-Ungarn eingeführt. Es ist gegenwärtig mit Ausnahme von Rußland und den unter englischer Herrschaft stehenden Gebieten in ganz Europa, in Mexiko und den meisten südamerikanischen Staaten, in der asiatischen Türkei, in Algerien und Französisch-Kotschinchina eingeführt, seit 1864 in Großbritannien und seit 1866 in den Vereinigten Staaten von Nordamerika erlaubt. Im April und Mai 1875 ist in Paris eine Konferenz (die sogen. Meterkonferenz) von Abgeordneten einer Anzahl Staaten abgehalten worden, welche eine Übereinkunft, betreffend die Feststellung des Metermaßes und die Einrichtung eines internationalen Büreaus der Maße und Gewichte auf gemeinschaftliche Kosten, bezweckte. Die Konvention ist 20. Mai 1875 durch die Bevollmächtigten von Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, Belgien, der Niederlande, von Italien, Spanien, Portugal, Rußland, Schweden und Norwegen, Dänemark,