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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Melancholie; Melancholĭker; Melanchthon

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Melancholie - Melanchthon.

Melancholie (griech., Melancholia, "schwarze Galle", s. v. w. Schwermut, Tiefsinn) bedeutete in der Heilkunde früher mancherlei Krankheiten, Ernährungsstörungen, bösartige, schwarzpigmentierte Geschwülste etc., deren Entstehung man dem vierten der damals angenommenen Kardinalsäfte des Körpers, der schwarzen Galle, zuschrieb. Heute bezeichnet M. eine ganz bestimmte Form der Geisteskrankheit (s. d.), deren wesentliches Symptom in einer traurigen, niedergedrückten Gemütsstimmung besteht, die aber frei ist von Sinnestäuschungen und Wahnideen. Die M. kommt in etwa gleicher Häufigkeit bei Männern und Frauen vor, bevorzugt ist das jugendliche Alter von 17-25 Jahren und das eigentliche Greisenalter. Als Ursachen gelten vor allem erbliche Anlage, Altersschwund des Gehirns, bei Frauen zuweilen Schwangerschaft und Geburtsakt, ferner anhaltende niederdrückende Seelenstimmungen, übermäßige Anstrengung mit geistiger Arbeit etc. Die Symptome der M. sind äußerst auffällige. Blick und Mienen des Melancholischen sind traurig, leidend, ängstlich, kläglich, scheu oder verdrießlich, mürrisch und finster. Alle körperlichen Bewegungen geschehen langsam, stockend und haben den Charakter der Zaghaftigkeit, Niedergeschlagenheit und Unentschlossenheit. Der Kranke ist geneigt, stunden- und tagelang vor sich hinbrütend zu beharren, ist stets mehr oder weniger eigensinnig, störrisch und hartnäckig und widerstrebt jeder Aufforderung, aus sich herauszugehen und sich mit andern als den eignen Gefühlen und Ideen zu beschäftigen. Das Wesentliche dieser krankhaften Gemütszustände besteht in krankhafter Herabstimmung des Selbstgefühls und Mangel an Selbstvertrauen. Die Kranken häufen gegen sich die schwersten Anklagen, sie glauben verhungern zu müssen, suchen aus ihrer Vergangenheit unbedeutende Ereignisse hervor, denen sie den Wert schwerer Missethaten beilegen, sie halten sich für unwürdig ihrer Familien, glauben diesen zur Last zu sein und quälen sich unablässig mit Selbstvorwürfen. Dabei fehlt der Schlaf; die Kranken werden blaß, ihr Blick ist matt, die Gesichtszüge schlaff und verfallen. Am auffallendsten offenbart sich die allgemeine Passivität des Melancholischen durch seine Unthätigkeit, Arbeitsunfähigkeit und Abneigung gegen jede ernste Beschäftigung. Bei allem, was er thun will oder soll, erblickt er unüberwindliche Schwierigkeiten, und die kleinsten Hindernisse erscheinen ihm als unübersteigliche Schranken. Dies kann so weit gehen, daß der Kranke sich nicht zu den unbedeutendsten Dingen entschließen kann, zum Aufstehen, Ankleiden, Ausgehen, Essen etc. Höhere Grade der M. sind zuweilen mit völliger Unthätigkeit, die sich bis zu gänzlicher Starrheit und Unbeweglichkeit steigern kann, und mit der hartnäckigsten Nahrungsverweigerung verbunden. In vielen Fällen wird das regungslose Hinbrüten der Kranken durch mehr oder weniger stürmische Anfälle von Angst unterbrochen, bei denen die Irren von einem unbeschreiblichen quälenden Angstgefühl gepeinigt werden, dessen Sitz sie bald in die Herzgrube (Präkordialangst), bald in den Unterleib verlegen, das auch als Zusammenschnüren des Halses geschildert wird; sie gehen unruhig auf und ab, zupfen an ihren Kleidern, reißen sich die Haut von den Fingern, beißen sich wund, ziehen sich Haare aus und geraten zuweilen in wirkliche Raserei (furor melancholicus). Die große Gefahr der M. beruht in allen Stadien der Krankheit darin, daß die Irren sich ihren Leiden durch Selbstmord zu entziehen suchen. Die M. ist in vielen Fällen heilbar, namentlich bei jüngern Personen, wenn Schwangerschaft zu Grunde liegt, aber auch nicht so selten bei alten Individuen, bei denen mindestens jahrelanges Nachlassen der Krankheitserscheinungen zur Beobachtung kommt. Nach 4-6 Monaten lassen dann die traurigen Gemütsstimmungen nach, die Kranken verlangen nach Arbeit, der Schlaf bessert sich, und langsam weichen die düstern Vorstellungen zurück. Bleibt die Besserung aus, so dauern die Symptome fort, oder sie gehen in Geistesschwäche und völligen Zerfall der psychischen Thätigkeit über. Die Behandlung bietet unter keinen Umständen Aussicht auf Erfolg, solange man den Kranken zu zerstreuen oder seine trüben Gedanken ihm auszureden sucht. Ruhe und Abgeschlossenheit, aufmerksame Bewachung und Behandlung mit Bädern etc., wie sie eine gute Irrenanstalt bietet, ist das allein Richtige und allein Mögliche, da die Neigung zum Selbstmord den Angehörigen ein hohes Maß von Verantwortlichkeit auferlegt. Vgl. Pohl, Die M. nach dem neuesten Standpunkt der Physiologie (Prag 1852); Krafft-Ebing, Die M., eine klinische Studie (Erlang. 1874); Derselbe, Lehrbuch der Psychiatrie (2. Aufl., Stuttg. 1883, 3 Bde.).

Melancholĭker, Mensch mit melancholischem Temperament (s. Temperament).

Melanchthon (Melanthon, gräzisierter Name für Schwarzerd), Philipp, Luthers Kampfgenosse, der "Lehrer Deutschlands" (praeceptor Germaniae), ward 16. Febr. 1497 zu Bretten in der Pfalz geboren, wo sein Vater Georg, ein tüchtiger Waffenschmied, sich mit der Tochter des Amtmanns Johannes Reuther vermählt hatte. Sein Großvater mütterlicherseits ließ dem Knaben den ersten Unterricht im Lateinischen erteilen. 1507 verlor M. in einer Woche Großvater und Vater und kam nun nach Pforzheim in das Haus seiner Großmutter, einer Schwester Reuchlins, der an dem begabten Knaben großes Gefallen fand. Im Alter von zwölf Jahren bezog er die Universität Heidelberg und erwarb sich nach zwei Jahren das Bakkalaureat. Aus dem Unterricht, den er den Söhnen des Grafen von Löwenstein erteilte, gingen schon damals die Grundlinien seiner griechischen Grammatik hervor. Da man ihm aber wegen seiner Jugend die Magisterwürde vorenthielt, siedelte er 25. Jan. 1512 nach Tübingen über, wurde hier 1514 Magister und wandte sich immer entschiedener dem Humanismus zu, hielt Vorlesungen über Terenz, Cicero und die griechische Grammatik. Daneben aber beschäftigte er sich auch mit Theologie, Jurisprudenz, Medizin. Zum eingehenden Studium der Bibel veranlaßte ihn erst die Erasmische Ausgabe des Neuen Testaments. Reuchlin vermittelte seine Übersiedelung als Professor der griechischen Sprache nach Wittenberg. Seine Antrittsrede 29. Aug. 1518 ("De corrigendis adolescentiae studiis") machte Epoche in der Geschichte des deutschen Schulwesens und fand vor allem den Beifall Luthers. Enger und inniger wurde der Anschluß beider aneinander durch die Disputation zu Leipzig; wiewohl hier M. nur die Rolle eines bescheidenen Ratgebers spielte, so ward er doch in den Kampf mit Eck hineingezogen, als er in einem Brief an Öcolampadius den Verlauf des Gesprächs geschildert; in seiner Entgegnung auf Ecks nun erfolgenden Angriff entwickelte er zum erstenmal die Grundsätze gesunder protestantischer Exegese. Am 18. Aug. 1520 verehelichte sich M. mit Katharina Krapp, Tochter des Bürgermeisters von Wittenberg. "Magister Philipp" trat bald auch in die theologische Fakultät, und die erste Frucht seiner biblischen Vorlesungen waren die berühmten "Loci communes rerum theologicarum"