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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Menschenrassen

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Menschenrassen (anatomische Merkmale).

mikroskopische Prüfung berücksichtigt namentlich die Dicke und die Querschnittform des Einzelhaars. Letztere ist kreisförmig, oval oder abgeplattet.

In enger Beziehung zu der Farbe der Haut und Haare steht die der Augen (blau, grau, braun, gelb, grünlichgelb), wobei zu bemerken ist, daß die blaue Färbung derselben nicht von einem blauen Pigment herrührt, sondern auf dem Mangel an (braunem) Pigment in der Grundsubstanz der Regenbogenhaut beruht. Infolge ihrer Zusammensetzung aus sehr feinen parallelen Fasern erzeugt sie das Blau als Interferenzfarbe. Schwarze Augen gibt es nicht.

Die Verschiedenheit des Knochenbaues drückt sich in erster Linie in der Größe der Gestalt aus. Dieselbe schwankt innerhalb bedeutender Grenzen: den riesigen Patagoniern von einer Durchschnittsgröße von 1,803-1,85 m und einer Maximalgröße von 1,93-1,95 m stehen die zwerghaften Buschmänner mit einer mittlern Körpergröße von nur 1,37-1,44 m und andre afrikanische Zwergvölker (Akka etc.) gegenüber. Die höchste mittlere Größe der Menschen scheint ungefähr 1,883, die geringste 1,44 m zu sein (Topinard). Weitere Rassenunterschiede liegen in der Länge und Form der Extremitäten, in der Gestaltung des Fußes, insbesondere der Ferse, in der Ausbildung des Beckens, welches bei gewissen niedern Völkern die Geschlechtsverschiedenheiten weniger typisch entwickelt zeigt, etc. Namentlich aber zeigen sich wesentliche Verschiedenheiten in der Schädel- und Gesichtsbildung. Das Augenmerk der Anthropologen richtet sich daher in erster Linie auf die Feststellung der Größen- und Gestaltverhältnisse des Kopfskeletts, bez. des knöchernen Schädels. (Kraniologie, Schädellehre, s. d.). Als Hilfsmittel dient neben der Beschreibung und bildlichen Darstellung die Messung der Hauptdimensionen. Eine strenge Durchführung bestimmter Meßprinzipien und darauf begründete Einteilung der M. verdankt man erst dem schwedischen Anatomen Andreas Retzius, als dessen Vorläufer Camper, Blumenbach, Prichard, Geoffroy Saint-Hilaire, Spix, Morton u. a. anzusehen sind. Retzius legte nämlich dieser Einteilung das gegenseitige Verhältnis der beiden wichtigsten Schädeldurchmesser, des größten Längen- und des größten Breitendurchmessers, zu Grunde. Beim Überwiegen des erstern entsteht eine mehr länglich-ovale, bei dem des letztern eine mehr rundlich-kurze Schädelform. Die Völker der ersten Gruppe bezeichnete er als Dolichokephalen (Langschädel), die der zweiten als Brachykephalen (Kurzschädel). Zu erstern rechnet er Schädel, bei denen der Längsdurchmesser den Querdurchmesser bedeutend überwiegt (Länge:Breite = 100:65 im Extrem), zu den Brachykephalen dagegen die, deren Längs- und Querdurchmesser sich mehr nähern (Länge:Breite = 100:85). Jede dieser Hauptklassen schied er wieder je nach dem stärkern oder geringern Vorspringen der Kiefer und Zähne über das Gesichtsprofil in schiefzähnige (prognathe) und geradzähnige (orthognathe) Völker. In die so entstehenden vier Hauptgruppen brachte Retzius die verschiedensten Völker unter, aber es zeigte sich dabei, daß diese kraniologischen Merkmale allein nicht ausreichten, eine Rasseneinteilung zu begründen, weil auf diese Weise Völker zusammengeworfen werden, die im übrigen so verschiedenartig wie möglich sind. Trotzdem bleibt das Verdienst Retzius', zuerst diese Einteilung aufgestellt zu haben, bestehen, und die Kraniologie hat auf diesen Fundamenten weitergebaut. Der "Schädelindex", d. h. das Verhältnis zweier Hauptmaße desselben zu einander, das größere Maß = 100 gesetzt, ist eins der wichtigsten Kennzeichen bei der Schädelmessung geworden (vgl. Schädellehre).

Bedeutungsvoll erscheint nächstdem die Gesichtsbildung und der derselben zu Grunde liegende Knochenbau. Hier steht das gegenseitige Verhältnis der Gesichtsbreite und Gesichtslänge obenan: niedere (chamäoprosope), hohe (leptoprosope) Gesichter (Breitgesichter, Schmalgesichter). Das Hervorspringen der Jochbogen, die Abmachung des ganzen Gesichts, die Bildung der Stirn (breit, schmal, hoch, niedrig, fliehend, gerade), das Hervortreten der Augenbrauenbogen und des Nasenwulstes stehen ferner in engstem Zusammenhang mit der Physiognomie der Rassenmenschen. Dazu kommt die Form, Stellung, Weite und Entfernung der Augenhöhlung, der Nasenöffnung, die Gestalt des Gaumens, der sogen. Gesichtswinkel, alles Verhältnisse, deren genaue Feststellung, durch Maße in der Rassenkunde eine bedeutende Rolle spielt. Ein einheitliches Meßverfahren ist zwar noch nicht vereinbart, doch ist in jüngster Zeit auch in dieser Hinsicht ein großer Fortschritt zu verzeichnen, indem für Deutschland wenigstens eine Verständigung über ein gemeinsames kraniometrisches Verfahren ("Frankfurter Verständigung") erzielt wurde. Daran schließt sich eine internationale Vereinigung über Gruppeneinteilung und Bezeichnung der Schädelindexe, welche, vom anthropologischen Institut von Großbritannien und Irland ausgegangen, jetzt bereits von zahlreichen Anthropologen angenommen ist. (Vgl. "Korrespondenzblatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie etc.", März 1886.)

An dem von den Weichteilen bekleideten Gesicht und Schädel kommen weitere Merkmale in Betracht: die Art des Haaransatzes, die Gestalt der Nase (gerade, Adler-, Stumpf- etc., breite, flache, platte Nase, verschiedene Typen der Nasenöffnungen), die Stellung und Form der Augenspalte (weit offen, enggeschlitzt, horizontal, nach außen ansteigend), die Entwickelung des sogen. dritten Augenlides (plica semilunaris), die Form des Ohrs (Ohrläppchen), die Mund- und Lippenbildung (ob gewulstet und breit, ob schmal). Von den innern Organen ist bisher am eingehendsten, wenn auch nicht durch direkte Beobachtung, so doch durch die Messung der Größe des Schädelraums, in dem es liegt, das Gehirn untersucht worden. Die "Schädelkapazität", d. h. der in Kubikzentimetern ausgedrückte Rauminhalt des Schädels, wird durch Einschütten von mehr oder weniger feinkörnigen Massen (Sand, Schrot, Hirse) gemessen und kann in sehr bedeutenden Grenzen schwanken (nach Topinard bei verschiedenen Rassen um 300 ccm und mehr). Sie schwankt ferner je nach dem Geschlecht, der Individualität und der Intelligenz des Gemessenen. Nach J. ^[Johannes] Ranke scheint das Maximum des Schädelinnenraums bei einem normalen Europäer unter 2000 ccm zu liegen und nach Topinard im Mittel etwa 1410 ccm zu betragen, 1000 ccm dürften das zulässige Mindestmaß für den weiblichen normalen Schädel sein. Der Rauminhalt der Weiberschädel ist bei allen Rassen im Mittel kleiner als der der Männerschädel, und wahrscheinlich beträgt der Unterschied bei wilden Rassen nicht weniger als bei zivilisierten.

In betreff der übrigen innern Organe sind noch wenig rassenanatomische Untersuchungen angestellt worden, am meisten noch über die Form der Geschlechtsteile ("Hottentotenschürze", s. d.). Auch gewisse physiologische Rassencharaktere sind von Bedeutung, wie das zeitliche Auftreten der Pubertät, die Dauer des Säugens der Kinder, ferner die mittlere Lebensdauer. Endlich können selbst Krankheiten Bedeutung haben,