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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Mimēsis; Mimetesīt; Mimētische Kristalle; Mīmik

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Mimesis - Mimik.

chos ausgebildete Dichtungsart, welche, an die volkstümlichen Possenspiele der Sikelioten anknüpfend, dialogisierte Gemälde aus dem (besonders ländlichen) Lebens Siziliens enthielt. Sie waren in einer mit Sprichwörtern gemischten, volkstümlichen, aber mit rhythmischer Kunst behandelten Sprache abgefaßt und nicht für die Bühne, sondern zur Lesung in geselligen Kreisen und zur Recitation bei Festlichkeiten bestimmt. Platon verpflanzte diese M. nach Athen und benutzte sie für die Färbung seiner Dialoge; Theokrit zog aus ihnen Gewinn für die Charakteristik seiner Idyllendichtung. - Wie diese griechischen M. in Sizilien aus dem Volksleben hervorgingen, so bildete sich in Italien, insbesondere bei den Latinern, der Mimus der Römer aus, welcher als possenhafte Darstellung von Personen und Vorgängen des gemeinen Lebens auf der Bühne wohl so alt war wie diese selbst. Wie bei den Atellanen, von denen sich der Mimus im wesentlichen nur durch das Fehlen der stehenden Charaktermasken unterschied, hatte hier die Improvisation allezeit den weitesten Spielraum. In Rom lange Zeit auf die Winkelbühnen beschränkt, erscheint der Mimus zur Zeit Ciceros an Stelle der Atellanen auch auf den großen Theatern und behauptete sich hier, anfangs als Zwischen- und Nachspiel, später als selbständiges Stück, bis in die späte Kaiserzeit. Die berühmtesten Mimendichter (Mimographen) der Römer waren Decimus Laberius und Publ. Syrus. Durch sie wurde der Kreis der Stoffe erweitert, die Form des Mimus der der übrigen Dramengattungen näher gebracht und die ganze Dichtung zum Litteraturzweig erhoben. Charakteristisch ist, daß Gesichtsmasken und Theaterschuhe bei den M. nicht in Anwendung kamen; dagegen wurden, im Gegensatz zu allen sonstigen Schauspielen, Frauenrollen wirklich von Frauen gegeben, die, wie das ganze Personal, im übelsten Ruf standen. Übrigens werden auch die dramatischen Darsteller solcher Stücke sowie die Schauspieler überhaupt M. genannt.

Mimēsis (griech., auch Ethopöie), in der Rhetorik die "Nachahmung" eines andern Charakters, indem man einer bestimmten Person Worte in den Mund legt, welche dem Charakter derselben entsprechen, um entweder ihre Würdigkeit oder Unwürdigkeit damit zu beweisen. Im letztern Fall wird sie leicht zur Ironie. Mimētisch, nachahmend, nachäffend.

Mimetesīt (Grünbleierz zum Teil), Mineral aus der Ordnung der Phosphate, kristallisiert hexagonal in tafelartigen oder pyramidalen Kristallen, meist in Gruppen, ist gelb, gelblichgrün oder grau, fett- oder diamantglänzend, durchscheinend, Härte 3,5-4, spez. Gew. 7,19-7,25, besteht aus arseniksaurem Bleioxyd mit Chlorblei 3Pb3As2O8+PbCl2 ^[3Pb_{3}As_{2}O_{8}+PbCl_{2}], findet sich auf Bleierzlagerstätten bei Johanngeorgenstadt, Zinnwald, Badenweiler, in Cornwall, Pennsylvanien, Mexiko etc.; dient als Bleierz und zur Glasfabrikation.

Mimētische Kristalle, s. Zwillingskristalle und Kristall, S. 234.

Mīmik (griech.), das Vermögen, durch Mienen und Gebärden Empfindung, Gedanken und Willen auszudrücken. Bildet sich diese allen Menschen mehr oder weniger zukommende Fähigkeit zu der Geschicklichkeit aus, gewisse Individualitäten nach ihrer äußern Erscheinung nachzubilden, so ist sie porträtierende M., die lediglich in Nachahmung besteht und, je nachdem sie körperliche oder psychische Eigentümlichkeiten anderer Personen zur Anschauung bringt, entweder somatologische oder psychologische M. sein kann. Zu jener gehört z. B. die Nachahmung körperlicher Mängel, des Hinkens, Schielens etc., zu dieser die Darstellung gewisser Charaktereigentümlichkeiten, z. B. des Stolzes, der Furchtsamkeit, der Habsucht etc. Geht die M. aber darauf aus, innere Seelenzustände zum deutlichsten, jedermann verständlichen Ausdruck zu bringen, so ist sie als selbstschaffende, idealisierende M. eine Kunst im eigentlichen Sinn des Wortes und ein Hauptmittel der dramatischen Darstellung, möge es sich dabei um die Vorführung tragischer oder komischer Rollen handeln. In ihrer Verbindung mit der Redekunst ist sie entweder theatralische (dramatische) oder oratorische M. (s. Deklamation), in ihrer Verbindung mit der Musik aber orchestische M. oder belebte Rhythmik. Die Schönheit der mimischen Darstellung an sich und abgesehen von der damit zu erzielenden Wirkung der Rede oder der Musik beruht zum guten Teil auf natürlicher Anlage und völliger Herrschaft über das Spiel der Gesichtsmuskeln und über die Körperbewegungen, obwohl Übung und Studium unstreitig viel zur Ausbildung vorhandener Anlagen beitragen können. Unentbehrliche Erfordernisse derselben sind Klarheit und Deutlichkeit, Natürlichkeit, Grazie, Mannigfaltigkeit und Einheit. Für die relative Schönheit der M. gilt als Hauptsatz, aus welchem sich alle übrigen leicht herleiten lassen: alle Gebärden müssen mit dem Charakter der Rede oder Musik, die sie zu begleiten haben, auf das genaueste übereinstimmen und also die Gedanken der Rede oder Musik gleichsam verkörpern. Spuren mimischer Darstellungsweise lassen sich bei den meisten kultivierten Völkern des Altertums nachweisen. Bei den Griechen bildete sie einen wesentlichen Bestandteil der Orchestik und gewann bei den Römern in der Pantomimik (s. Pantomime) ihre höchste Ausbildung. Die M. der Alten war übrigens im eigentlichen Sinn plastisch, d. h. sie wirkte durch die gesamte Gestalt, während die Individualität und Gesichtsmimik des Darstellers durch den Gebrauch der Theatermasken stark eingeschränkt wurde. In der neuern Zeit war das Ziel der M., die sich als Kunst größtenteils auf die Bühne beschränkte, die möglichst ausgeführte subjektive Charakteristik. Vgl. Engel, Ideen zu einer M. (Berl. 1785, 2 Bde.); Cludius, Grundriß der körperlichen Beredsamkeit (Hamb. 1792); Schebest, Rede und Gebärde (Leipz. 1861); K. Michel, Die Gebärdensprache (Köln 1886).

Die Kunst der darstellenden M. beruht hauptsächlich auf der Nachahmung der unwillkürlichen mimischen Bewegungen, welche, als Ausdruck gewisser Leidenschaften und Stimmungen, besonders in den Gesichtsmuskeln zum Vorschein kommen. Diese jedem verständliche und, wie Darwin konstatiert hat, bei allen Völkern merkwürdig gleichartige Mienensprache physiologisch zu erklären, ist erst neuerdings einigermaßen gelungen. Joh. Müller und Lotze waren noch der Ansicht, daß sich für die Veränderung der Gesichtszüge durch Affekte "weder Grund noch Zweck angeben lasse", obwohl schon Erasmus Darwin versucht hatte, das Gebärdenspiel von natürlichen Ursachen abzuleiten. Duchenne ("Mécanisme de la physionomie humaine", 1862) suchte durch elektrische Reizung die Bedeutung der einzelnen Gesichtsmuskeln für das Mienenspiel genauer festzustellen, huldigte aber, ebenso wie Ch. Bell ("Anatomy of expression", 1806), der ideologischen Anschauung, daß die mimischen Gesichtsmuskeln uns von der Natur als "Werkzeuge des Ausdrucks" und nur zu dem Zweck verliehen seien, um unsre Gemütsbewegungen in der dem Menschen angebornen und nicht weiter erklärbaren Weise zu äußern. Th. Piderit, dessen Arbeiten als bahnbrechend auf diesem Gebiet anerkannt