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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Muskeln

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Muskeln (Physiologisches).

wenn sie eine glatte Gestalt haben, mit solchen Häuten (Sehnenhäuten) in Verbindung. Diese stellen gleichsam die Zugseile vor, durch welche die lebendige Kraft des Muskels auf den beweglichen Knochen übertragen wird. Bei der Kontraktion wird der Muskel kürzer und dem entsprechend dicker, indes die Sehne unverändert bleibt. Man unterscheidet an jedem Muskel eine Ursprungs- und Endsehne, während das eigentliche Fleisch des Muskels Muskelbauch heißt. Zerfällt letzterer durch eine eingeschobene Sehne in zwei Teile, so ist er ein zweibäuchiger Muskel. Verläuft die Sehne eines Muskels in seinem Fleisch eine Strecke weit aufwärts, und befestigen sich die Muskelbündel von zwei Seiten her unter spitzem Winkel an sie, so hat man einen gefiederten Muskel. Liegt die Sehne an einem Rande des Fleisches, und ist die Richtung zu ihr dieselbe schiefe wie beim gefiederten Muskel, so wird er halbgefiederter Muskel genannt. Hat ein Muskel mehrere Ursprungssehnen, welche fleischig werden und dann in einen gemeinschaftlichen Muskelbauch übergehen, so ist er ein zwei-, drei- oder vierköpfiger Muskel. In der beschreibenden Anatomie geschieht die Benennung der einzelnen M. teils nach ihrer Form, teils nach ihrem Ursprung und Ende, teils nach ihrer Wirkung etc. Über die chemische Beschaffenheit der M. s. Fleisch, S. 359 f.

Physiologie der Muskeln.

Die Physiologie unterscheidet am Muskel drei verschiedene Zustände, nämlich 1) den der Ruhe, 2) den der Starre und 3) denjenigen der Thätigkeit.

Der ruhende Muskel besitzt eine geringe, indessen höchst vollkommene Elastizität. Über den Stoffwechsel im ruhenden Muskel weiß man kaum mehr, als daß er durchgeleitetes arterielles Blut schnell in venöses verwandelt. Absolute Ruhe der M. kommt in Wirklichkeit nur selten vor, der scheinbar ruhende Muskel des lebenden Körpers befindet sich vielmehr meistens in einem Zustand tonischer Kontraktion. Dieser Zustand wird regelmäßig beobachtet, sobald die M. mäßig gespannt sind. Die Bedeutung dieser an sich nur sehr geringen Kontraktion für die Mechanik der Bewegung ist eine außerordentlich hohe, denn durch sie wird es ermöglicht, daß beim Übergang aus dem Zustand der Ruhe in den der Thätigkeit sofort eine Annäherung der Befestigungspunkte erfolgen kann, ohne daß erst Zeit und Kraft zur Anspannung des schlaffen Muskels verloren ginge. Es wird also auf diese Weise der sogen. tote Gang der Maschine vermieden.

Unter Muskelstarre versteht man einen eigentümlichen Zustand, in welchem die M. ihre Erregbarkeit vollständig eingebüßt und sich in ihrer Längsrichtung wesentlich verkürzt haben. Dabei hat sich ihre Elastizität bedeutend verringert, und ihre Reaktion ist sauer geworden. Die Starre wird durch die Gerinnung des Myosins hervorgerufen, und alle die zahlreichen Einflüsse, welche die Gerinnung dieses Körpers beschleunigen oder verzögern, fördern oder hindern auch den Eintritt der Starre. Dem entsprechend wird sie beispielsweise gefördert durch Wärme. Beim Erwärmen des Muskels auf 48-50° erfolgt sie fast augenblicklich (Wärmestarre), während sie sich durch Abkühlung des Muskels auf 0° um mehrere Tage hinausschieben läßt. Die M. verfallen kurze Zeit nach dem Absterben stets in den Zustand der Starre. Hierdurch wird die eigentümliche steife Beschaffenheit der Leichen bedingt, die unter dem Namen der Totenstarre (rigor mortis) bekannt ist. Die Starre stellt keinen bleibenden Zustand dar; beim Eintritt der Fäulnis verschwindet sie, weil die saure Reaktion des starren Muskels durch Ammoniakbildung in eine alkalische verwandelt wird.

Die Thätigkeit des Muskels offenbart sich nach außen als eine Formveränderung, bei der seine Länge ab-, seine Dicke zunimmt. Da man bei dem mechanischen Effekt dieser Formveränderung, also bei der Leistung des Muskels, fast ausschließlich die Verringerung des Längsdurchmessers berücksichtigt, so bezeichnet man die Thätigkeit des Muskels auch einfach als Zusammenziehung oder Kontraktion des Muskels, und weil diese Kontraktion außerordentlich schnell verläuft und einen zuckenden Charakter hat, so spricht man auch von einer Muskelzuckung. Die Fähigkeit des Muskels, sich zu verkürzen, nennt man seine Erregbarkeit oder Irritabilität. Sie wohnt der Muskelsubstanz als solcher inne und ist völlig unabhängig von der Nervenirritabilität. Denn auch nervenlose Muskelfasern sind erregbar, und es gibt eine ganze Anzahl von Muskelreizen, welche keine Nervenreize sind. Eine Kontraktion findet nur infolge gewisser Einwirkungen, die man als Reize bezeichnet, statt. Als solche kennen wir: 1) Die von dem Zentralnervensystem ausgehenden und durch die Nerven vermittelten Reize. Durch sie kommen sowohl willkürliche als reflektorische Kontraktionen zu stande. 2) Mechanische Reize: Quetschen, Stechen und andre mechanische Einwirkungen auf die M. veranlassen deren Kontraktion. 3) Chemische Reize: verdünnte Säuren und Alkalien, Ammoniak, Glycerin, Galle, destilliertes Wasser und andre Substanzen. 4) Thermische Reize. Berührt man einen ausgeschnittenen Muskel eines frisch getöteten Tiers mit Körpern, die wärmer oder kälter als der Muskel sind, so gerät dieser in Thätigkeit. 5) Elektrische Reize. Sie haben für die Experimentalphysiologie eine außerordentliche Bedeutung erlangt, weil man sie so genau beherrschen und abstufen kann, daß sie weniger als die übrigen Reize die M. erschöpfen und für fernere Reizungen untauglich machen. Da Stromesschwankungen weit wirksamer sind als der konstante Strom, so bedient man sich allgemein des Induktionsstroms. Jeder einzelne Induktionsstrom bedingt eine Zuckung, deren Umfang von der Dichtigkeit des Stroms und der Erregbarkeit des Muskels abhängig ist. Die Experimentalphysiologie bedient sich bei ihren Untersuchungen der Muskelpräparate von frisch getöteten Kaltblütern (besonders Fröschen), weil diese weit länger ihre Erregbarkeit bewahren als diejenigen der Warmblüter.

Zum Ablauf jeder einzelnen Muskelkontraktion ist ein nicht unbedeutender Zeitabschnitt erforderlich. Wird ein Muskel von so schnell aufeinander folgenden Reizen betroffen, daß er während der nur kurzen Pausen keine Zeit findet, wieder in den Zustand der Ruhe zu gelangen, so gerät er in einen eigentümlichen Zustand, den man als Starrkrampf oder Tetanus bezeichnet. Nimmt auch unser Auge an dem tetanischen Muskel keine Bewegung wahr, so verweilt dieser doch keineswegs im Zustand der Ruhe, sondern es folgt hier Kontraktion auf Kontraktion. Dieses wird besonders durch die Erscheinung des Muskelgeräusches oder Muskeltons bewiesen. Man versteht darunter einen schwachen Ton, den das Ohr beim Auflegen auf einen in Tetanus versetzten Muskel empfindet. Er wird nur dann vernommen, wenn der tetanische Muskel mindestens 19 Kontraktionen in der Sekunde ausführt, und wird um so höher, je größer die Zahl der Kontraktionen sich gestaltet.

Bei der Thätigkeit des Muskels nimmt, wie schon