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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Naturheilung; Naturkräfte; Naturlehre; Natürliche Kinder; Natürliche Religion; Naturmaß; Naturphilosophie

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Naturheilung - Naturphilosophie.

Gifte, welche von außen in die Säftemasse und die Organe gelangen oder im Körper selbst durch gehemmte Hautthätigkeit oder mangelhafte Verdauung, die gewöhnlichen Folgen von unzweckmäßiger Lebensweise und den Arzneikuren, entstehen und daselbst zurückgehalten werden. Außerdem können höchstens noch geistige Eindrücke und Verletzungen Krankheit erzeugen." Die N. kümmert sich zugleich wenig um einzelne Krankheiten; sie spricht gewöhnlich nur von einem "Kranksein", einer "Ungesundheit", entstanden durch die obigen Ursachen, oder unterscheidet nur eine akute oder hitzige und eine chronische oder langwierige Krankheitsform. Die Krankheitsvorgänge betrachtet sie als Heilsvorgänge, durch welche die den Lebensakt störenden Stoffe unter den Zeichen des Fiebers, der Entzündung, der Gärung und Fäulnis, d. h. durch Zersetzungsprozesse, unschädlich gemacht werden. Auf diesem Weg ist die N. so weit gekommen, beispielsweise Masern, Pocken, Scharlach für "von der Natur für ein bestimmtes Lebensalter eingesetzte Reinigungsprozesse zu erklären, deren Lebensgefährlichkeit erst durch das hinfällige Menschengeschlecht sowie durch die Arzneiheilkunde selbst geschaffen worden sei". Die Behandlung richtet sich nur auf Vorschriften über die Lebensweise, die Nahrung, Bäder, gute Luft, Bewegung, dagegen nicht auf örtliche Leiden. Alle diese Vorschriften werden nun auch von den Ärzten, d. h. den Vertretern der Medizin, gutgeheißen, abgesehen etwa von den Ausartungen der Wasserheilanstalten, und die Gefahr für den Laien, der sich der N. anvertraut, liegt nur darin, daß weder der Kranke noch der Naturheilkünstler, der Naturarzt, entscheiden kann, ob für den vorliegenden Fall eine gute Allgemeinpflege ausreicht, oder ob dem Leidenden durch Vernachlässigung einer örtlichen Behandlung ein bleibender Nachteil zugefügt wird. So ist es zu erklären, daß der Erfolg, dieser von den Laien aller Stände anerkannte Prüfstein, bei ähnlich erscheinenden Leiden bald für, bald wider die N. spricht, und daß die Diskussion über den Wert oder Unwert der Heilmethode niemals im allgemeinen, sondern nur an den jedesmal vorliegenden einzelnen Fällen entschieden werden kann. Die eigentlichen Begründer dieser Verfahren sind die beiden Landleute Vinzenz Prießnitz in Gräfenberg (gest. 28. Nov. 1851) und Johann Schroth (gest. 26. März 1856 zu Lindewiese in Österreichisch-Schlesien), von denen ersterer vornehmlich die Kaltwasserkuren (Hydropathie), letzterer die Anwendung der feuchten Wärme und der diätetische Methode eingeführt hat. Die N. hat ihre Anhänger seither vorzugsweise unter den Laien, zum weit geringern Teil unter naturwissenschaftlich gebildeten Ärzten gefunden. Sie hat es an Agitation durch Wort und Schrift nicht fehlen lassen und sucht ihre Lehre durch Zeitschriften und Vereine zu verbreiten. Dabei ist sie in ein engeres Verhältnis zum Vegetarismus getreten und verwirft auch die Impfung. Vgl. die Schriften von M. Hahn, Franke, Fröhlich, Kypke u. a.; Richter, Lehrbuch der N. (Heidelb. 1866); Steinbacher, Handbuch des gesamten Naturheilverfahrens (2. Aufl., Augsb. 1869), und mehrere Zeitschriften ("Zeitschrift des deutschen Vereins für volksverständliche Gesundheitspflege", "Der Naturarzt" u. a.).

Naturheilung, die Heilung von Krankheiten durch die im Organismus wirksamen physikalischen und chemischen Prozesse des Stoffwechsels ohne ärztliche Kur. Die spontane Genesung bei unzähligen Krankheiten ist eine allgemein anerkannte Thatsache. Dieselbe kommt dadurch zu stande, daß die krankhaften Störungen des Stoffwechsels unter dem Einfluß günstiger äußerer Verhältnisse (Ruhe, Diät), seltener selbst unter den ungünstigen äußern Bedingungen sich wieder ausgleichen. Eine Wunde heilt beispielsweise "von selbst" durch direkte Verklebung oder Bildung von Granulationen; eine Lungenentzündung heilt dadurch "von selbst", daß das in den Lungenbläschen ausgeschiedene Exsudat sich wieder verflüssigt, dann ausgehustet oder durch die Blut- und Lymphgefäße wieder aufgesogen wird etc. Die Therapie besteht bei den verschiedensten Krankheiten einzig und allein in einer Unterstützung dieses Naturheilungsprozesses. Eine besondere "Naturheilkraft" (Selbsterhaltungstrieb) gibt es indessen ebensowenig wie die sogen. Lebenskraft (s. d.). Die N. findet auch, selbst wenn man von den sogen. unheilbaren Krankheiten absieht, bei weitem nicht in allen Fällen statt. Die verschiedenartigsten Krankheiten, bei welchen das ärztliche Eingreifen erfolgreich zu wirken im stande ist, endigen, sich selbst überlassen, mit der Zerstörung einzelner Organe (organischen Fehlern) oder mit der Vernichtung des ganzen Organismus (Tod).

Naturkräfte, die in der Natur wirkenden Kräfte, s. Kraft.

Naturlehre, meist s. v. w. Physik.

Natürliche Kinder (Liberi naturales), die leiblichen Kinder eines Elternpaars im Gegensatz zu adoptierten; dann im gewöhnlichen Sprachgebrauch s. v. w. unehelich erzeugte Kinder.

Natürliche Religion, das lediglich auf der sittlichen Natur des Menschen beruhende religiöse Verhalten im Gegensatz zur geoffenbarten Religion, wohl zu unterscheiden von Naturalismus (s. d.). Vgl. Religion.

Naturmaß, s. Maß.

Naturphilosophie im allgemeinen ist ein Teil der Philosophie (s. d.) und zwar des theoretischen Teils derselben, welcher von dem, was ist (Metaphysik; s. d.), im Gegensatz zum praktischen, welcher von dem, was sein soll (Ethik, s. d.), handelt. Als solcher unterscheidet sie sich von dem andern Teil der theoretischen Philosophie, der Geistesphilosophie (deren Gegenstand der Geist, entweder der unendliche: Theologie, oder der endliche: Psychologie, ist), dadurch, daß ihr Gegenstand die Natur, von der (empirischen) Naturwissenschaft, welche denselben Gegenstand hat, dadurch, daß sie eben Philosophie ist. Wer daher (wie der Materialismus) keinen von der Natur unterschiedenen Geist anerkennt, für den verwandelt sich die ganze theoretische Philosophie in bloße N.; wer (wie der Empirismus) auch die Philosophie für eine Erfahrungswissenschaft erklärt, für den besteht zwischen N. und Naturwissenschaft kein wirklicher, sondern höchstens ein Namensunterschied. In ersterm Sinn machen Systeme, welche überhaupt eine Metaphysik behandeln, von derselben Anwendung auf die Natur (Metaphysik der Natur, N.); in letzterm Sinn will bisweilen, da sie auf die Bezeichnung als Philosophie selten Wert zu legen pflegt, empirische Naturwissenschaft für N. gelten (Häckel). Folge des erstern Umstandes ist, daß die Gegensätze der philosophischen Schulen hinsichtlich der allgemeinen Metaphysik (Monismus, Monadismus, Alleinheits-, Allvielheitslehre), Folge des letztern, daß die Gegensätze der empirischen Physik (Dynamismus, Atomismus) auf die N. übertragen werden. Im engern Sinn wird unter N. jene Gestalt der Philosophie Schellings (s. d.) verstanden, welche in dessen ersten Schriften enthalten und von ihm später als negative im Gegensatz zu seiner schließlichen positiven oder Offenbarungsphilosophie bezeichnet worden ist. Vgl. Schaller, Geschichte