Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Nerven

58

Nerven (physiolog.).

Die Fähigkeit des Nervs, durch gewisse Einwirkungen, die man als Reize bezeichnet, in den thätigen Zustand übergeführt zu werden, nennt man seine Erregbarkeit oder Reizbarkeit. Dieselbe ist zunächst abhängig von der normalen chemischen Zusammensetzung des Nervs. Ferner ist sie gebunden an die Verbindung des Nervs mit einem nervösen Zentralapparat; nach der Lösung dieser Verbindung nimmt die Reizbarkeit zuerst zu, um dann bis zum völligen Erlöschen abzusinken. Anhaltende Unthätigkeit eines Nervs verringert seine Erregbarkeit und kann selbst zur Degeneration des Nervs führen. Übermäßige Thätigkeit bewirkt Ermüdung und Verengerung der Erregbarkeit; Ruhe stellt den normalen Zustand wieder her. Einen eigentümlichen und sehr eingehend studierter Einfluß auf die Erregbarkeit des Nervs bekundet der konstante elektrische Strom. Führt man durch eine beliebig lange Strecke eines Nervs einen konstanten Strom, so gerät der ganze Nerv in einen Zustand, in welchem seine Erregbarkeitsverhältnisse eigentümlich modifiziert erscheinen. Diesen Zustand des Nervs bezeichnet man als Elektrotonus, und man unterscheidet den Zustand im Bereich der positiven Elektrode (Anode), Anelektrotonus, von dem im Bereich der negativen Elektrode (Kathode), Katelektrotonus. Zwischen beiden liegt ein Indifferenzpunkt, an dem die veränderte Erregbarkeit nicht nachzuweisen ist. Der Elektrotonus tritt nun als eine Erhöhung der Erregbarkeit an der Kathode, als eine Verminderung derselben an der Anode in die Erscheinung.

Die Nervenreize sind chemischer, mechanischer, thermischer oder elektrischer Natur. Alle Einflüsse, welche die normale Zusammensetzung des Nervs in einem gewissen Umfang u. mit einer gewissen Schnelligkeit verändern, sind als Nervenreize aufzufassen. Schon bloße Wasserentziehung wirkt als starker Reiz, ferner wirken erregend: Mineralsäuren, Milchsäure, Metallsalze, Alkalien, Glycerin, Alkohol, Äther, Galle etc. Die meisten chemischen Reize vernichten gleichzeitig auch die Erregbarkeit. Mechanisch reizend wirken alle mit einer gewissen Schnelligkeit und einer gewissen Stärke erfolgenden mechanischen Erschütterungen des Nervs. Läßt man eine Anzahl mechanischer Reize mit genügenden Schnelligkeit hintereinander auf den Nerv einwirken, so gerät der Muskel in tetanische Kontraktion. Thermisch reizend wirken rasche Übergänge sowohl zu höherer als zu niedrigerer Temperatur. Ein ganz konstanter, den Nerv in seiner Längsrichtung durchfließender Strom stellt keinen Nervenreiz dar, sondern nur Veränderungen der Stromdichte wirken erregend und zwar umso stärker, je schneller diese Veränderungen vor sich gehen. Die Erscheinung, daß ein Reiz, der an irgend einer Stelle den Nerv trifft, eine Veränderung im entsprechenden Endorgan bewirkt, spricht für eine Fortpflanzung der Erregung durch die Nervenfaser. Man spricht deshalb von einem Leitungsvermögen der N. Die Nervenfaser ist nur dann im Besitz dieses Vermögens, solange ihr Zusammenhang an keiner Stelle unterbrochen ist. Ist letzteres aber geschehen, so kann sich der Reiz über die verletzte Stelle hinaus nicht fortpflanzen. Die Erregung geht auch nie auf eine benachbarte Nervenfaser über; die Leitung jeder Faser ist vielmehr vollkommen isoliert, und die Erregung pflanzt sich stets nur in der gereizten Faser fort. Erfolgt die Leitung in der Richtung von der Peripherie nach dem Zentrum, so nennt man sie zentripetal, in umgekehrte Richtung aber zentrifugal: Die N. leiten für gewöhnlich nur in einer Richtung; man unterscheidet deshalb zentripetal von zentrifugal leitenden Nervenfasern. Hieraus darf man aber nicht schließen, daß ein prinzipieller Unterschied zwischen diesen Fasern bestehe, und daß jede Faser überhaupt nur in einer einzigen Richtung zu leiten im stande sei. Vielmehr besteht sehr wahrscheinlich ein doppelsinniges Leitungsvermögen. Die Erregung pflanzt sich mit einer meßbaren Geschwindigkeit im Nerv fort. Die mittlere Geschwindigkeit im Froschnerv fand Helmholtz = 26,4 m in der Sekunde.

Am Nerv beobachtet man elektrische Erscheinungen, die eine große Ähnlichkeit mit denen des Muskels besitzen. Bringt man nämlich ein Galvanometer mit einem natürlichen Längsschnitt und einem künstlichen Querschnitt eines noch nicht abgestorbenen Nervs in Verbindung, so überzeugt man sich von dem Vorhandensein eines elektrischen Stroms, der ähnliche Gesetze befolgt wie der Muskelstrom. Die elektromotorische Kraft des Nervs ist nun am größten im Zustand der Ruhe. Wie beim Muskel, so ist auch hier die Abnahme des Stroms bei der Erregung von Du Bois-Reymond als negative Stromesschwankung bezeichnet worden.

Physiologisch bringt man die Nervenfasern in drei große Gruppen: 1) zentrifugal leitende, 2) zentripetal leitende und 3) interzentrale Fasern. Je nach der Arbeitsleistung, welche ihre Erregung in den peripheren Organen hervorruft, bezeichnet man die zentrifugal leitenden Fasern a) als motorische Fasern, d. h. solche, auf deren Erregung Muskelkontraktion erfolgt. N., welche an die Muskulatur von Blutgefäßen treten, bezeichnet man als vasomotorische N., und man unterscheidet hier zwischen Vasokonstriktoren und Vasodilatatoren; auf Reizung der erstern verengern sich, auf solche der letztern erweitern sich die Blutgefäße; b) als sekretorische Fasern; ihr peripheres Endorgan ist eine Drüsenzelle, und durch die Erregung dieser Fasern wird der Absonderungsvorgang in der Drüse angeregt. Die zentripetalen Fasern leiten Erregungen der peripheren Endorgane nach dem Zentrum hin und lösen hierselbst entweder Empfindungen aus, oder die im Zentrum anlangende Erregung wird auf zentrifugale, d. h. also auf motorische oder sekretorische, Fasern übertragen. Im erstern Fall spricht man von sensibeln, im letztern von reflektorischen oder excitomotorischen Nervenfasern. Die sensibeln N. lassen sich einteilen 1) in die gewöhnlichen sensibeln Fasern, durch deren Erregung Gemeingefühle, wie z. B. der Schmerz, ausgelöst werden, und 2) in Sinnesnerven, d. h. solche, deren Erregung spezifische Empfindungen, wie Sehen, Hören, Riechen etc., bewirkt. Die reflektorischen Fasern übertragen ihre Erregung entweder auf motorische oder auf sekretorische Fasern; im erstern Fall spricht man von Reflexbewegungen, im letztern von Reflexabsonderungen. - Interzentrale Fasern sind solche, welche nervöse Zentralapparate in leitende Verbindung setzen. Hierher gehört die Mehrzahl der Fasern des Gehirns und des Rückenmarks, Fasern des sympathischen Nervs etc. Nicht immer wird durch die Erregung von Nervenfasern eine Thätigkeit in Gang gesetzt oder unterhalten; es gibt auch Fasern, die eine regulierende Thätigkeit ausüben, und durch deren Erregung eine Thätigkeit verzögert oder angehalten wird; man bezeichnet sie als Hemmungsfasern. Über die Erkrankungen der N. s. Nervenkrankheiten. Vgl. Du Bois-Reymond, Untersuchungen über tierische Elektrizität (Berl. 1848-84, 2 Bde.); Derselbe, Gesammelt