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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Nordische Sprache und Litteratur

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Nordische Sprache und Litteratur.

mershaimb, Färöisk Sprogläre, in "Annaler" 1854), während auf den andern nordischen Inselgruppen die nordische Sprache seit Jahrhunderte erloschen ist. Das Westnordische nun, und besonders das Isländische, pflegt man speziell als Nordisch oder Altnordisch zu bezeichnen, indem die reiche altnordische Litteratur zum weitaus größten Teil in altisländischen Handschriften erhalten ist. Die besten Grammatiken sind die ältere von Rask ("Vejledning til det islandske eller gamle nordiske Sprog", Kopenh. 1811; deutsch von A. Wienbarg, Hamb. 1839) und die neuern von Wimmer ("Oldnordisk Formläre", 2. Aufl., Kopenh. 1876; deutsch von Sievers, Halle 1871; schwed., Lund 1874) und Noreen (Halle 1884). Außerdem sind zu nennen: Gislason, Oldnordisk Formläre (unvoll., Kopenh. 1858), und J. ^[Jonathan] Aars, Oldnorsk Formläre (Christ. 1862); ferner die entsprechenden Abschnitte in Grimms "Deutscher Grammatik" und Holtzmanns "Altdeutscher Grammatik". Wörterbücher lieferten Cleasby und Vigfusson ("Icelandic-English dictionary", Oxford 1874), Sveinbjörn Egilsson ("Lexicon poeticum etc.", Kopenh. 1860, für Poesie), J. ^[Johan] Fritzner (Christ. 1867; 2. Aufl., das. 1883) und Möbius ("Altnordisches Glossar etc.", Leipz. 1866, für ausgewählte Prosatexte). Vgl. Möbius, Über die altnordische Sprache (Halle 1872).

Nordische Litteratur.

Die abgeschiedene Lage gewährte Island, während im eigentlichen Skandinavien fortwährende Kämpfe tobten, im allgemeinen eine friedliche Entwickelung und veranlaßte so die reiche Entfaltung der altnordischen Litteratur gerade auf Island. Auch besaß Island einen einheimischen Priesterstand, der die alten Überlieferungen seines Volkes nicht etwa auszurotten bemüht war, sondern dieselben nach Kräften pflegte und so der Begründer einer eigentlichen Litteratur ward. Diese begann, nachdem an Stelle der für längere Aufzeichnungen ungeeigneten Runenschrift (s. Runen) die lateinische eingeführt war (um 1150 wurde das lateinische Alphabet noch durch einige neue Zeichen vermehrt), im Anfang des 12. Jahrh.; jedenfalls ist aber vieles in gebundener und ungebundener Rede schon lange vorher in mündlicher Überlieferung fortgepflanzt worden. Die altnordische Litteratur zerfällt natürlich in Dichtung und Prosa, nur spielt letztere hier eine weit bedeutendere Rolle als bei den andern germanischen Völkern. Die Dichtung teilt sich wieder in Volksdichtung und Kunstdichtung. Die wertvollsten Erzeugnisse der erstern sind die allitterierenden Lieder, die man unter dem Gesamtnamen Edda zusammenzufassen pflegt, obwohl der Name eigentlich nur der jüngern oder prosaischen Edda zukommt (s. Edda); zu der letztern gehören die Dichtungen der Skalden, die sich den alten einfachen Eddaliedern gegenüber durch künstliche Versmaße und Anwendung des Reims sowie durch den übermäßigen Gebrauch von Umschreibungen (kenningar) auszeichnen.

Die Eddalieder zerfallen in Götterlieder (z. B. "Völu-spá", "Thrymskvidha", auch didaktischen Inhalts, wie "Hávamál") und Heldenlieder (hauptsächlich die Helgesage und die ursprünglich deutsche Siegfrieds- und Nibelungensage behandelnd). Außerdem gehören hierher alte Volkslieder mythischen oder heroischen Inhalts, wie sie in der Hervararsaga und Hálfssaga (Walkürenlied in der Njálssaga) enthalten sind. Eine Art Übergang zur Skaldendichtung bilden: Eiríksmál, Bjarkamál, Krákumál oder Lodhbrókarkvidha (am besten hrsg. von Th. Wisén in seinen "Carmina norroena", Lund 1826). Zweifellos sind die Eddalieder im allgemeinen älter als die Skaldenlieder, über eine positive Altersbestimmung sind indessen die Ansichten geteilt. Daß oft verschiedene Schichten der Überlieferung nebeneinander in demselben Lied vorliegen, macht die Entscheidung so schwierig. Doch sind die meisten Lieder in ihrer überlieferten Gestalt mit einiger Wahrscheinlich ins 10. Jahrh., einige vielleicht ins 9. und 11. Jahrh. zu setzen. Der Kern der meisten Lieder ist aber gewiß älter (weiteres s. Edda). Die Skaldendichtung beginnt schon im 9. Jahrh., doch fällt die Blütezeit derselben erst ins 10. Jahrh. und reicht bis ans Ende des 13. Jahrh. (s. Skalden). Die Lieder sind meist Loblieder auf Lebende oder Tote, besonders Fürsten; diese Lieder heißen Drâpa (s. d.) oder Flokkr. Später folgte eine geistliche Dichtung in skaldischen Versmaßen, deren berühmtestes Erzeugnis Eysteins "Lilja" (um 1350), ein Loblied auf Christus und Maria, ist. Außerdem gab es auf Island eine Art von Gelegenheitsdichtung, bestehend in einzelnen Strophen (lausavísur genannt), in deren Improvisation viele Isländer eine große Fertigkeit besessen haben müssen, und von denen die Sagas eine große Menge aufbewahrt haben. (Eine leider unkritische Gesamtausgabe der altnordischen poetischen Denkmäler ist Gudbr. Vigfussons "Corpus poeticum boreale", Oxford 1883, 2 Bde.) Nach dem Verfall der skaldischen Dichtung erwuchs auf Island eine neue, die sogen. Rimurpoesie, seit Ende des 14. Jahrh., mit Endreimen, eine Dichtung, die mit den Kämpeviser in Zusammenhang steht und unter südgermanischen Einflüssen entstanden ist. Inhaltlich sind diese Rímur teils selbständig, wie Skídharíma (Ende des 14. Jahrh., hrsg. von K. Maurer, Münch. 1869) und Olafsríma (vor 1395), teils haben sie den Inhalt romantischer Sagas ziemlich getreu wiedergegeben, wobei oft eine verlorne ältere Handschrift benutzt ist (vgl. Kölbing, Beiträge zur vergleichenden Geschichte der romantischen Poesie und Prosa des Mittelalters, Bresl. 1876; "Islenzk fornkvædhi", hrsg. von Grundtvig und Sigurdsson, Kopenhag. 1854 ff.). Hier ist auch der von Kölbing herausgegebene "Skaufhalabálkr" zu nennen, ein stabreimendes Fuchslied, die älteste Bearbeitung der Fuchssage im Norden. Die letzte Fortsetzung der ältern nordischen Dichtung sind die Volkslieder, von denen die norwegischen durch Landstad ("Norske Folkeviser", Christ. 1853), die färöischen am besten von Hammershaimb (Kopenh. 1851-55) herausgegeben sind; ferner in Prosa: "Isländische Volkssagen der Gegenwart" (hrsg. von Maurer, Leipz. 1860), isländisch: "Islenzkar thjódhsögur og äfintyri" (gesammelt von Arnason, das. 1862-64).

Die Prosa ist besonders vertreten durch die reiche Sagalitteratur (s. Saga). Während ein Teil derselben heroische Mythen behandelt und zum Teil nachweislich auf alte Volkslieder zurückgeht, haben andre historische Ereignisse und Personen mit mythischen verknüpft; noch andre, die zahlreichsten und wichtigsten, behandeln geschichtliche Ereignisse in den Hauptzügen durchaus historisch. Die Entstehung der geschichtlichen Saga auf Island erklärt sich aus dem aristokratischen Charakter der Bevölkerung: auf dem winterlich vereinsamten Hof suchten die vornehmen Isländer an langen Winterabenden Kurzweil in der Erzählung der Thaten ihres Geschlechts oder einzelner hervorragender Ahnen. Die Geschlechtsregister und die eingestreuten Verse wurden sozusagen das Knochengerüst der Saga, an welches sich ausschmückende Einzelzüge als Fleisch und Blut ansetzten. Zuerst ist die älteste Geschichte Islands in