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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Orchideen

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Orchideen.

den Baumrinden befestigen (s. Tafel, Fig. 2, 5, 7, 9, 10). Einige chlorophylllose, nicht grüne O. wachsen im Humus, der ihnen organische Nährstoffe liefern muß (s. Tafel, Fig. 1, Bulbophyllum minutissimum).

Die Blüten (s. Abbildung) stehen am Ende des Stengels selten einzeln, meist in Ähren, Trauben oder Rispen, wobei jede von einem Deckblatt gestützt wird. Sie sind vollständig, zwitterig, aber unregelmäßig. Auf der Spitze des unterständigen Fruchtknotens befindet sich das Perigon, welches aus drei äußern und drei mit jenen abwechselnden innern Blättern besteht. Erstere sind einander ziemlich gleich an Größe und Gestalt; von den drei innern sind zwei einander gleich und den äußern ähnlich, meist wie diese ausgerichtet und zusammenneigend; das nach hinten gekehrte größte bildet eine vorgesteckte oder herabgeschlagene Lippe, ist meist dreilappig u. meist mit farbigen Zeichnungen versehen. An seiner Basis sackt es sich zu einem abwärts gerichteten, hohlen, oft sehr langen Sporn aus. Die aufgeblühte Blüte steht stets so, daß die Lippe nach vorn und unten gewendet ist, was dadurch bewirkt wird, daß entweder der Fruchtknoten spiralig um seine Achse um ungefähr 180° sich dreht, oder daß der Blütenstiel durch eine Krümmung die Blüte auf die entgegengesetzte Seite der Ähre wendet. In der Mitte der Blüte befindet sich ein aus den verwachsenen Staubgefäßen und dem Griffel entstandener Körper, die Griffelsäule (gynostemium). Von den sechs Staubgefäßen, die in der regelmäßig gedachten Blüte vorhanden sein würden, ist meist nur das dem vordern äußern Perigonblatt gleichgestellte, also an der der Lippe entgegengesetzten Seite befindliche, ausgebildet, und außerdem finden sich nur zu beiden Seiten desselben in Form von kleinen Staminodien die Rudimente zweier Staubgefäße des innern Kreises. Bei Cypripedium (s. Tafel, Fig. 2 u. 3) sind diese beiden die ausgebildeten, das andre stellt ein Staminodium dar. Die Anthere ist zweifächerig, die Pollenkörner jedes Faches sind miteinander zu einer einzigen staubigen oder wachsartigen Masse (pollinium) verwachsen, welche nach unten in ein Stielchen ausgeht, dessen unteres Ende eine klebrige Drüse, den sogen. Halter, bildet. Zwischen beiden Haltern befindet sich noch ein schnabelartiger Fortsatz (rostellum). Wenn größere Insekten die Blüten besuchen, um ihren Rüssel nach dem im Sporn enthaltenen Zuckersaft auszustrecken, so bleiben die Pollinien mit ihrem Halter an demselben kleben, werden aus den Antheren herausgezogen und von dem Insekt beim Verlassen der Blüten mitgenommen. Wenn das Tier eine neue Blüte besucht, so kommen die Pollinien auf die große, stark klebrige Narbe derselben und werden hier festgehalten. Die letztere befindet sich nämlich am Gynostemium unterhalb der Anthere am Eingang in den Sporn (vgl. Blütenbestäubung, Fig. 8). So ist bei den O. die Befruchtung nur durch Insekten möglich. Vgl. Darwin, Über die verschiedenen Einrichtungen, durch welche O. von Insekten befruchtet werden (Stuttg. 1877). Das auswendig gerippte Ovarium ist einfächerig und trägt auf der Innenwand drei Placenten, welche den Rändern der drei verwachsenen Karpelle entsprechen. Diese tragen viele sehr kleine Samenknospen, die erst nach erfolgter Befruchtung sich ausbilden. Die Frucht ist eine Kapsel, die sich mit sechs Längsspalten so öffnet, daß die Placenten von den zwischenliegenden Teilen der Wand getrennt werden und die sechs Klappen oben und unten miteinander verbunden bleiben. Die zahlreichen Samen sind fast staubartig klein, besitzen eine schlaffe Schale, kein Endosperm und nur einen kleinen, unvollständig gebildeten, samenlappenlosen Keimling.

Die O. sind über die ganze Erde verbreitet, doch nimmt ihre Anzahl nach dem Äquator hin bedeutend zu, und der heißen Zone gehören zugleich die Arten mit den mannigfaltigsten, größten und schönsten Blüten an. Die in den gemäßigten Zonen vorkommenden O. wachsen auf der Erde, besonders auf feuchten Wiesen und in Wäldern, die tropischen dagegen meistens auf den Baumstämmen in feuchten, schattigen Wäldern. Es sind ungefähr 4-5000 Arten bekannt, von denen die Mehrzahl im tropischen Amerika, im Indischen Archipel und in Neuholland, nur wenig über 100 in Europa vorkommen. Die kleine, den O. in ihren Blüten sehr ähnliche, nur durch drei freie Staubgefäße und durch die dreiklappige dreifächerige Kapsel unterschiedene Familie der Apostasieen, deren wenige Arten im tropischen Asien vorkommen, rechnen manche Botaniker mit in diese Familie. Die an Schleim und Stärkemehl reichen Wurzelknollen der auf der Erde wachsenden O. liefern den Salep. Wenige O., wie die Vanille, sind reich an ätherischem Öl in den Früchten. Die größte Bedeutung haben die O. als Zierpflanzen, und die tropischen O. werden wegen des oft wunderbaren Baues und der meist prachtvollen Färbung ihrer Blüten (vgl. Tafel) besonders in England kultiviert. Die Kultur der O. hat manche Schwierigkeiten. Größere Orchideensammlungen hält man in besondern Warmhäusern (Orchideenhäusern). Dieselben müssen hell, aber vor dem Sonnenbrand geschützt, niedrig und nur in dem Maß der Luft zugänglich sein, daß diese nicht austrocknend wirkt. Für die meisten eignet sich am Tag eine Temperatur von 18-24°, nachts eine solche von 12-16°. Sie fordern leichte Erde, welche man aus Lauberde, Kohlen, Torfmoos und Sand mengt. Manche Arten stehen in Kübeln oder Töpfen; andre hängt man in Ampeln auf, die mit großen Löchern versehen sein müssen, aus denen die Luftwurzeln sowie die langen Blütenschäfte hervorkommen; wieder andre sind auf Klötzen oder Rindenstücken befestigt. Die Vanillen ziehen sich rebenartig an den Wänden und unter dem Glasdach hin. Um die exotischen O. zur Bildung von Früchten zu veranlassen, muß man sie durch Übertragung ihrer Pollinien auf die Narben künstlich befruchten, weil die zu ihrer Befruchtung dienenden Insekten ihrer Heimat bei uns fehlen. Eine größere Anzahl von O. und sogar viele der schönsten machen geringere Ansprüche an die Vegetationsbedingungen und sind selbst im Zimmer mit Erfolg zu kultivieren.

Schon die Väter der Botanik beschäftigten sich eingehend mit den O., und die Tierähnlichkeit der Blüten derselben verführte zu dem wunderlichsten Aberglauben. Sehr viel später lernte man die tropischen O. kennen. 1605 erwähnt Clusius die Frucht der Vanille, allein erst am Ausgang des 17. Jahrh. gaben Rheede tot Drakenstein, Sloane, Plumier u. a. die ersten Beschreibungen und Abbildungen, bis am Beginn des 19. Jahrh. die eigentlich wissenschaftliche Erkenntnis beginnt. Linné kannte 1764 nur 102 Arten, darunter 30 Epiphyten, Willdenow (1805) 391 Arten mit 140 Epiphyten. 1814 zählte Robert Brown allein 120 Arten australischer O. auf, und fast ebenso viele hatte Dupetit-Thouars auf den

^[Abb.: Orchideenblüte.]