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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Orléans

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Orléans (Geschlecht).

nach dem Süden zurückweichenden Heers erschwerte. Schon Anfang Oktober bildete sich in O. das 15. französische Korps unter General Lamotterouge. Gegen dieses wurden von der Armee vor Paris das 1. bayrische Korps und die preußische 22. Division entsendet, welche in Gemeinschaft mit der 2. und 4. Kavalleriedivision die Franzosen 10. Okt. bei Artenay angriffen und zurückwarfen und am 11. nach hartnäckigem Widerstand auch O. erstürmten; die Sieger verloren 60 Offiziere und 1200 Mann, die Franzosen allein 3000 Gefangene. Die Bayern unter v. d. Tann hielten O. bis 9. Nov. besetzt und räumten es infolge des Angriffs der französischen Loirearmee bei Coulmiers (s. d.). O. wurde nun Hauptquartier des Generals Aurelle de Paladines und der großen französischen Loirearmee (200,000 Mann), welche Ende November den Vormarsch auf Paris begann, aber nach dem Mißerfolg ihrer Vorstöße bei Beaune la Rolande (28. Nov.) und Loigny (2. Dez.) 3. und 4. Dez. von der zweiten Armee unter dem Prinzen Friedrich Karl (3., 9. und 10. Korps) und der Armeeabteilung des Großherzogs von Mecklenburg (1. bayrisches Korps, 17. und 22. Division) konzentrisch angegriffen und nach heftigen, blutigen Gefechten auf O. zurückgeworfen wurde; dieses ward in der Nacht auf den 5. besetzt. Im Lauf des 5. Dez. räumten die letzten Franzosen die Stadt. Dieselben verloren in der Schlacht bei O., abgesehen von ihren starken Verlusten an Toten und Verwundeten, über 12,000 Gefangene und 60 Kanonen, während die Deutschen 1300 Mann an Toten und Verwundeten verloren. O. blieb darauf bis Anfang März 1871 von den deutschen Truppen besetzt. Vgl. Bimbenet, Histoire de la ville d'O. (Orléans 1884-87, 3 Bde.); v. d. Goltz, Die Operationen der zweiten Armee an der Loire (Berl. 1875); General Aurelle de Paladines, Die erste Loirearmee (deutsch, Braunschw. 1874-75, 2 Bde.); General Chanzy, Die zweite Loirearmee (deutsch, Hannov. 1873).

Orléans (spr. -ang), Name mehrerer Zweige des französischen Königshauses, deren zwei den Thron Frankreichs bestiegen, von der Grafschaft, dem spätern Herzogtum O. herrührend, welches seit 1344 von den Königen aus dem Haus Valois, dann den Bourbonen wiederholt jüngern Söhnen als Apanage verliehen wurde. Der erste Herzog von O. war Philipp, vierter Sohn des Königs Philipp VI. (1344-75). Da er kinderlos starb, so verlieh nach dem Tod seiner Witwe Karl VI. das Lehen 1392 an seinen jüngern Bruder, Ludwig I., Grafen von Valois, geb. 13. März 1371, den Begründer der Linie O.-Valois. Derselbe, ein schöner, ritterlicher, begabter Fürst, Führer des französischen Adels, ward durch die Gunst der Königin Isabeau 1404 zum Reichsverweser an Stelle des erkrankten Königs Karl VI. ernannt, erregte aber durch die Erhebung drückender Steuern, deren Erträge er im verschwenderischen Hofleben vergeudete, die Unzufriedenheit des Volkes, an dessen Spitze sich der von Ludwig persönlich beleidigte Herzog Johann von Burgund stellte, der den Herzog von O. 23. Nov. 1407 in Paris ermorden ließ. Aus des letztern Ehe mit Valentine Visconti stammten fünf Söhne und drei Töchter; ein unehelicher Sohn O.' war der Graf von Dunois, auch Bastard von O. genannt, welcher der Stifter des Hauses Dunois und Longueville (s. d.) wurde. Ludwigs ältester Sohn, Karl, Graf von Angoulême, dritter Herzog von O., geb. 26. Mai 1391 zu Paris, vermählte sich zuerst mit Isabella, der Witwe Richards II. von England, dann mit der Tochter des Grafen von Armagnac. Er trat an die Spitze der Adelspartei der Armagnacs, um den Tod seines Vaters zu rächen, trieb aber hierdurch den Herzog von Burgund zum Bündnis mit England. In der Schlacht von Azincourt geriet er in die Gefangenschaft der Engländer (1415), aus der er erst nach 25 Jahren zurückkehrte. Hierauf vermählte er sich mit der Nichte des Herzogs von Burgund, Maria von Kleve, und lebte auf seinem Schloß zu Blois in dichterischer Muße. Er starb 4. Jan. 1465. Ausgaben seiner Gedichte besorgten Guichard (1842), Champollion (1842) u. Héricault (1875, 2 Bde.). Vgl. Beaufils, Étude sur Charles d'O. (Par. 1861). - Sein Sohn Ludwig, aus der dritten Ehe, bestieg 1498 nach Karls VIII. Tod unter dem Namen Ludwig XII. den Thron von Frankreich und vereinigte die sämtlichen Besitzungen des Hauses O. wieder mit der Krone. König Franz I. gab das Herzogtum O. zuerst seinem zweiten Sohn, der als Heinrich II. zur Krone gelangte. Derselbe trat Besitz und Titel 1536 an seinen jüngern Bruder, Karl, geb. 1522 zu St.-Germain en Laye, ab, der 1547 unvermählt starb, worauf das Herzogtum an die jüngern Söhne König Heinrichs II. fiel, nämlich an Ludwig, der 1550 als Kind starb, an Karl Maximilian, der 1560 als Karl IX. den Thron bestieg, und an Heinrich, der erst König von Polen, dann 1574 als Heinrich III. König von Frankreich wurde und das Geschlecht der Valois beschloß.

König Ludwig XIII. aus dem Haus Bourbon gab 1626 das Herzogtum O. und die Grafschaft Blois seinem Bruder Jean Baptiste Gaston, geb. 25. April 1608 zu Fontainebleau, bei Gelegenheit von dessen Vermählung mit Maria von Montpensier als Aussteuer. Talentvoller als sein Bruder, erweckte Gaston dessen Eifersucht, der ihm daher absichtlich eine schlechte Erziehung zu teil werden ließ und nur seine Leidenschaft für Sammlung von Altertümern und Kunstschätzen nährte. Der Herzog nahm an allen Ranken und Verschwörungen gegen Richelieu teil. Mehrmals aus Frankreich flüchtig, vermählte er sich nach dem Tod seiner ersten Gemahlin (1627) 1632 heimlich mit Margarete von Lothringen und erlangte die Gnade seines Bruders und die Erlaubnis zur Rückkehr nur, indem er seine Genossen feig im Stiche ließ. Nach Ludwigs XIII. Tod ward er Generalstatthalter des Königreichs und führte 1644-1646 glückliche Feldzüge in den Niederlanden. In den Kriegen der Fronde schloß sich der Herzog 1648 an die Unzufriedenen an, zeigte sich aber auch hier wankelmütig und versöhnte sich wiederholt mit dem Hof. Als Mazarin 1652 aus der Verbannung zurückkehrte, sammelte Gaston Truppen für den Prinzen Condé, worauf er 1652 vom Parlament zum Generalleutnant des Königs ernannt wurde. Als aber der König nebst Mazarin die Gewalt wiedererlangt hatte, wurde der Herzog auf sein Schloß zu Blois verwiesen, wo er 2. Febr. 1660 starb. Aus seiner zweiten Ehe hinterließ er drei Töchter; seine einzige Tochter erster Ehe war Anna Maria Luise, Herzogin von Montpensier (s. d. 2). Vgl. "Mémoires du duc d'O." (Amsterd. 1683, 2. Aufl. 1756).

Das erledigte Herzogtum O. verlieh Ludwig XIV. nun seinem einzigen Bruder, Philipp, früher Herzog von Anjou, geb. 21. Sept. 1640 zu St.-Germain, dem Stammvater des noch blühenden Hauses O.-Bourbon. Derselbe erhielt außerdem noch die Herzogtümer Valois und Chartres, die Herrschaft Montargis, 1672 das Herzogtum Nemours, endlich auch Montpensier. Seine Erziehung wurde vernachlässigt, und er ergab sich frühzeitig einem zügellosen, ausschwei-^[folgende Seite]