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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Orthopädie

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Orthopädie.

Rheumatismus, Gicht etc. zu nennen. Von größter Wichtigkeit für das Entstehen von Verkrümmungen sind ferner gewisse Affektionen der Muskeln, welche teils in einer fehlerhafte Innervation, teils in Gewebserkrankungen derselben bestehen. Erlangt nämlich eine bestimmte Muskelgruppe, sei es durch Gewohnheit, Übung oder aus irgend einem andern Grunde, das Übergewicht über eine andre, zu ihr in dem Verhältnis des Antagonismus stehende Muskelgruppe, oder ist der eine Muskel verhältnismäßig schwach gegenüber der normalen Thätigkeit seines Antagonisten, so wird das Glied bleibend nach der Richtung verzogen, in welcher der an Kraft überwiegende Muskel wirkt. Auf diese Weise entstehen die sogen. Gelenkkontrakturen, zumal der Hände, nach Lähmungen. Besteht, wie so häufig gerade im Alter des Wachstums bei schlecht genährten und schwächlichen Subjekten, eine mangelhafte Thätigkeit der Muskeln, welche den Körper in seiner normalen Stellung erhalten sollen, und wird derselbe demzufolge, nur gehalten von Knochen und Bändern, ganz dem Einfluß der Schwere überlassen, so entstehen die bekannten Rückgratsverkrümmungen, das Schiefwerden, das krumme Knie etc. Von den Gewebserkrankungen der Muskeln, welche Ursache von Verkrümmungen werden können, sind zu nennen die Narbenbildung in den Muskeln nach Wunden und Entzündungen, indem jede Narbe das Bestreben zeigt, sich zusammenzuziehen, wodurch der Muskel als Ganzes abnorm verkürzt wird. In derselben Weise führen umfangreiche Hautwunden und Hautgeschwüre, vorzugsweise diejenigen, welche nach ausgebreiteten Verbrennungen entstehen, durch die nachfolgende Verkürzung der sich bildenden Narbe zu Verkrümmungen in den Gelenken.

Verkrümmungen kommen an allen Teilen des menschlichen Körpers vor. Die wichtigsten und häufigsten derselben sind der schiefe Hals (caput obstipum), die Ausweichung der Wirbelsäule nach der Seite, vorn und hinten (Skoliosis, Lordosis, Kyphosis, Buckel), verbunden mit mehr oder weniger hochgradiger Difformität des Brustkastens und des Beckens, ferner der Klumpfuß und Plattfuß, der Pferdefuß und Hackenfuß, das krumme Knie (genu valgum), die Kontrakturen im Handgelenk, die Difformität des ganzen Skeletts, zumal des Beckens und der langen Röhrenknochen, bei englischer Krankheit und Knochenerweichung etc. Hierzu gesellen sich als Objekt der O. noch diejenigen Verunstaltungen der Glieder, welche durch schlecht geheilte Knochenbrüche, durch verkürzte Hautnarben und auf ähnliche Weise entstanden sind. Was die Aussicht auf Heilung bei den Verkrümmungen anbetrifft, so kommt alles darauf an, in welchem Grad und wie lange die Verkrümmung besteht, und inwiefern die derselben zu Grunde liegenden ursachlichen Momente entfernt werden können. Je jünger das Subjekt, je geringer die Verkrümmung selbst ist, um so günstiger sind die Aussichten. Bei ältern Subjekten und lange dauernden Verkrümmungen ist die Behandlung immer langwierig, und in vielen Fällen kann oft nur eine Verschlimmerung des Übels verhütet werden. Wo bei Verkrümmungen in den Gelenken organische Veränderungen der Knochen, Zerstörungen, Verwachsungen etc. vorhanden sind, da ist das Übel, wenn nicht unheilbar, so doch nur durch schwere operative Eingriffe zu verbessern. Verkrümmungen, welche durch Muskelkontraktionen bedingt sind, gewähren im allgemeinen bessere Aussichten für die Heilung. Nur wenn die Muskeln durch die lange Dauer der Verkrümmung so atrophisch geworden sind, daß sie ihre Funktionsfähigkeit vollständig verloren haben, ist die Heilung unmöglich. Die Aufgabe der O. besteht in der kunstgemäßen Behandlung der Verkrümmungen, in der Entfernung der Ursachen und in der Wiederherstellung der natürlichen Richtung des betroffenen Gliedes, und sie benutzt gymnastische Übungen mit elektrischer Reizung der mangelhaft thätigen Muskeln, Apparate und Maschinen und endlich Operationen. Gymnastische Übungen sind da am Platz, wo das aufgehobene Gleichgewicht in der Thätigkeit der verschiedenen Muskelgruppen und eine absolute Schwäche derselben die Ursache der Verkrümmung ist. Sowohl die schwedische Heilgymnastik, welche durch Kneten, Streichen und Pochen der Muskeln sowie durch Bethätigung derselben in der Form des aktiven und passiven Widerstandes zu wirken sucht, als auch das deutsche Turnen, zumal zweckmäßig geleitete Freiübungen, üben den heilsamsten Einfluß auf die genannten Verkrümmungen aus. Leichte Grade derselben können bei sorgfältiger Berücksichtigung des allgemeinen Gesundheitszustandes durch gymnastische Übungen und Manipulationen allein entfernt werden. Da bei längerer Dauer der Verkrümmung sowohl die zusammengezogenen und verkürzten Muskeln als die zu ihnen führenden Bewegungsnerven verkümmern und ihre Funktionsfähigkeit einbüßen, so kann schon eine passive Bewegung und die Anwendung der Elektrizität und andrer Reizmittel auf die genannten Teile von wesentlichen Nutzen sein. Ist die Verkrümmung bedeutender, so muß mit der Gymnastik die Anwendung zweckmäßiger Maschinen und Apparate verbunden werden. Diese suchen durch Druck, Zug oder durch Druck und Zug zugleich in der entgegengesetzten Richtung von derjenigen, in welcher die Verkrümmung selbst hervorgebracht wurde, auf das betreffende Glied einzuwirken. Von den chirurgischen Operationen ist die nutzbringendste die subkutane Durchschneidung der Sehnen (Tenotomie) verkürzter Muskeln. Sie wird jetzt vorzugsweise bei angebornen Verkrümmungen des Halses und der Füße angewendet und ist ohne Gefahr leicht und schnell auszuführen. Nach der Durchschneidung der Sehne wird das betreffende Glied in die natürliche Lage gebracht und durch Verbände, namentlich Gipsverbände, oder Maschinen in derselben erhalten, bis Heilung erfolgt ist. Auch die gewaltsame Streckung (vorzüglich des Kniegelenks) in der Chloroformnarkose mit vorhergehender Sehnendurchschneidung oder ohne dieselbe, die Ausschneidung von Hautnarben, die Resektion von Gelenkenden bei Unbeweglichkeit des Gelenks mit nachfolgender Bildung eines falschen Gelenks und andre Operationen sind hier zu erwähnen. Die O. war zu einer gewissen Zeit im Begriff, sich als ganz selbständiger Zweig aus der Medizin auszulösen und sich zu einer Art mechanischer Wissenschaft umzuformen, die in nur losem Zusammenhang mit der Anatomie und auf Grund eines sehr mangelhaften physiologischen Verständnisses in abgeschlossenen Heilanstalten, sogen. orthopädischen Instituten, vermittelst quälender und oft genug wenig zweckmäßiger Maschinen und Apparate als eine Art Geheimwissenschaft ausgeübt wurde. Seit man die anatomisch-physiologischen Verhältnisse der Deformitäten genauer studiert hat, ist die O. dahin zurückgegangen, wohin sie gehört, d. h. in die Hände der Ärzte und Chirurgen. Die komplizierten Maschinen und Apparate sind ersetzt durch viel sicherer wirkende Operationen und einfache Verbände; wo maschinelle Hilfsmittel nicht zu entbehren sind, ist man bestrebt, an Stelle der komplizierten, schwer zu handhabenden und kost-^[folgende Seite]