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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Paris

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Paris (Geschichte seit 1871).

gen wegen eines Waffenstillstandes, und dieselben führten 28. Jan. zur Konvention von Versailles, in welcher hinsichtlich P. bestimmt ward, daß die Außenforts dem Feind übergeben, die Enceinte entwaffnet werden sollte, während die Garnison mit Ausnahme der Nationalgarde, 7500 Offiziere und 241,000 Mann, kriegsgefangen wurde. P. mußte 200 Mill. Frank städtische Kontribution zahlen.

Am 29. Jan. wurden die Forts besetzt, u. sofort begann die Verproviantierung der Stadt. Da der Abschluß der Friedenspräliminarien sich über den dreiwöchentlichen Waffenstillstand hinaus verzögerte, forderte Bismarck 26. Febr. als Bedingung der Verlängerung desselben die Besetzung des westlichen Teils von P. bis zum Abschluß. Dieselbe erfolgte auch 1. März mit 30,000 Mann, hörte aber nach Genehmigung der Präliminarien durch die Nationalversammlung in Bordeaux 2. März wieder auf. Die höhern Schichten der Bevölkerung hatten zum großen Teil nach dem Ende der Belagerung P. verlassen; der Rest war ermüdet und gegen die Regierung gereizt durch die Festsetzung des Verfalltags der Wechsel auf 13. März, wodurch viele kleine Leute ruiniert gewesen wären, und die Verlegung des Sitzes der Nationalversammlung und der Regierung nach Versailles (10. März). Daher war das Feld völlig frei für die Wühlereien der roten Republikaner, der Sozialisten und Kommunisten, zu deren Unterdrückung die Regierung trotz der Revolten vom 31. Okt. 1870 und 22. Jan. 1871 nichts that. Die Nationalgarde war regelmäßiger Thätigkeit gänzlich entwöhnt, seit Monaten von Agitatoren bearbeitet und in fortwährender Erregung und wünschte die weitere Zahlung ihres Soldes. Am 26. Febr. begannen ihre Eigenmächtigkeiten, indem sie 27 Kanonen vom Wagramplatz nach der Vorstadt St.-Antoine schleppte. Am 9. März that sich unter dem Namen "Zentralkomitee der Nationalgarden" auf dem Montmartre eine förmliche Gegenregierung auf, die 417 Kanonen dort aufpflanzte und die freie Wahl aller Offiziere sowie Fortbezug des Tagessoldes verlangte. Der Versuch des Generals Vinoy, 18. März die Kanonen der Nationalgarde zu entreißen und den Montmartre zu besetzen, mißglückte, da das 88. Linienregiment zu den Rebellen überging; die Generale Lecomte und Thomas wurden von diesen erschossen, und das Zentralkomitee nahm von dem Stadthaus Besitz, während am 19. die Regierung und Vinoy mit den Linientruppen P. räumten. Das Zentralkomitee pflanzte die rote Fahne auf und ordnete die Wahl einer Kommune an, welche die echte Republik begründen sollte. Die Bevölkerung verhielt sich meist passiv, eine Ordnungsdemonstration von 4000 Bürgern wurde 22. März durch eine Salve der Nationalgardisten auf dem Vendômeplatz auseinander getrieben, und ein Vermittelungsversuch des Admirals Saisset 23. März hatte nur zur Folge, daß der Kommune, die 26. März gewählt worden war und sich am 28. konstituierte, die Herrschaft in P. gänzlich zufiel. Dieselbe schloß die Thore, um das Entweichen der Flüchtlinge zu verhindern, schickte Agenten in die Provinz, um dort kommunistische Aufstände zu entzünden, und unternahm 3. April unter Flourens' Führung einen Zug nach Versailles, um die dortige Regierung zu stürzen. Derselbe wurde aber zurückgeschlagen, wobei Flourens selbst fiel; die Aufstände in der Provinz wurden unterdrückt. Die Kommune wurde auf P. beschränkt, das im Westen und Süden nun von einer eiligst zusammengezogenen französischen Armee zerniert wurde, während im Norden und Osten die Deutschen die Forts besetzt hielten. In der Kommune nahmen inzwischen die internationalen sozialistischen Ideen immer mehr überhand, deren entschlossenste Fanatiker, Blanqui, Félix Pyat und Cluseret, die Herrschaft an sich rissen und 19. April ein Programm veröffentlichten, das die Umwandlung des zentralisierten Frankreich in eine Eidgenossenschaft unabhängiger Stadtrepubliken mit einer Delegation als gemeinsamer Regierung ohne Klerus, Beamtentum, stehendes Heer und Hauptstadt proklamierte. Seine Verwirklichung begann mit dem ärgsten Terrorismus gegen die Freiheit der Presse und der Person. Ihre Kosten, die sich im ganzen auf 52 Mill. Frank beliefen, bestritt die Kommune durch Konfiskation öffentlicher Gelder und durch Erpressung bei der Bank und den Eisenbahnen, auch bei Privaten.

Inzwischen verlief der Kampf gegen die Versailler Armee von Tag zu Tag unglücklicher. Langsam, aber unaufhörlich drang diese vor und bombardierte die südlichen Forts, die im Besitz der Kommune waren, sowie vom Mont Valérien aus P. selbst. Am 9. Mai mußte Fort Issy, am 14. die Forts Vanves und Montrouge aufgegeben und die Verteidigung auf die innere Stadt beschränkt werden. Selbst die Enceinte wurde verlassen, und 21. Mai nachts drang das Korps Douays, von einem gewissen Ducatel davon benachrichtigt, bei der Porte St.-Cloud in P. selbst ein. In fünf Kolonnen rückten die Versailler Truppen konzentrisch auf das Stadthaus vor, während die Kommune, nachdem sie das Haus Thiers' und die Vendômesäule zerstört hatte, 24. Mai die Ermordung der Geiseln, am 25. die Anzündung der öffentlichen Gebäude befahl. Dies geschah auch wirklich, während der Kampf in den Straßen der Stadt aufs heftigste wütete. Die Tuilerien, die Gebäude des Finanzministeriums, der Polizeipräfektur, das Stadthaus u. a. brannten nieder; der Erzbischof Darboy und die übrigen Geiseln wurden erschossen. Indes wurde eine Barrikade nach der andern von den Regierungstruppen genommen und über die gefangenen Kommunarden sofort ein blutiges Strafgericht verhängt. Am 28. Mai wurde auch die Vorstadt Villette und die Buttes Chaumont erobert und der Aufstand erstickt. Am 29. Mai ergaben sich die letzten Insurgenten in Vincennes. 38,000 Kommunisten, darunter aber nur 9000 Pariser, wurden gefangen genommen und nach Versailles gebracht, um dort durch Kriegsgericht abgeurteilt zu werden, 16,500 waren gefallen. Hierauf wurde die Stadt entwaffnet und die Nationalgarde aufgelöst. Die Ruhe in P. war hiermit für längere Dauer hergestellt, da die Arbeiterbevölkerung beträchtlich vermindert und durch das Blutbad eingeschüchtert war. Die Stadt nahm wiederum einen großartigen Aufschwung in Gewerbe und Handel, die dritte Weltausstellung von 1878 übertraf an Größe und Pracht ihre Vorgängerinnen, und 1879 wurde auch der Sitz der höchsten Behörden und der Kammern von Versailles nach P. verlegt. Nach und nach aber regte sich wieder der radikale Geist in der Bevölkerung, besonders seit der Rückkehr der Kommunarden aus der Verbannung infolge der Amnestiedekrete von 1879 und 1880. Der Munizipalrat setzte sich zum größten Teil aus Anhängern dieser Richtung zusammen und versuchte wiederholt, sich über die Gesetze zu stellen und seinen Willen der Nation aufzuzwingen.

[Litteratur.] "P., ein Spiegelbild seiner Geschichte, seines Geistes und Lebens in Schilderungen von V. Hugo, L. Blanc, E. Pelletan u. a." (deutsche Ausg., Berl. 1871, 5 Bde.); die Reisehandbücher von Meyer,