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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Perugia

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Perugia (Provinz und Stadt).

oder aus Rücksicht für die Gesundheit der Mangel des natürlichen Haars versteckt oder dem kahlen Kopf eine vor Erkältung schützende Decke gegeben werden soll. Je nach Umständen braucht man entweder Perücken, die den ganzen sonst behaarten Teil des Kopfes einhüllen und gleich einer Mütze aufgesetzt werden (Touren), oder solche, welche nur eine kleine kahle Stelle bedecken und teils (mit Quittenschleim und Hausenblase) aufgeklebt, teils durch Federn festgehalten werden (halbe Perücken, Atzeln, Toupets und Platten). Die besten Perücken wurden eine Zeitlang aus Paris bezogen. Doch kommen jetzt auch die deutschen Friseure ihren französischen Kollegen in der Anfertigung von Perücken gleich. Das Festsitzen derselben auf dem Kopf wird jetzt meist mit Druckfedern bewirkt. Von besonderer Wichtigkeit ist die Perückenmacherei jetzt noch für Bühne, Zirkus, Maskengarderoben, Schaufensterköpfe u. dgl. Vgl. Nicolai, Über den Gebrauch der falschen Haare und Perücken (Berl. 1801). - Perückenstil nennt man eine Ausartung des Barock- oder Rokokostils.

Perugia (spr. -ruhdscha), Provinz und selbständige Landschaft (compartimento) des Königreichs Italien, welche auch den Namen Umbrien führt und aus der ehemaligen Delegation P. des Kirchenstaats sowie aus den damit vereinigten Delegationen Orvieto, Rieti und Spoleto gebildet wurde. Sie umfaßt 9633 qkm, nach Strelbitsky 9474 qkm (172,1 QM.), mit (1881) 572,060 Einw. (60 auf das QKilometer) und ist größtenteils gebirgig, umfaßt aber auch größere Ebenen, ausgefüllte Seebecken, wie die um Rieti und Foligno. Die Gebirge gehören den westlichen Verzweigungen des römischen Apennin und den Sabiner Bergen an. Der Hauptfluß ist der Tiber, welcher hier den Chiascino mit Clituno ^[richtig: Chiascio mit Clitunno] und Topino, die Nera mit Velino und Turano und die Paglia aufnimmt. Das Land enthält mehrere Seen, darunter den Trasimenischen See (s. d.). Die reichbewässerten Thäler bringen Getreide (1886: 2,1 Mill. hl Weizen, 1,6 Mill. hl Mais) u. Hülsenfrüchte (1885: 124,577 hl), Wein (Olivetano, 1886: 1 Mill. hl), Maulbeer-, Öl- und Obstbäume hervor; die gebirgigen Gegenden sind reich an guten Weiden, welche die Viehzucht begünstigen. Unter den Produkten des Mineralreichs sind Marmor, rote Töpfer- und Porzellanerde, Bausteine, Eisenerz und Kohle zu erwähnen; auch zählt man einige Mineralquellen. Die Industrie beschränkt sich auf Seidenmanufaktur, dann auf Eisenhüttenwerke (Terni), Papierfabriken etc. Die Provinz wird von den zwei Bahnlinien von Florenz nach Rom durchschnitten, die hier zusammenlaufen, und an deren östliche sich in Foligno die Bahn nach Ancona (mit der Abzweigung von Terni nach Pescara) anschließt. Sie zerfällt in die sechs Kreise: Foligno, Orvieto, P., Rieti, Spoleto, Terni.

Die gleichnamige Hauptstadt liegt amphitheatralisch auf einer 520 m ü. M. sich erhebenden Anhöhe am Tiber und an der Eisenbahn Florenz-Foligno-Rom, ist gut gebaut, von alten Mauern umgeben, hat große Vorstädte und 10 Thore. Die ehemalige Citadelle wurde 1848 vom Volk zerstört und geschleift. Die frühern Festungsgräben sind in schöne Spaziergänge umgewandelt worden. Die gesunde Lage und Sauberkeit der Stadt wie ihre Kunstschätze und die Intelligenz der Bevölkerung ziehen viele der in Rom lebenden Fremden im Sommer herbei. Die hervorragendsten Stadtplätze sind: die Piazza Grimana mit dem malerischen Triumphbogen des Augustus (dem besterhaltenen und größten der alten etruskischen Thore von P., s. Tafel "Baukunst V", Fig. 4); der den Dom umgebende Platz mit der Bronzestatue des Papstes Julius III. und dem schönen dreischaligen Springbrunnen (Fonte maggiore) von 1277, mit reichen Skulpturen von Niccolò und Giovanni Pisano, und die Piazza Vittorio Emmanuele, welche einen herrlichen Ausblick gewährt. Unter den Straßen ist der breite und palastreiche Corso zu erwähnen, welcher den Domplatz mit der Piazza Vittorio Emmanuele verbindet und das hoch gelegene Zentrum der Stadt ausmacht. Die bedeutendsten Kirchen von P. sind: die Kathedrale San Lorenzo, ein gotisches Gebäude des 15. Jahrh. mit bemerkenswerten Gemälden und Kunstwerken; San Domenico, mit dem Grabmal Benedikts XI. von Giov. Pisano und prächtigem Glasfenster von 1402; die Basilika San Pietro fuori di mura (angeblich im 6. Jahrh. gegründet), dreischiffig, mit antiken Granit- und Marmorsäulen, vielen Gemälden, schönem Stuhlwerk etc.; das Oratorium von San Bernardino, mit zierlicher Fassade der Frührenaissance; Sant' Angelo, ein merkwürdiger, alter Bau, von außen 16eckig mit gotischem Portal, im Innern cylindrisch mit 16 antiken korinthischen Säulen; San Severo, ehemalige Klosterkirche der Kamaldulenser, mit Freskobild von Raffael. Andre hervorragende Gebäude sind: das Stadthaus (Palazzo pubblico), in italienisch-gotischem Stil, 1281 im Bau begonnen, mit einem Portal gegen den Domplatz und einer Fassade mit schönem Rundbogenportal gegen den Corso; il Cambio, ehemals Gerichtssaal der Wechslerzunft, 1453-57 erbaut, mit berühmtem Freskencyklus von Perugino; das Universitätsgebäude; die Privatpaläste Conestabile und Baldeschi; die Maestà delle Volte hinter dem Dom, ein grandioser Rest des einstigen Palazzo del Podestà und Bischofsresidenz; das ehemalige Haus des Pietro Perugino, wo der zwölfjährige Raffael dessen Unterricht genoß. P. zählt (1881) 17,395, als Gemeinde 51,354 Einw. Die geringfügige Industrie der Stadt liefert Woll- und Seidenstoffe, Wachskerzen und Liköre; der Handel hat landwirtschaftliche Produkte und Vieh zum Gegenstand. Die Stadt besitzt eine 1307 gestiftete freie Universität mit drei Fakultäten (Jurisprudenz, Medizin, Mathematik und Naturwissenschaften), Bibliothek, botanischem Garten und meteorologischem Observatorium. Andre Bildungsanstalten sind: ein Lyceum, Gymnasium, eine technische Schule, Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalt, eine Akademie der schönen Künste mit Malerschule, die Gemäldesammlung im Stadthaus (Pinacoteca Vanucci), welche für die Kenntnis der umbrischen Malerschule unerläßlich ist, eine archäologische Sammlung in der Universität (mit etruskischen, römischen und mittelalterlichen Werken), ein naturhistorisches Museum, eine reiche Kommunalbibliothek und 4 Theater. Außerdem hat P. eine Volksbank, eine Filiale der Nationalbank, ein altes Leihhaus, ein Irrenhaus und andre (zusammen 15) Wohlthätigkeitsanstalten. P. ist der Sitz der Präfektur, eines Bischofs, eines Appellhofs, eines Tribunals, einer Finanzintendanz und zweier Präturen. In der nächsten Umgebung von P., an der Straße nach Rom, liegt die 1840 entdeckte Nekropolis (Grotta dei Volumni) mit etruskischen Grabkammern, vielen Aschencisten mit Reliefs (namentlich der Familie Volumnia) und andern Antiquitäten der etrusk. Zeit.

Geschichte. P. hieß im Altertum Perusia und war eine der Zwölfstädte Etruriens. 310 v. Chr. wurde es vom römischen Konsul Q. Fabius nach harter Belagerung erobert. Die zweite Eroberung erfuhr die Stadt, als in dem nach ihr benannten Perusinischen