Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Philologie

1009

Philologie (im Altertum und Mittelalter).

der Aristarcheer wird sein Standpunkt noch über drei Jahrhunderte gewährt. Didymos (geb. 63 v. Chr.) sammelte mit eisernem Fleiß (daher Chalkenteros, der Mann "mit den ehernen Eingeweiden", genannt) ihr Wissen, dadurch eine unversiegbare Quelle für die Schollen und lexikalischen Zusammenstellungen der spätern Byzantiner bildend; die Grammatik fand sogar durch Dionysios Thrax (um 100 v. Chr.), besonders aber durch Apollonios Dyskolos (um 130 n. Chr.) und dessen Sohn Älios Herodianos (um 160) ihre systematische Ausbildung. Doch beweist anderseits das unselbständige, wenn auch für uns wertvolle Anlegen lexikalischer Sammlungen, namentlich von Attizismen und Barbarismen, wie es im 2. Jahrh. n. Chr. in den Vordergrund tritt (Harpokration, Möris, Phrynichos, Pollux u. a.), das Absterben dieser P., welches denn auch im folgenden Jahrhundert eintritt.

Unter den Römern zeigte sich philologische Thätigkeit gleich in den Anfängen ihrer Litteratur, indem die Muttersprache von vornherein künstlicher Pflege bedurfte, nicht bloß bei den Schriftstellern, sondern bei den Gebildeten überhaupt, wie bei den Scipionen, Gracchen u. a. Das Objekt dieser Thätigkeit wird durch den Zutritt des römischen Altertums bedeutend erweitert; doch tritt im allgemeinen der theoretische Charakter derselben zurück. Die P. wird edukatorisch, sie soll vor allem dem praktischen Leben dienen u. wird damit vorherrschend grammatisch-rhetorisch oder, aus allen Gebieten das Nötigste auswählend, encyklopädisch. Der erste, welcher philologische Fragen im Zusammenhang litterarisch behandelte, war L. Älius Stilo aus Lanuvium (geb. um 154 v. Chr.); er war auch der erste der in lateinischer Litteratur und Redekunst unterrichtete. Gleich sein Schüler M. Terentius Varro (116-27 v. Chr.) ist der bedeutendste Vertreter der römischen P. überhaupt; von seinen fast alle Gebiete derselben umfassenden Forschungen zehren die folgenden Jahrhunderte. Wir heben aus denselben hervor: Hyginus (64 v. Chr. bis 17 n. Chr.), Verrius Flaccus (unter Augustus), Asconius Pedianus (3-88 n. Chr.), Valerius Probus (unter Nero und den Flaviern), den ältern Plinius (23-79), Suetonius (um 75-160), Terentius Scaurus (unter Hadrian), Gellius (um 115-165). Allmählich kommt man immer mehr von eigner Forschung zurück und begnügt sich, die Leistungen der Vorgänger behufs Zusammenstellung von Lehrbüchern (sogen. artes) zu exzerpieren. Hierher gehören aus dem 4. Jahrh. noch Charisius, Marius Victorinus, Älius Donatus, Servius, aus dem 5. Jahrh. Martianus Capella, aus dem 6. Jahrh. Priscianus, endlich Isidorus (570-640).

Während des Mittelalters ist die P. als Wissenschaft so gut wie erloschen. Zwar wird im byzantinischen Reich unter der makedonischen (867-1056), komnenischen (1057-1185) und paläologischen Dynastie (von 1261 an) die griechische Litteratur begünstigt und als notwendige Vorbereitung für den öffentlichen Dienst betrieben; aber die großen Sammlungen von Auszügen und Wörterbüchern (Photius, gest. 891, Konstantinos Kephalas, um 950, Suidas, um 970, Zonaras, um 1070), grammatischen Arbeiten (Gregor von Korinth, um 1150, Moschopulos, um 1270, Thomas Magister, um 1320), weitschichtigen kompilierten Kommentaren (Eustathius, Tzetzes, um 1190) bringen der Wissenschaft nicht den geringsten Fortschritt. Sodann haben die Araber auf dem Gebiet der Philosophie, Medizin, Naturwissenschaften, Mathematik, Astronomie, Geographie die Schriften der Griechen benutzt, aber nur nach Übersetzungen, so daß auch durch sie die P. keine Bereicherung erfahren hat. Im christlichen Westeuropa endlich bleibt zwar die lateinische Sprache im Dienste der Kirche und Höfe bestehen, auch werden noch neben den Schriften der Kirchenväter und den Kompendien aus dem 5. und 6. Jahrh., auf welchen der Unterricht in den sogen. freien Künsten beruht, einige wenige Erzeugnisse der klassischen lateinischen Litteratur gelesen, doch die Wissenschaft war ausschließlich philosophisch-theologisch, und man muß es den Klöstern Dank wissen, daß die Hauptwerke der lateinischen Litteratur uns überhaupt erhalten sind. Die wenigen Kenner des Griechischen wurden als ein Wunder angestaunt.

Die Möglichkeit eines Wiederauflebens der P. wurde erst dann erreicht, als außer den Geistlichen auch die Laien sich dem Studium des Altertums zuwandten, zunächst im Interesse der Medizin und des Rechts, sodann auch der Philosophie, Poesie und Beredsamkeit. Dem Land, welches in ununterbrochener Tradition die Spuren des römischen Altertums in Sprache und Sitten bewahrt hatte, Italien, fiel die Aufgabe zu, die klassischen Studien neu zu beleben, als ein lebhaftes Interesse dafür nicht bloß an den neuentstandenen Universitäten, sondern auch unter den höhern Ständen überhaupt im 14. Jahrh. erwacht war. Den ersten Anstoß zu diesem Wiederaufblühen der Wissenschaften (Renaissance) gaben Francesco Petrarca (1304-74) und Giovanni Boccaccio (1313-75), welche sich zunächst nur der römischen Litteratur zuwendeten (die Anfänge des Griechischen durch Baarlamo und Leonzio Pilato sind geringfügig) und ihre Freude in dem Sammeln von Handschriften, ihren Stolz in der Nachahmung der schriftlichen Darstellung fanden. Die Schätze der alten Litteratur sollten zur Grundlage einer neuen Bildung gemacht werden, und schon Giovanni da Ravenna (gest. 1420) verwertete sie für den Unterricht. Weil aber diese neue, von dem Christentum und der Kirche unabhängige, nur aus dem Altertum geschöpfte Anschauung der Lebensaufgaben sich als die allgemein menschliche erkannte, gab sie sich den Namen Humanismus, und ihre Vertreter hießen Humanisten. Allgemeiner noch ist bei den scholastischen Gegnern dieser neuen Bildung für ihre Vertreter der Name Poeten, weil sie in der Ausübung lateinischer Poesie ihren Ruhm suchten und fanden. Petrarcas glanzvolle Dichterkrönung erfolgte nur als Anerkennung seiner lateinischen Dichtungen. Es im Lateinisch-Reden und -Schreiben den Alten gleichzuthun, galt als die höchste Aufgabe, der selbst die Diplomaten, welche damals noch nicht schrieben, sondern sprachen (oratores), die Staatssekretär der Fürsten und Republiken, die apostolischen Schreiber der römischen Kurie zu genügen eifrigst bemüht waren.

Die Beschäftigung mit der römischen Litteratur mußte die Aufmerksamkeit auf die griechische lenken. Petrarca ermangelte dieser Kenntnis, bei Boccaccio war sie dürftig; aber zu den wenigen Griechen aus Unteritalien kamen bald andre aus Griechenland selbst, oder strebsame Italiener (Guarino und Filelfo) holten von dort ihre Kenntnisse und außerdem griechische Handschriften. Es ist herkömmlich, diese Pflege griechischer Litteratur mit der Eroberung Konstantinopels (1453) in Verbindung zu setzen, durch welche eine Anzahl griechische Gelehrten gezwungen wurde, in Italien eine Zuflucht zu suchen und als Lehrer und Abschreiber zu wirken. Allein schon vorher hatten Griechen in Italien gelehrt, wie seit 1396 Chrysoloras, Gemistos Plethon, Th. Gaza, und das Konzil von Ferrara (1438) hatte besonders Geistliche dort-^[folgende Seite]