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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Positiv - Posse.

Positiv (Positivus gradus), in der Grammatik die einfache oder Grundform des Adjektivs oder Adverbs im Gegensatz zu den Steigerungen des Komparativs und Superlativs (s. Komparation).

Positiv, kleine Zimmerorgel ohne Pedal oder mit angehängtem Pedal; hat in der Regel nur Labialstimmen, während das alte Regal (s. d.) nur Zungenstimmen hatte.

Positiver Pol, s. Galvanische Batterie, S. 871.

Positivismus (neulat.), Bezeichnung einer wissenschaftlichen Richtung, die im Gegensatz zu apriorischen Konstruktionen oder willkürlichen Annahmen am Inhalt von Thatsachen festhält. Im philosophischen Sinn wird die Philosophie A. Comtes (s. d.), auch wohl (aber nicht mit Recht) Stuart Mills (s. d.) deduktive und induktive Logik als P. bezeichnet. In einem ganz andern Sinn wird Schellings (s. d.) letzte Philosophie (der Offenbarung) P. genannt. In solcher Bedeutung ist positiv das Gegenteil von kritisch oder skeptisch und bezieht sich auf die Anerkennung bestimmter Religionslehren. Innerhalb der neuesten deutschen Philosophie hat in Dührings sogen. "Philosophie der Wirklichkeit" ein gewisser P. Ausdruck gefunden, welcher im Gegensatz zu vager Spekulation den philosophischen Gehalt der besondern Wissenschaften vertreten will. Vgl. Dühring, Natürliche Dialektik (Berl. 1865).

Posito, sed non concesso (lat.), "gesetzt, aber nicht eingeräumt", Formel, um seine Meinung zu sagen für den bezweifelten oder ganz geleugneten Fall, daß etwas statthabe.

Positur (lat.), Stellung, Haltung.

Possad (russ.), Flecken.

Possagno (spr. -annjo), Dorf in der ital. Provinz Treviso, Distrikt Asolo, Geburtsort Canovas, mit (1881) 1527 Einw. und einer nach Canovas Entwurf dem Panthéon nachgebildeten Rundkirche, welche ein Altarblatt von der Hand Canovas und ein von ihm modelliertes Relief der Pietá enthält. In dem Geburtshaus Canovas befindet sich ein Museum mit Gipsabgüssen seiner Skulpturwerke und Gemälden des Meisters.

Possart, Ernst, namhafter Schauspieler, geb. 11. Mai 1841 zu Berlin, der Sohn eines Kaufmanns, machte eine dreijährige Lehrzeit als Buchhändler durch, trat dann, von Kaiser ausgebildet, auf dem Liebhabertheater Urania mit solchem Glück auf, daß er sich in seinem ersten Engagement zu Breslau in zweiten Charakterrollen (1861-62) behauptete und 1862-63 in Berlin bereits erste spielte. 1863 wurde er als Ersatz für Görner an das Hamburger Stadttheater berufen; seit 1864 wirkte er als erster Charakterdarsteller, seit 1873 zugleich als Oberregisseur an der Hofbühne zu München. 1878 wurde er zum Professor und königlichen Schauspieldirektor ernannt. Zahlreiche Gastspiele, ebenso die von ihm in München 1880 veranstalteten Gesamtgastspiele nach Dingelstedts Muster machten seinen Namen in weitern Kreisen bekannt. Im J. 1887 nahm er seine Entlassung aus dem Verband der Münchener Hofbühne, um in Amerika Gastrollen zu geben; seit 1888 ist er Regisseur des Berliner Lessing-Theaters. P. ist ein vorzüglicher Deklamator, sein Spiel fesselt durch die geistvolle Art, wie er seine Aufgabe auffaßt und löst; als Regisseur arbeitet er mit großem szenischen Geschick. Auch litterarisch hat er sich durch eine Bühnenbearbeitung des "Lear" verdient gemacht. Seine Hauptrollen sind: Franz Moor, Nathan, Richard, Shylock, Karlos, Mephistopheles, Narciß, König Johann, Hamlet, Berent ("Fallissement"), Manfred (von Byron).

Posse (lat.), das Können; s. A posse ad esse.

Posse, ein Ausdruck der Poetik, der in verschiedenem Sinn gebraucht wird. In dem einen bezeichnet er eine Art des Komischen (s. d.) und zwar das Niedrig-Komische, dessen Ungereimtheit einzusehen es nur eines mäßigen Grades von Verstandesbildung bedarf, dessen Wirkung daher auf die niedern Volksschichten berechnet und nicht nur in allgemeiner, sondern auch gemeinern Kreisen zu Haus ist als das höhere Komische. Träger der P. in diesem Sinn ist die sogen. lustige Person (Lustigmacher, Possenreißer; Hanswurst in der deutschen, Arlecchino in der italienischen Stegreifkomödie), in der dramatischen Poesie das niedere Lustspiel (Volkskomödie). Im andern Sinn wird das Wort in der Redensart "einen Possen spielen" gebraucht und dadurch eine Handlung bezeichnet, welche nicht bloß (wie das Komische) andre lachen, sondern andre lächerlich zu machen bestimmt ist. In diesem Sinn verstanden, ist die P. keineswegs gutmütig, sondern im Gegenteil boshaft und ebensowenig unschädlich, sondern im Gegenteil schadenfroh, während das Komische (auch das Niedrig-Komische) beides, sowohl gutmütig als unschädlich, ist. Träger der P. in diesem Sinn ist die "lächerliche Person" (der betrogene Alte, der bestohlene Geizhals etc.; der Vater in der griechisch-römischen, Pantalone in der italienischen Stegreif-, Harpagon in der Molièreschen Komödie), in der dramatischen Litteratur die eigentliche P. oder das "Possenspiel" (s. Drama). Während im niedern Lustspiel der Glückswechsel vom Bessern zum Schlimmern stattfindet, aber so, daß das schließliche Unglück nur in der Einbildung des davon Betroffenen besteht, findet derselbe im Possenspiel vom Schlimmern zum Bessern statt (Glückspilz, Glücksposse), aber so, daß das Glück nur in der Einbildung des dasselbe vermeintlich Besitzenden besteht, also im Grund keins ist (Narr des Glücks, P. des Glücks). Der erstere Fall macht uns lachen, weil der vermeintlich Unglückliche nicht unglücklich, letzterer Fall macht den "Glücklichen" lächerlich, weil er nicht glücklicher ist, als er schon früher war. Der Glückswechsel in der niedern Komödie ist komisch, jener in der P. selbst ein "Possenspiel". Dem Habsüchtigen, dessen vermeintliche Reichtum sich in ein Aschenhäufchen verwandelt, dem verliebten Alten, welchem die reizende Braut unter der Nase weggeführt wird, wird "ein Possen gespielt", entweder vom Zufall (Zufallsposse), oder von Klügern als er (Schwank), oder von neckenden Dämonen (Feen-, Geister- und Zauberposse). Geht die P. darauf aus, eine bestimmte Person lächerlich zu machen, so wird sie zum (dramatischen) Pasquill (Kleon bei Aristophanes); wählt sie zu demselben Zweck die Einwohner eines bestimmten Ortes (die Sitten, Gebräuche, Sprache etc. einer Stadt, eines Landes), so entsteht die Lokalposse (wie sie im Altertum Athen und Rom, in der Neuzeit große Städte, wie Paris, Wien, Berlin, in eigentümliche Weise und im eignen Dialekt ausgebildet haben). Wird der Mensch überhaupt und die Menschenwelt (zu welcher der sich mit verspottende Dichter selbst gehört) lächerlich gemacht, so entsteht die humoristische (weltverlachende) P. (Tiecks "Verkehrte Welt", Krasinskis "Ungöttliche Komödie"). In der Lokalposse haben sich Nestroy, Gleich, Kaiser u. a. in Wien, L. Angely, Kalisch, L'Arronge u. a. in Berlin ausgezeichnet. Durch die Verbindung der Lokal- mit der Zauberposse hat Raimund in Wien ("Der Verschwender", "Alpenkönig und Menschenfeind" u. a.) ein eigentümliches Genre phantasievollen Possenspiels begründet.