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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Preußen

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Preußen (Geschichte: Friedrich der Große, Friedrich Wilhelm II.).

schen Großmächte und zwang P., um einen neuen Krieg zu vermeiden, sich an Rußland anzulehnen. Vorübergehend bewirkte die polnische Frage eine Annäherung zwischen P. und Österreich, um die Eroberungsgier der russischen Kaiserin in Polen und der Türkei zu beschränken. Durch die erste polnische Teilung (1772) erwarb P. das 1466 von den Polen dem deutschen Ordensstaat entrissene Westpreußen zurück, welches Ostpreußen mit dem Hauptland in Verbindung setzte, sowie den Netzedistrikt (35,500 qkm mit 900,000 Einw.). Schon der bayrische Erbfolgekrieg (1778-79, s. d.) brachte aber die Nebenbuhlerschaft Preußens und Österreichs in Deutschland zum offenen Ausbruch, und indem sich Friedrich II. 1785 an die Spitze des deutschen Fürstenbundes stellte, um die Eroberungs- und Machterweiterungsgelüste Josephs II. im Reich zu vereiteln, zeichnete er der Politik seines Staats den Weg vor, auf dem derselbe zur Führerschaft des deutschen Volkes vorschreiten konnte. Der ungeheure Fortschritt Preußens in der Entwickelung seiner äußern Macht infolge seiner zielbewußten Politik seit 1740 war offenbar: damals ein deutscher Territorialstaat, welcher den Druck des kaiserlichen Hofs empfindlich fühlte, ohne sich ihm entziehen zu können, war P. jetzt eine europäische Großmacht von fast 200,000 qkm und beinahe 6 Mill. Einw. mit einem Heer von 200,000 Mann, welches als das beste der Welt galt, einem jährlichen Einkommen von 22 Mill. Thlr. u. einem Staatsschatz von 55 Mill. Thlr., allgemein gefürchtet und gesucht und mehr und mehr seiner höhern Aufgabe bewußt, an die Spitze Deutschlands zu treten und ihm als Kern seiner politischen Neugestaltung zu dienen.

Auch im Innern erzielte die 46jährige Regierung des großen Königs trotz des Schadens, den der Siebenjährige Krieg angerichtet hatte, erhebliche Fortschritte. Unermüdlich war er darauf bedacht, den Landbau und die Viehzucht zu heben durch Verbreitung nützlicher Kulturgewächse, Anpflanzung von Obstbäumen an den Kunststraßen, Entwässerung von Sümpfen und Mooren, deren bedeutendste Beispiele die Anlage des Oderbruchs (1747-56) und die Entsumpfung des Netzedistrikts sind, und Anlegung von Kolonien sowohl einzelner Höfe als ganzer Dörfer. 800 Ortschaften legte er neu an, zu welchem Zweck er zahlreiche Einwanderer aus allen Teilen Deutschlands in sein Land zog. Die rechtliche Lage des Bauernstandes veränderte er aber nicht und ließ seine Erbunterthänigkeit in den östlichen Provinzen bestehen, weswegen ein größerer Aufschwung des Bauernstandes ausblieb. Auch Industrie und Handel wurden bedeutend gefördert, indem der König selbst Fabriken anlegte, um neue Industriezweige heimisch zu machen, die Anlage andrer anregte und unterstützte; so wurden die Zuckersiederei, Papierfabrikation, Porzellanmanufaktur, Kattundruckerei, Baumwollspinnerei und -Weberei u. a. in P. eingeführt. Der Handel wurde durch Kanalbau erleichtert. Doch auch hier waren die Fortschritte beschränkte, indem das Merkantilsystem, das Friedrich befolgte, den Antrieb zu immer erhöhter Anspannung der Kräfte raubte, und die hohen Accisen, namentlich die Regie, welche nach dem Siebenjährigen Krieg eingeführt wurden, lähmten den Verkehr. Der Wert der industriellen Produktion in P. betrug 1785: 30½ Mill. Thlr. Auch in geistiger Beziehung waren die Resultate von Friedrichs rastloser Fürsorge innerhalb Preußens selbst nur mittelbare. Das Schulwesen konnte aus Rücksicht auf die Finanzen nur wenig unterstützt werden, noch weniger die höhere wissenschaftliche und künstlerische Thätigkeit. Indes das persönliche Beispiel des Königs, berühmte Erlasse und mündliche Äußerungen trugen wesentlich dazu bei, das preußische Volk von dem Bann beschränkter Vorurteile zu befreien und geistige Aufklärung unter den höhern Klassen der Gesellschaft zu verbreiten. Der Geist der Unabhängigkeit, des selbständigen Denkens wurde besonders dem Ritterstand eingepflanzt und der preußischen Justizpflege durch das preußische Landrecht eine gesunde Grundlage geschaffen. Der Beamtenstand, von echt Fridericianischem Geist erfüllt, unbeirrt durch eigennützige Rücksichten und unbeengt durch Vorurteile, strebte nur danach, der Vernunft gemäß zum Besten des Gemeinwohls zu handeln.

Als Friedrich d. Gr. 17. Aug. 1786 starb, hatte der preußische Staat 73 Jahre lang (1713-86) unter Monarchen gestanden, welche, mit einem genialen Verwaltungstalent begabt und von unermüdlicher Thätigkeit, die Regierung ganz in ihrer Hand vereinigt und sie nach ihrem unumschränkten Willen geleitet hatten. Unbedingter Gehorsam war die Pflicht jedes Staatsbürger gewesen: er hatte die Befehle und Maßregeln der Regierung als Ausflüsse einer höhern Intelligenz anzusehen und sich ihnen völlig zu unterwerfen. Auch den höhern Beamten war nur eine gewisse Selbständigkeit gelassen worden. In P. selbst hatte man zuletzt diese Bevormundung der Regierung unangenehm empfunden; die Mißstimmung gegen die Regie war so groß, daß selbst Friedrich zuletzt unpopulär wurde. Der Staat konnte in der bisherigen Weise nur fortbestehen, wenn der Nachfolger Friedrichs ein Mann von ebensolcher geistiger Überlegenheit und Thatkraft gewesen wäre. Eine höhere Entwickelung war nur möglich, wenn der Bürger- und Bauernstand aus den alten Fesseln des Zunftzwanges und der Erbunterthänigkeit befreit, das Volk unter Führung des selbständiger gewordenen Beamtentums zur Teilnahme an den öffentlichen Dingen herangezogen und dadurch seine Leistungsfähigkeit wie sein Interesse am Staat gesteigert worden wäre. Daß weder das eine noch das andre stattfand, war die Ursache, daß der scheinbar so fest gefügte, gesunde Staatsorganismus Friedrichs d. Gr. schon 20 Jahre nach seinem Tod schmählich zusammenbrach.

Die Regierung Friedrich Wilhelms II. 1786-97.

Friedrich Wilhelm II. (1786-97), bei seinem Regierungsantritt bereits 42 Jahre alt, gutherzig und wohlwollend, aber charakterschwach, sinnlich und zu mystischen Schwärmereien neigend, glaubte, im Besitz eines großen Staatsschatzes und eines für unbesiegbar geltenden Heers, mit vollen Händen geben und Preußens Kraft überall einsetzen zu können. Er hob die verhaßte Regie auf, sorgte aber nicht für einen Ersatz des Ausfalls an Einkünften. Sein verschwenderischer Hof verschlang ungeheure Summen und gab dem Lande das Beispiel zügelloser Sittenverderbnis unter der Maske religiöser Heuchelei. An die Stelle der Selbstregierung seiner Vorgänger trat eine Kabinettsregierung, welche den König von den Ministern abschloß und ihn dem Einfluß unwürdiger Günstlinge wie Wöllner, preisgab; machtlos mußten die tüchtigen Beamten Friedrichs d. Gr. mit ansehen, wie solche Leute das Werk mühevoller, jahrelanger Arbeit leichtfertig zerstörten. Statt dem Volk einen frischen Antrieb politischen und geistigen Lebens mitzuteilen, wurden 9. Juli 1788 das berüchtigt Religionsedikt und 19. Dez. das Zensuredikt erlassen, welche dem preußischen Volk die Freiheit auf dem einzigen Gebiet, das ihm Friedrich gelassen, dem religiösen und litterarischen, auch noch rauben sollten. Der Feld-^[folgende Seite]