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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Provençalische Sprache und Litteratur

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Provençalische Sprache und Litteratur.

und von dem Land, wo sie am ersten litterarisch kultiviert wurde, die provençalische; in Spanien erscheint sie in der katalonischen und valencianischen Mundart. Ursprünglich war sie von der nordfranzösischen Mundart wohl wenig verschieden, und erst seit dem 9. Jahrh., wo die letztere ihre Formen mehr und mehr abzuschleifen begann, trat der Unterschied merklich hervor. Ihre Blüte fällt in die Zeit der Troubadoure, wo alle Dichter in ihr sangen und sie die Sprache des ganzen gebildeten Europa werden zu wollen schien. Mit dem Verfall der provençalischen Litteratur infolge des Verlustes der politischen Selbständigkeit Südfrankreichs durch die Ereignisse des 13. Jahrh. verfiel auch die Sprache, die als Schriftsprache mehr und mehr durch das Nordfranzösische verdrängt wurde und zu einem bloßen Patois, dem sogen. Neuprovençalischen, herabsank, von welchem nur einzelne Volksdichter, wie Goudulin, Jacq. Jasmin u. a., Gebrauch machten, bis sich in neuester Zeit unter Führung des Dichters Mistral (s. d.) der Verein der Félibres (s. d.) bildete, welcher die Wiederbelebung und Pflege der provençalischen Sprache als Schriftsprache anstrebt. Der Anfang des Vaterunsers im Altprovençalischen heißt: "Paire nostre que etz el cel, sanctificats sia vostre noms". Die ältesten urkundlich provençalischen Sprachproben finden sich seit 960, einzelne in lateinische Urkunden eingestreute Sätze. Das Fragment eines Gedichts über Boethius von 257 Versen, aus dem Ende des 10. Jahrh. (hrsg. von Diez in den "Altromanischen Sprachdenkmalen", Bonn 1846; auch von Bartsch in der "Chrestomathie provençale", 4. Aufl., Elberf. 1880), zeigt schon ziemlich ausgebildete Sprachformen. Andre ältere Stücke hat Mary-Lafon in dem "Tableau historique et littéraire de la langue parlée dans le midi de la France et connue sous le nom de langue provençale" (Par. 1842) gesammelt. Grammatiken des Provençalischen hat man schon aus dem 13. Jahrh., welche Guessard unter dem Titel: "Grammaires romanes inédites du XIII. siècle" (neue Ausg., Par. 1858) und Stengel (Marb. 1878) herausgegeben haben. Eine Grammatik, Metrik und Rhetorik aus dem 14. Jahrh. sind die "Leyes d'amors" (hrsg. von Gatien-Arnoult, Toulouse 1841). Kritisch bearbeitet wurde die provençalische Sprache in neuerer Zeit von Raynouard in seiner "Grammaire de la langue des troubadours" (Par. 1817), am vorzüglichsten aber von Diez in seiner "Grammatik der romanischen Sprachen" (5. Aufl., Bonn 1882) und von Mahn ("Grammatik u. Wörterbuch der altprovençalischen Sprache", Köthen 1885 ff., 4 Tle.). Einen kurzen Abriß gibt Adrian in "Grundzüge einer provençalischen Grammatik" (Frankf. 1825). Wörterbücher lieferten Raynouard ("Lexique roman", Par. 1838-44, 6 Bde.), Diez ("Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen", 4. Aufl., Bonn 1878), Honnorat ("Dictionnaire provençal-français", Digne 1846-47, 3 Bde.), Azaïs (Montpellier 1877-81, 3 Bde.); ein Lexikon der heutigen provençalischen Mundart, die selbst in ihrer jetzigen Gestalt die französische Sprache an Wohlklang und Vollständigkeit der Formen übertrifft, ist Mistrals "Tresor dou Felibrige" (Avignon 1878-86, 2 Bde.). Vgl. Fuchs, Über die sogen. unregelmäßigen Zeitwörter in den romanischen Sprachen (Berl. 1840); Schnakenburg, Tableau des idiomes populaires de la France (das. 1840); Pierquin de Gembloux, Histoire littéraire etc. des patois (Par. 1841); P. Meyer, Récueil d'anciens textes bas-latins, provençaux et français (das. 1875).

Die eigentliche provençalische Litteratur hat, wie jede andre, mit einer Volksdichtung begonnen. Dieselbe bestand in epischen oder lyrisch-epischen Liedern, welche von wandernden Volkssängern (joglars) mit Musikbegleitung vorgetragen wurden und sich nur mündlich fortpflanzten. Die Blütezeit dieser Dichtung fällt in die zweite Hälfte des 9. und in das 10. Jahrh., es ist jedoch außer einigen Spuren nichts davon auf unsre Zeiten gekommen. Mit dem Ende des 11. Jahrh., aus welchem die ältesten uns erhaltenen Erzeugnisse der provençalischen Poesie stammen, beginnt schon eine Periode der Kunstdichtung, die zwar in ihren ersten Anfängen noch ein volkstümliches Gepräge zeigte, sich aber sehr bald zu einer rein höfischen Dichtung entwickelte. Dieselbe wurde ausschließlich von dem ritterlichen Adel gepflegt und zum Teil von Mitgliedern der höchsten Kreise desselben, den Fürsten und Herren, meistens jedoch von den minder begüterten Rittern, erst in späterer Zeit hin und wieder von Männern bürgerliche Herkunft geübt und erhielt daher ihren Inhalt und Charakter ausschließlich von den Institutionen, den Gewohnheiten und der Anschauungsweise des Rittertums. Die Geschlechtsliebe in der Form der höfischen Galanterie bildet ihren Hauptinhalt, demnächst Krieg und Politik, endlich persönliche Verhältnisse. Die ritterlichen Dichter hießen Troubadoure (trovadors, von trovar, finden, erfinden), wogegen diejenigen, welche die von jenen verfaßten Gedichte nur absangen, mit dem Namen der alten Volkssänger, Joglars (Jongleure), deren eigentliche Nachfolger sie auch waren, bezeichnet wurden. Ein adliger Troubadour pflegte immer einen oder mehrere solcher Joglars in seinen Diensten zu haben. Doch gab es auch hin und wieder Joglars, die selbst dichteten, wie auch umgekehrt öfters ein ärmerer Troubadour sein eigner Joglar war. Nach Inhalt und Form scheiden sich die Lieder der Troubadoure in mehrere Gattungen. Die älteste, noch auf dem alten Volksgesang beruhende Form hieß schlechthin vers, hatte einen sehr einfachen Strophenbau und konnte jeden beliebigen Inhalt haben. Aus dieser Form entwickelte sich die Kanzone (chansos), die Hauptform der höfischen Lyrik, welche sich durch einen sehr kunstreichen Strophenbau auszeichnete und ausschließlich Liebe und Religion zum Inhalt hatte. Den Gegensatz dazu bildete das Sirventes (der gewöhnlichen Ableitung nach von servir, dienen, also ein im Dienst eines Herrn verfaßtes Gedicht), welches, unter gänzlichen Ausschluß der Liebe, die verschiedensten öffentlichen Angelegenheiten, Krieg, Politik, Religion, Moral etc., wie auch persönliche Verhältnisse des Dichters behandelte. Zu den Sirventesen gehören auch die Kreuzlieder, Aufrufe zur Teilnahme an den Kreuzzügen, und die Klagelieder über den Verlust eines Gönners oder einer Geliebten. Eine dritte Gattung bildete die Tenzone (tensos) oder das Streitgedicht, auch joc partit (geteiltes Spiel) genannt, in welchem zwei einander widerstreitende Sätze von zwei oder mehreren Dichtern strophenweise verteidigt wurden. Die Romanze, die bei den Provençalen nur in einer kleinen Anzahl von Beispielen vorkommt, ist ein lyrisch-episches Gedicht, dessen Inhalt in der Regel ein Liebesabenteuer bildet. Die Alba oder das Taglied enthielt den poetischen Weckruf, womit der Wächter bei einem nächtlichen Stelldichein zwischen zwei Liebenden denselben den anbrechenden Morgen (alba) verkündet und sie zum Aufbruch mahnt. Die Pastorella (pastorela oder pastoreta) hat ein Gespräch des Dichters mit einer Hirtin zum Inhalt. Die Balada und die Danza sind Lieder, die zum Tanz gesungen wurden. Auch der poetische Liebesbrief (breu