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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Reblaus; Rebmann

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Reblaus - Rebmann.

Wunden dringen Pilze ein, unter deren Einwirkung sehr schnell Fäulnis erfolgt. Die Läuse gehen dann (im Herbst) an die ältern Wurzeln und zeugen hier geringere Anschwellungen (Tuberositäten, Fig. 2), die erst im nächsten Frühjahr faulen. Im zweiten Jahr ist die Beschädigung der Wurzeln viel erheblicher, es beginnen auch die oberirdischen Teile zu leiden, u. im dritten Jahr kann schon der ganze Wurzelstock zerstört sein. Boden- und klimatische Verhältnisse u. die Widerstandsfähigkeit der Rebensorte können den Zerstörungsprozeß verzögern, und im allgemeinen verläuft derselbe im Süden schneller als im Norden. Die Läuse verlassen den zerstörten Stock und verbreiten sich durch oberirdische Wanderung, bei geschlossenem Weinbau auch von Wurzel zu Wurzel und im Herbst die geflügelte Form durch die Luft. Außerdem findet sicher auch Verbreitung durch Menschen, Tiere, Geräte, allerlei Materialien und Pflanzen statt.

Die R. wurde in Europa 1868 von Planchon bei St.-Remy (Bouches du Rhône) entdeckt, wo seit 1865 eine Rebenkrankheit beobachtet worden war. Diese Weingärten hatten bis vor kurzem Eichenwald getragen, und in dem noch stehenden benachbarten Eichenwald zeigte sich reichlich Phylloxera Quercus (s. unten). Man kann annehmen, daß die R. damals schon etwa 10 Jahre in Frankreich vorhanden gewesen war, und in den 50er Jahren wurden viele dem Traubenpilz widerstehende amerikanische Rebensorten nach Frankreich eingeführt. Indes sind amerikanische Reben schon seit 30 oder 50 Jahren in Europa kultiviert, ohne daß man von der R. gehört hätte. Die Wurzeln bewohnende Form der R. wurde erst 1870 in Amerika entdeckt, während die Gallen bewohnende Form schon 1854 dort bekannt war. Es ist aber nachgewiesen, daß Anbauversuche mit unsrer Rebe im 17. Jahrh. und später in Amerika fehlschlugen, während die Rebe, auf amerikanische Unterlage veredelt, dort recht gut gedeiht. In Europa hat die R. Frankreich am stärksten geschädigt. 1885 waren von 77 weinbautreibenden Departements 53 und von 2,485,829 Hektar Weinland über 1 Mill. verseucht. Dies entspricht einem Wertverlust von 13,5 Milliarden Frank an Reben und Wein seit 1869. In Portugal und Österreich entdeckte man die R. 1872, dort waren bis 1881 schon 130,000, hier bis 1886 ca. 1500 Hektar verseucht. In Deutschland fand man die R. seit 1874 mehrfach an vereinzelten Stellen, erst 1881 zeigte sich im Ahrthal ein Herd von 2 Hektar, u. bis 1887 mögen wohl gegen 80 Hektar verseucht sein. Auch in der Schweiz, in Ungarn, Spanien, Italien, der Krim, in Serbien, Rumänien, der Türkei, in Australien, Algerien, am Kap hat man die R. nachgewiesen u. hat sie mehr oder weniger Schaden angerichtet.

Zur Bekämpfung der R. hat man die befallenen Stöcke ausgegraben, mit Petroleum begossen und verbrannt und dann die Fläche mit Schwefelkohlenstoff (150-250 g pro QKilometer), schwefliger Säure etc. behandelt; sie darf in 4-5 Jahren nicht wieder mit Reben bepflanzt werden. Ebenso wurde Schwefelkohlenstoff unter Schonung der Rebstöcke in den Boden gebracht (10 g pro Stock) und dabei stark gedüngt, auch Sulfocarbonat u. Teeröl wurden angewandt und mit größerm Erfolg eine Unterwassersetzung im Sommer auf 25-40 Tage (10-30,000 cbm Wasser pro Hektar) mit starker Düngung, Kultur in Sandböden und vor allem Veredelung auf amerikanische Reben, welche viel kräftigeres Wachstum besitzen als die europäischen und dadurch der R. besser widerstehen. Beachtung verdient auch die Begünstigung der Feinde der R. Zu diesen gehören besonders eine Milbe, Hoplophora aretata, der kleine Tausendfuß (Polyxenus lagurus), ferner ein Blasenfuß (Thrips), der Blattlauslöwe (Chrysopa), die Made der Blattlausmücke (Syrphus), eine Schlupfwespe (Aphidius) und noch drei unterirdisch lebende Milben. Zum Schutz gegen die Verbreitung der R. wurden 1875 in Österreich und Deutschland Gesetze erlassen. Auf Anregung von Fatio berief die Schweiz 1877 einen Reblauskongreß nach Lausanne, der die Grundzüge zu internationalem Vorgehen feststellte. Am 17. Sept. 1878 schlossen dann Deutschland, Österreich-Ungarn, Spanien, Frankreich, Italien, Portugal und die Schweiz eine internationale Reblauskonvention ab, welcher noch Luxemburg und Serbien beitraten. Diese Konvention wurde 3. Okt. bis 3. Nov. 1881 auf einer internationalen Konferenz in Bern revidiert, und auf der neuen Übereinkunft basiert das deutsche Reichsgesetz vom 3. Juli 1883, die Abwehr und Unterdrückung der Reblauskrankheiten betreffend. Vgl. die Schriften von Neßler (Stuttg. 1875), Hamm (Wien 1875), Dillmann (Reutling. 1875), David (Wiesb. 1875), Wittmack (Berl. 1875), Dietzsch (Zürich 1875), Blankenhorn (Heidelb. 1878), Goethe (Wien 1887), Haller ("Die kleinen Feinde der Phylloxera", Heidelb. 1878), Fatio ("État de la question phylloxérique en Europe en 1877", Basel 1878).

Zu derselben Gattung gehört die Eichenrindenlaus (Phylloxera Quercus B. d. Fonsc.), der Tannenlaus ähnlich, am Thorax schwarz, am Kopf, Hinterleib und an den Beinen rot, auf den Vorderflügeln mit rötlichgelbem Randmal, legt auf der Unterseite der Eichenblätter gelbliche Eier, aus welchen nach 6-8 Tagen weiße, ungeflügelte Läuse ausschlüpfen, die sich festsaugen und 30-40 Eier legen. Aus diesen entsteht eine zweite Brut und so mehrere hintereinander, sämtlich parthenogenetisch. Unter den letzten Bruten erscheinen auch geflügelte Läuse, die südwärts ziehen und aus Quercus coccifera einige größere hellgelbe und kleinere rötliche Eier legen. Erstere liefern Weibchen, letztere Männchen, beide ohne Schnabel. Die befruchteten Weibchen legen ein einziges Ei zwischen Knospenschuppen oder Rindenrissen, und aus diesem schlüpft eine Laus, welche nach mehreren Häutungen stachlig ist und an Stengel und Blattunterseiten 150-200 Eier legt. Aus diesen entwickeln sich glatte Läuse, welche Flügel erhalten und nordwärts ziehen, um den Kreislauf von neuem zu beginnen.

Rebmann, Johannes, Missionär und Afrikareisender, geb. 16. Jan. 1820 zu Gerlingen bei Leonberg (Württemberg) als der Sohn eines Bauern, kam 1839 in das Missionshaus zu Basel, 1844 in das zu Islington in England, begab sich 1846 im Auftrag der Church Missionary Society zur Unterstützung Krapfs (s. d.) nach Ostafrika, wo besonders Mombas und die Umgegend sowie der Stamm der Wanika das Feld seiner Missionsthätigkeit wurden, und verweilte auf diesem Posten nahezu 30 Jahre. Er begleitete Krapf auf den meisten seiner Reisen in Ostafrika und entdeckte 1847 mit ihm die Schneeberge Kilima Ndscharo und Kenia. Von der Existenz eines großen Binnensees wiederholte Berichte vernehmend, legten R. und Krapf dieselben auf einer Karte für die Londoner Geographische Gesellschaft nieder und gaben damit den Anstoß zu Burtons und Spekes erster Reise nach Innerafrika (1857 und 1858) und zur Entdeckung der großen Seen im Nilquellgebiet. Auch um die Kenntnis mehrere ostafrikanischer Sprachen, besonders durch ein Wörterbuch der Suahelisprache, machte sich R. verdient. Erblindet 1875 nach Europa zurückgekehrt, nahm er seinen Wohnsitz bei seinem Gefährten Krapf in Kornthal, wo er 4. Okt. 1876 starb.