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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Reuchlin; Reudnitz; Reue

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Reuchlin - Reue.

Sohn Magnus Gustav, geb. 27. Okt. 1842, seit 1877 Professor der Histologie am Karolinischen Institut, gab 1875 mit Key "Studien in der Anatomie des Nervensystems und des Bindegewebes" heraus; auch schrieb er: "Das Gehörlabyrinth der Knochenfische" (Stockh. 1872) und "Finska Kranier" (das. 1878); "Das Gehörorgan der Wirbeltiere" (das. 1881-84, 2 Tle.); "Finnland, Schilderungen etc." (Berl. 1885).

Reuchlin, 1) Johann (gräzisiert Kapnion), berühmter Humanist und Vorkämpfer der Reformation, geb. 22. Febr. 1455 zu Pforzheim, besuchte die Schule zu Schlettstadt, studierte seit 1470 in Freiburg, ward wegen seiner schönen Stimme in die Kapelle des Markgrafen Karl von Baden-Durlach aufgenommen, begleitete 1473 den jungen Markgrafen Friedrich auf die Pariser Universität, wo er besonders Griechisch und Lateinisch lernte, kam 1474 nach Basel, wurde hier 1475 Bakkalaureus und 1477 Magister, ging 1478 nach Orléans, um die Rechte zu studieren, und 1479 nach Poitiers. Als Lizentiat der Rechte 1481 nach Tübingen zurückgekehrt, trat er hier als Lehrer der Rechte und schönen Wissenschaften auf, praktizierte als Advokat und ward bald der Liebling Eberhards des Bärtigen von Württemberg, in dessen Gefolge (als Geheimschreiber) er 1482 nach Italien kam. 1484 wurde er Beisitzer des Hofgerichts zu Stuttgart und von Eberhard zu mehreren diplomatischen Missionen verwandt. 1490 finden wir ihn abermals in Italien. 1492 begleitete er Eberhard nach Linz zum Kaiser, der ihn zum Pfalzgrafen und kaiserlichen Reichsrat ernannte. Nach Eberhards Tod begab sich R. 1496 an den kurpfälzischen Hof nach Heidelberg und erwirkte 1498 als Abgesandter in Rom die Lossprechung des Kurfürsten Philipp von der Pfalz vom Bann. Nach Stuttgart 1499 zurückgekehrt, widmete er sich ganz den Wissenschaften und dem Unterricht. Von 1502 bis 1513 war er Vorsitzender beim schwäbischen Bundesgericht. Sein Widerraten der vom Kaiser 1509 befohlenen Verbrennung aller nichtbiblischen hebräischen Schriften verwickelte ihn in einen bittern Streit mit den Dominikanern zu Köln, vor allen mit Jakob von Hoogstraten. Die Universitäten Paris, Löwen, Erfurt und Mainz traten gegen R. in die Schranken, der aber, obgleich ihm ein Inquisitionsprozeß gemacht wurde, zuerst in Mainz und Speier, dann in Rom seine Sache siegreich verfocht. Zugleich wurden die blinden Eiferer durch die berühmten "Epistolae obscurorum virorum" (s. d.) dem Gelächter preisgegeben. In dem Kampf zwischen dem Herzog Ulrich und dem Schwäbischen Bund wurde R., obwohl er seine Stelle als Bundesrichter niedergelegt hatte, vom Herzog gefangen genommen, erhielt aber durch den Herzog Wilhelm von Bayern seine Freiheit wieder und wurde 1519 zum Professor in Ingolstadt ernannt. Einen Ruf nach Wittenberg schlug er aus und empfahl dafür seinen Schüler Melanchthon. Der Pest halber kehrte er schon 1521 nach Stuttgart zurück. Er starb, nach einer kurzen Wirksamkeit an der Universität zu Tübingen, 30. Juni 1522 im Bad Liebenzell bei Hirschau. Seine ansehnliche Bibliothek hatte er seiner Vaterstadt Pforzheim vermacht. Insofern R. auf die bessere Gestaltung des Schulwesens in Deutschland teils durch Verbreitung liberaler Grundsätze, teils durch das lebendige Wort und durch Abfassung zweckmäßiger Elementarbücher für die Erlernung der alten Sprachen einen großen Einfluß übte und so die Läuterung und Reform der religiösen Vorstellungen anbahnte, ist er mit Recht ein Vorkämpfer der Reformation zu nennen; mit ebendemselben Recht heißt er aber auch der Begründer der klassischen Philologie und der Schöpfer des Humanismus in Deutschland. In der griechischen Sprache begründete er eine eigne Aussprache der Diphthonge, den sogen. Itazismus (vgl. Etazismus). Von seinen Werken nennen wir außer mehreren lateinischen Übersetzungen griechischer Schriftsteller die Ausgaben von "Xenophontis Apologia, Agesilaus, Hiero" (Hagenau 1520) und "Aeschinis et Demosthenis orationes adversariae" (das. 1522); zur lateinischen Sprache: "Vocabularius breviloquus" (Basel 1475); zur griechischen Sprache: "Micropaedia sive grammatica graeca" (um 1478 verfaßt; nicht gedruckt) und "Synopsis grammaticae graecae" (Pforzh. 1506); zur hebräischen Sprache: "Rudimenta hebraica" (das. 1506), "De accentibus et orthographia Hebraeorum libri III" (das. 1518) und die Ausgabe der sieben Bußpsalmen (Tübing. 1512), die als der erste hebräische Druck in Deutschland gilt. "Der Augenspiegel" (Pforzh. 1511; hrsg. von Mayerhoff, Berl. 1836) war gegen eine Schmähschrift des Kölner Obskuranten. Pfefferkorn (s. Epistolae obscurorum virorum) gerichtet. Auf die jüdische Geheimlehre beziehen sich: "De verbo mirifico" (Basel 1494) und "De arte cabbalistica" (Hagenau 1517). In dem satirischen Lustspiel "Sergius, sive capitis caput" (Pforzh. 1507) geißelte R. die Pfaffenherrschaft. Sein "Briefwechsel" wurde von L. Geiger herausgegeben (Stuttg. 1876, Litter. Verein). Vgl. L. Geiger, J. R., sein Leben und seine Werke (Leipz. 1871); Horawitz, Zur Biographie und Korrespondenz J. Reuchlins (Wien 1877); Holstein, J. Reuchlins Komödien (Halle 1888).

2) Hermann, namhafter Geschichtschreiber, Nachkomme des vorigen, geb. 9. Jan. 1810 zu Markgröningen bei Stuttgart, studierte in Tübingen Theologie, begleitete als Hauslehrer seinen Zögling Sieveking aus Hamburg nach Paris, wo er sich längere Zeit aufhielt und sich mit der Geschichte des Jansenismus beschäftigte, ward 1842 Pfarrer zu Pfrondorf bei Tübingen und privatisierte seit 1857 in Stuttgart, wo er 14. Mai 1873 starb. Von seinen Werken sind hervorzuheben: "Geschichte von Port Royal" (Hamb. u. Gotha 1839-44, 2 Bde.); "Pascals Leben und der Geist seiner Schriften" (Stuttg. 1840); "Geschichte Italiens von Gründung der regierenden Dynastien bis zur Gegenwart" (Leipz. 1858-74, 4 Bde.) und "Lebensbilder zur Geschichte des neuen Italien" (Graf Balbo, Garibaldi, General Pepe; Nördling. 1860-62, 3 Tle.).

Reudnitz, bisher stadtähnliches Dorf und Vorort im O. von Leipzig, in der sächs. Kreis- und Amtshauptmannschaft Leipzig, mit Leipzig seit Jahren verwachsen, hat eine schöne gotische Kirche, ein neues Rathaus, eine Realschule, das Bibliographische Institut, Buchdruckerei, Notenstecherei, Lampen-, Rüschen-, Maschinen- und Zigarrenfabrikation, eine bedeutende chromolithographische und andre graphische Anstalten, eine renommierte Bierbrauerei und (1885) 18,824 meist evang. Einwohner. R. bildet mit den Dörfern Neureudnitz, Thonberg, Volkmarsdorf, Anger-Krottendorf, Neuschönefeld, Neustadt, Sellerhausen und Neusellerhausen den zusammenhängenden Komplex der Ostvorstadtdörfer von Leipzig. Die beiden Orte R. und Anger-Krottendorf wurden 1. Jan. 1889 mit Leipzig vereinigt.

Reue (Poenitentia), im kirchlich-dogmat. Sinn s. Buße. Thätige R., welche dann vorliegt, wenn jemand den schädlichen Erfolg seiner strafbaren Handlung selbst abgewendet hat, begründet im Strafrecht unter Umständen Straflosigkeit des Verbrechers, so