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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Rom

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Rom (das neue: Bewohner, Industrie u. Handel, Unterrichtsanstalten).

mit stolzer und doch freier Haltung. Herkommen und Gebrauch haben eine große Macht über den Römer. Dieselbe Äußerlichkeit dringt aber auch durch alle höhern Lebensgebiete. Eine Religion ohne glänzende Zeremonien würde kaum verstanden werden; die Pracht der Kirchen, wie sie nicht nur in St. Peter, sondern auch in den neuesten Kirchenausschmückungen herrscht, geht ganz aus dem Geiste des Römers hervor. Auch in den Wissenschaften, die in R. gedeihen, machen diejenigen, die auf äußern Beobachtungen beruhen, die glänzendsten Fortschritte (Astronomie, Physik, Archäologie etc.). Sinn für äußern Schmuck zeigt selbst die Anordnung u. Ausschmückung der Lebensmittel in den öffentlichen Laden; ambulante, malerisch gruppierte Buden ziehen bei Kirchenfesten, wo es irgend erlaubt ist, in die unmittelbare Nähe des Gotteshauses. Die Frauen ziehen in der Bekleidung das Bunte vor; auch der Mann schmückt sich mehr als anderswo. Geselligkeit, sei es im Café oder im Theater oder in gesellschaftlichen Zirkeln, ist dem Römer wie dem Italiener überhaupt in weit höherm Grad Bedürfnis als dem Nordländer, und nur aus diesem Zug läßt sich das wunderbare Gewoge des täglichen Passeggio auf bestimmten Straßen und Plätzen erklären. In der häuslichen Einrichtung herrscht dagegen eine auffallende Genügsamkeit. Für die Natur hat der Römer einen gewissen äußerlichen Sinn, aber den Phantasie- und Stimmungsgenuß kennt er weit weniger als der Nordländer. Merkwürdig sind bei der mangelhaften Bildung des Römers in den untern und selbst in den mittlern Schichten die außerordentliche Lebhaftigkeit des Verstandes, die Gelehrigkeit, der Scharfsinn und der Geist behaglicher Ironie, der schöne Gebrauch der Sprache sowie das Gewandte und das Sinnreiche in der Unterhaltung. Fremde Sprachen, selbst die naheliegende französische, engen den Römer ein; dagegen werden das verwandte Latein und die Pflege der Muttersprache hochgehalten. Es herrscht in R. eine ziemlich scharfe Scheidung der Stände; der hohe Adel (darunter die einst souveränen Feudalgeschlechter der Colonna und Orsini, der Borghese, Chigi, Rospigliosi; ferner die Doria, Cesarini, Odescalchi; die durch päpstliche Investitur geadelten Caetani, Massimi, Gabrielli; die durch Kauf von fürstlichen Gütern geadelten Torlonia, Grazioli etc.) lebt ziemlich abgeschlossen für sich; der Chef der Familie trägt den ältesten Titel derselben und der älteste Sohn, wenn er sich verheiratet, den zweitältesten Titel. Der Adel besitzt den größten Teil der Campagna, und einige seiner Familien gehören zu den reichsten des Landes. Einen höhern Mittelstand bilden außer den Beamten die Pachtunternehmer der Campagna, die Künstler und Kaufleute der bedeutendsten Magazinhallen. Eigentümlich ist in den untern Volksschichten das Gemisch antiker Erzählungen, wie sie die vielen Ruinen darbieten, und der täglichen geistigen Nahrung durch biblische Geschichten und Legenden. Der Römer hat ein angebornes Talent für die Musik; seine Liebhaberei für die Laute ist sprichwörtlich. Auf dem Land begleitet den Saltarello (s. d.), den echt römischen Nationaltanz, eine sehr einförmige Musik; auch die Melodie des Ritornello ist monoton. Für die Oper ist der Römer, wie jeder Italiener, leidenschaftlich begeistert; aber er liebt auch hier vornehmlich das Effektstück. Die Römerinnen haben die antiken Verhältnisse des Körpers noch am treuesten bewahrt; namentlich sind Kopf und Büste oft auffallend schön geschnitten, und R. ist in dieser Beziehung die Metropole der weiblichen Schönheit.

Wie in allen italienischen Städten, ersetzt für die Gewerbe die Straße Magazin und Küche: auf der Straße wird gebraten, gehämmert, gehobelt, gekrämert etc. Das Krämern ist im Volk fast eine Leidenschaft; dagegen wird das Handwerk als mühsame, andauernde Arbeit weniger gesucht. Arbeitet aber der Römer einmal, so arbeitet er meist sehr fleißig, gewandt und tüchtig. Dabei lebt er äußerst einfach und mäßig. Das große R. hat viel Kleinstädtisches; man kennt sich weit mehr als in andern großen Städten, und mit eleganten Magazinen, großartigen Einrichtungen ist es immer noch spärlich versehen. Schmutz, Arbeitsscheu und Bettelei haben allerdings, seit R. Kapitale ist, sehr abgenommen. Der Bettler ist kein privilegierter Stand mehr, wie ehedem. Auch die Zahl der Verbrechen hat sich erheblich vermindert. Industrie und Handel sind in R. nicht von großem Belang und werden meist nur im kleinen betrieben. Unter den Industrieerzeugnissen sind hervorzuheben: Gold- und Silberarbeiten, Perlen, Mosaiken, Kameen, römische Seidenbänder, Schärpen und andre Seidenwaren, Darmsaiten, Malerutensilien etc. In Verbindung mit der außergewöhnlichen Bauthätigkeit der letzten Jahre hat sich das Baugewerbe, insbesondere die Ziegelbrennerei, beträchtlich entwickelt. Hauptgegenstände der Einfuhr sind: Kolonialwaren, Fische, Vieh, Getreide u. Reis, Mehl, Wein, Orangen, Feigen, Manufakturwaren, Brenn- und Baumaterialien, Eisen; Hauptgegenstände der Ausfuhr: Häute und Felle, Wolle, Käse, Artikel der Kunstindustrie und als Ballast die treffliche Puzzolanerde aus der Umgegend Roms. Von der größten wirtschaftlichen Bedeutung für R. ist natürlich der Fremdenbesuch. Unter den Kreditinstituten ist die Nationalbank des Königreichs Italien (Emissionsbank) mit einem Aktienkapital von 200 Mill. Lire das bedeutendste. Eisenbahnen führen von R. nach Neapel, nach Pisa (Küstenbahn), über Orte und Siena nach Florenz, über Foligno nach Florenz und Ancona, endlich nach dem Hafen von Fiumicino, welcher nebst Civitavecchia den Handel Roms zur See vermittelt. Für den städtischen Verkehr sorgen Pferdebahnen, Omnibusse und zahlreiche Mietwagen. Nach Tivoli führt außerhalb der Porta S. Lorenzo ein Dampftramway.

Bildungs- und Wohlthätigkeitsanstalten, Behörden.

Die Unterrichtsanstalten Roms sind in der Neuzeit einer völligen Reorganisation unterworfen worden. Die Universität (Sapienza) zählt vier Fakultäten (für Jurisprudenz, Medizin, mathematische und Naturwissenschaften und philologisch-philosophische Fächer) und hatte 1883-84: 149 Dozenten und 1058 Studierende. Mit derselben verbunden sind: die Biblioteca Alessandria, mehrere Kliniken und andre medizinische und naturwissenschaftliche Institute, ferner das neue astronomische Observatorium auf dem Kapitol (das ältere berühmte Observatorium befindet sich auf dem Collegio Romano), der botanische Garten und das chemische Laboratorium. Andre höhere Lehranstalten sind: das technische Institut Leonardo da Vinci, die königliche Ingenieurschule, das königliche Lyceum Ennio Quirino Visconti (im frühern Collegio Romano), das königliche Institut der schönen Künste. Auch das Elementarschulwesen hat in R., seit es die Hauptstadt Italiens geworden, sehr erfreuliche Fortschritte gemacht. Privatinstitute unter geistlicher Direktion sind die vom päpstlichen Stuhl erhaltenen Anstalten, als: das vatikanische Seminar, das Collegio Romano (mit dem Museum Kircherianum), das Kollegium de propaganda fide (für Missionäre), das Kollegium des heil. Thomas von Aquino