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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Rumänien

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Rumänien (Geschichte).

dem Ostender Kellner Librecht) und Mätressen beleidigte die gebildeten Klassen. Dies beschleunigte die Bildung einer Verschwörung. In der Nacht vom 22. zum 23. Febr. 1866 drangen die Verschwornen in den Palast, dessen Wache gewonnen war, und erbrachen die Thür des fürstlichen Schlafgemachs; Cusa wurde gezwungen, abzudanken, und verließ R. Eine provisorische Regierung konstituierte sich sodann mit einem Koalitionsministerium aus allen Parteischattierungen. Beide Kammern wählten hierauf einstimmig den Grafen von Flandern, jüngern Bruder des Königs der Belgier, zum Fürsten. Da derselbe die Wahl ablehnte, ordnete die Regierung in einer Proklamation vom 14. April eine Volksabstimmung über die Wahl des Prinzen Karl von Hohenzollern-Sigmaringen an, welche 20. April mit günstigem Ergebnis erfolgte. Die Konstituierende Versammlung proklamierte die Wahl 13. Mai, und Fürst Karl I. hielt seinen Einzug in Bukarest unter den jubelnden Zurufen der Bevölkerung (22. Mai). Die neue freisinnige Verfassung, nach belgischem Muster, wurde in kürzester Frist ausgearbeitet und vom Fürsten beschworen und veröffentlicht (11. Juli). Die Mächte erkannten die neue Ordnung der Dinge und die Wahl des neuen Fürsten an (24. Okt.).

Unter dem Fürsten Karl I. nahm das Land auf vielen Gebieten einen mächtigen Aufschwung, und die freie Entfaltung des Verfassungslebens erlitt von obenher keinerlei Beengung. Doch wurde der stetige, gesunde Fortschritt beeinträchtigt durch das Repräsentativsystem und durch das Hereinziehen politischer Rücksichten in alle ökonomischen Fragen, während die Finanzen unter der Entfaltung eines für den jungen Staat und seine Hilfsquellen zu beschwerlichen Verwaltungsapparats sowie durch zu überstürzte Ausgaben arg litten. Das Volk war politisch noch ganz unreif, und der Staat war ein Spielball in den Händen gewissenloser, ehrgeiziger Politiker. Der Fürst hatte sich der Partei der Liberalen (Roten) angeschlossen, deren Führer Joan Bratianu war, weil diese allein stark genug war, eine Regierung zu stützen; die Partei der Weißen (der Bojaren) zerfiel in einzelne machtlose Cliquen. Das Ministerium Bratianu schloß 1868 mit Strousberg einen Eisenbahnvertrag, der zwar die wirtschaftliche Entwickelung Rumäniens erst ermöglichte, aber dem Land große Lasten auferlegte und es in ernste finanzielle Verlegenheiten stürzte. Judenkrawalle und Umtriebe von Bulgarenbanden, welche das Mißtrauen der Pforte und Österreichs erregten, führten im November 1868 den Sturz der Liberalen herbei. Die konservativen Ministerien Cogalnitscheano (1868 bis Februar 1870), Golesco (Februar bis Mai 1870) und Epureano (Mai bis Dezember 1870) konnten sich nicht lange halten. Als das Ministerium Ghika (Dezember 1870 bis März 1871) eine brutale Störung des deutschen Friedensfestes (22. März 1871) ungeahndet ließ, drohte der Fürst mit Abdankung und erlangte dadurch, daß ein konservatives Ministerium Lascar Catargiu sich bildete und den Fürsten nachdrücklich unterstützte. 1872 wurde nach dem Bankrott Strousbergs das Eisenbahnwesen durch Gesetz geregelt und mit der neugebildeten Gesellschaft in Berlin eine Übereinkunft erzielt, das Tabaksmonopol eingeführt, um die Finanzen zu heben, und mehrere Anleihen bewilligt. Da 1876 die Wahlen liberal ausfielen, trat Catargiu zurück, und Florescu bildete 17. April ein neues Ministerium, das aber im Senat Widerstand fand und schon 6. Mai zurücktrat. Nun bildete Epureano ein neues, dessen Präsidium 5. Aug. Bratianu übernahm, der sich nun dauernd behauptete.

Die Bemühungen, das Land sittlich, geistig und materiell zu heben, der Korruption in den höhern Schichten, dem Stumpfsinn und der rohen Borniertheit des niedern Volkes zu steuern, erlitten eine nachteilige Unterbrechung durch den russisch-türkischen Krieg 1877, durch welchen R., wo man die panslawistischen Hetzereien Rußlands mit Mißtrauen beobachtet hatte, in eine mißliche Zwangslage geriet; nur einige chauvinistische Kreise ergriffen mit Begier die Gelegenheit, das ersehnte "großrumänische Reich" (mit Siebenbürgen etc.) gründen zu wollen. Da weder in dem Pariser Vertrag die Neutralität des rumänischen Territoriums ausdrücklich bestimmt war, noch die letzte Konferenz der Mächte in Konstantinopel, trotz dringendsten Ersuchens von seiten Rumäniens, diese Neutralität aussprechen wollte, so sah sich R. veranlaßt, angesichts der russischen Invasion 16. April 1877 mit Rußland ein Bündnis abzuschließen, wofür Rußland auf eine Ablösung der Ansprüche russischer Klöster auf rumänische Güter einging. Die russischen Heere, welche 24. April den Pruth überschritten hatten, besetzten bald alle Hafenstädte, während die rumänischen Truppen sich in der Kleinen Walachei zusammenzogen. Gegen den Willen Rußlands proklamierten die Kammern 21. Mai die völlige Unabhängigkeit Rumäniens und verfügten die Einstellung der Tributzahlung. Die rumänischen Truppen blieben einstweilen auf dem linken Donauufer, da Rußland in hochmütiger Siegesgewißheit ihre aktive Teilnahme am Krieg als besondere Armee verschmähte. Nach den Niederlagen im August jedoch wurde ihre Hilfe in Anspruch genommen, drei rumänische Divisionen (35,000 Mann mit 108 Geschützen) vereinigten sich mit einem russischen Korps in Bulgarien unter dem Oberbefehl des Fürsten und nahmen 11. und 12. Sept. an dem nur teilweise erfolgreichen Sturm auf Plewna mit Auszeichnung teil, so daß sie den Bemühungen des Fürsten um ihre Organisation und Ausbildung ein glänzendes Zeugnis gaben. Am 19. Okt. unternahmen die Rumänen einen Sturm auf die Bukowacredoute bei Plewna, der jedoch unter empfindlichen Verlusten abgeschlagen wurde. An der endlichen Einnahme Plewnas (10. Dez.) hatten die Rumänen entschiedenen Anteil, und Osman Pascha übergab sich ihnen, wurde aber den Russen ausgeliefert. Hierauf belagerten und eroberten die Rumänen Widdin. Dennoch mußte R. bald den Undank des übermächtigen Alliierten erfahren. Zu den Verhandlungen über den Frieden von San Stefano wurde es gar nicht zugezogen. Rußland erwirkte zwar von der Pforte die Anerkennung der rumänischen Unabhängigkeit, forderte nun aber die Rückgabe des 1856 an die Moldau abgetretenen Bessarabien gegen die viel wertlosere Dobrudscha. Vergebens wendete sich R. an den Berliner Kongreß; dieser machte sogar die Aufhebung aller Beschränkungen der Juden zur Bedingung der Anerkennung der Souveränität. Die rumänischen Kammern mußten 12. Okt. 1878 die Abtretung Bessarabiens genehmigen, worauf dieses geräumt und 25. Nov. die Dobrudscha okkupiert wurde.

Da die von den Mächten geforderte Gleichstellung der Juden eine Verfassungsänderung notwendig machte, so mußten 1879 besondere Revisionskammern gewählt werden. Diese sträubten sich lange gegen die Judenemanzipation, da sie die Existenz des Bauernstandes in der Moldau, wo die in Religion, Sprache und Sitten durchaus fremden Juden besonders zahlreich sind, zu gefährden drohte. Als jedoch ein Versuch der Regierung, bei den Mächten eine Milderung zu erlangen, erfolglos blieb, so wurde im Oktober