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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Sachs (Hans)

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Sachs (Hans).

der Meistersinger in Nürnberg angeschlossen, die durch sein überlegenes Talent und seinen rastlosen Eifer einen nie erhörten Aufschwung nahm. Die seitherige harmlose und naive Richtung seiner poetischen Bestrebungen erhielt mit dem Fortschreiten der Reformation eine andre Wendung. Schon 1521 besaß S. Luthers Schriften, 1523 gab er seiner Begeisterung für den Reformator in dem Gedicht "Die wittenbergisch Nachtigall" Ausdruck; seit 1524 veröffentlichte er eine Anzahl interessanter Dialoge ("Zwischen einem Schuster und einem Thumherrn" etc.) im Interesse der reformatorischen Sache. Diese Jahre waren die kritischen im Leben des Dichters; hätten sich Rat und Regiment zu Nürnberg nicht früh genug der lutherischen Sache angeschlossen, so würde der friedliebende, aber in seinen evangelischen Überzeugungen unerschütterliche S. in die Konflikte geraten sein, denen damals Tausende zum Opfer fielen. Noch 1527, als Nürnberg schon zur neuen Lehre stand, geriet er durch ein Reim- und Bildwerk, das er mit dem Eiferer Osiander zusammen herausgab, und das eine prophetische Verkündigung des Untergangs der päpstlichen Herrschaft war, in Bedrängnis. Die Herren des Rats erteilten ihm die Weisung: er "solle seines Handwerks und Schuhmachens warten, sich auch enthalten, einige Büchlein oder Reimen hinfüro ausgehen zu lassen". Das Unwetter zog rasch vorüber; S. fuhr im wesentlichen unbehindert fort, seine poetischen Arbeiten zunächst durch Aufführungen vieler Dramen, Einzeldrucke etc. zu veröffentlichen, und erlangte wachsende Popularität. Seine poetische Fruchtbarkeit hielt mit der Freudigkeit seines Lebens, mit dem lebendigen Anteil an allen menschlichen Dingen und Zuständen, soweit sie der Dichter verstand, gleichen Schritt. Neben den Eindrücken, die ihm die Wanderjahre und das reiche Leben Nürnbergs als der ersten deutschen Stadt im 16. Jahrh. boten, wirkte auch eine ausgebreitete Lektüre auf seine Phantasie und seinen Gestaltungstrieb. Die Heilige Schrift, theologische Traktate aller Art, die römischen und griechischen Schriftsteller, soweit sie damals verdeutscht waren, italienische Novellen und deutsche Schwankbücher, Chroniken, Reisebeschreibungen etc. wurden von S. gelesen und benutzt. Der Dichter wußte überall die lebendigen Züge zu erkennen und jeden Stoff sofort in seinen Gesichtskreis zu rücken. Die Zahl seiner größern und kleinern Schöpfungen wuchs daher mit jedem Jahr; er selbst führte darüber Register. 1560 starb seine Frau; bereits nach anderthalb Jahren schloß der greise, aber noch rüstige S. eine zweite Ehe mit der jugendlichen Barbara Hascher, deren Reize er im Stil der Liebesdichter, gegen den er sonst geeifert, treuherzig pries. Die Pest des Jahrs 1562 beschränkte ihn auf sein Haus, ließ ihn geistliche Lieder dichten und regte daneben seine dramatische Produktionskraft an, da er seine gebeugten Mitbürger zu zerstreuen und zu erheitern wünschte. Die durch ein Gedicht des Görlitzer Meistersingers Puschmann entstandene Sage, daß S. im Alter geistesschwach und kindisch geworden, scheint ohne Begründung; wenigstens fuhr er bis kurz vor seinem Tod fort, zu dichten. 1567 zählte er 4275 Meisterschulgedichte, 1700 Erzählungen, Schwänke etc. und 208 dramatische Dichtungen zusammen, welche 34 große Manuskriptbände füllten. Seit 1558 hatte er begonnen, eine Ausgabe seiner Dichtungen in schön ausgestatteten Foliobänden (Augsburger Druck) zu veranstalten, von welcher 1560 der zweite, 1561 der dritte, die dramatischen Spiele enthaltende Band hervortraten, während nach seinem Tod noch zwei weitere Bände, verschiedene Neudrucke und Nachdrucke erschienen, welche die Geltung des Dichters in seiner Zeit unzweifelhaft erweisen. Als er 19. Jan. 1576 starb, zeigte sich der Rat von Nürnberg vor allen Dingen besorgt, den litterarischen Nachlaß des poetischen Schuhmachers auf etwa bedenkliche Handschriften hin prüfen zu lassen. Wenige Jahrzehnte nach S.' Tod begann das "gelehrte" Zeitalter der deutschen Dichtung, welches für die Vorzüge und Eigenart des Dichters kein Verständnis hatte, ihn verachtete, weil er ein "ungelehrter" Schuster gewesen, und ihn als den Repräsentanten elender Bänkelsängerei in Verruf brachte. Erst am Ende des 18. Jahrh., in der Sturm- und Drangperiode, begann man wieder Hans S. besser zu würdigen; man gelangte zur völligen Einsicht in seine große Bedeutung, ja gelegentlich zu einer gewissen Überschätzung des Dichters. Die naive Frische, Treuherzigkeit, lebendige Beweglichkeit und witzige Schalkhaftigkeit, die sprachgewaltige Vortragskunst des Nürnbergers können allerdings kaum zu hoch angeschlagen werden; viele seiner Schwänke und poetischen Erzählungen wirken nach drei Jahrhunderten noch mit ganz unverminderter Frische. Beruht nun ein guter Teil der Wirkung, die S. ausgeübt hat und noch ausübt, auf der Sicherheit, mit welcher er seine reichsstädtisch-bürgerliche Welt als die Welt überhaupt betrachtete, so liegt darin anderseits die Begrenzung seines reichen Talents. Daß er in seiner Menschendarstellung an die Gestalten gebunden bleibt, welche er um und neben sich erblickte, und mit Glück außer den Bürgerkreisen etwa nur die Kreise der fahrenden Leute und jene der zumeist als plump, tölpisch und diebisch dargestellten Bauern kennt, würde an sich kein Mangel sein. Aber die Vertiefung sowohl als der Aufschwung des Dichters wurden dadurch gehemmt, daß ihm die bürgerliche Ordnung, in der er lebte und gern lebte, mit der Ordnung Gottes und der Ordnung der Natur zusammenfiel, und daß er, während er redlich bemüht war, in den Kern der menschlichen Dinge einzudringen, doch vielfach nur die Außenseite derselben zu erfassen vermochte. Innerhalb seiner Welt und der Formen, welche der heiter moralisierenden Tendenz günstig sind, hat er Unübertreffliches geschaffen, und über die ganze Breite des poetischen Gebiets ist er wenigstens von keinem seiner Zeitgenossen übertroffen worden. Sind seine poetischen Erzählungen und Schwänke auf epischem, seine Fastnachtsspiele auf dramatischem Felde die Krone seiner Leistungen, so darf, was er im didaktischen Gedicht und im ernstern Drama geleistet hat, keineswegs gering angeschlagen werden. Der dramatischen Dichtung, welcher er zeitlebens mit besonderer Vorliebe zugethan blieb, erschloß er nicht nur neue Stoffgebiete, sondern belebte die Rede innerhalb der im ganzen noch epischen Handlung in wahrhaft dramatischer Weise, so daß sich aus den von ihm gegebenen Anfängen unter günstigern Umständen am Ende des 16. Jahrh. so gut eine Nationalbühne hätte entwickeln können wie in England. Auf der Grundlage seiner Erzählungs- und Auffassungsweise ruht nahezu die gesamte deutsche Schwankdichtung des 16. Jahrh. Von S.' seit dem Anfang des 17. Jahrh. nicht wieder gedruckten Werken veranstalteten Bertuch (Weim. 1778), Häßlein (Nürnb. 1781), Büsching (modernisierte Ausgabe, das. 1816-1824, 3 Bde.), Göz (das. 1830, 4 Bdchn.), Nasser (Kiel 1827), Hopf (Nürnb. 1856, 2 Bde.), Gödeke und Tittmann (2. Aufl., Leipz. 1883-85, 3 Bde.) und Arnold (Stuttg. 1884, 2 Bde.), von den Spruchgedichten insbesondere A. Engelbrecht (Naumb. 1879) eine Auswahl.