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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Sanskrit

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Sanskrit (poetische Litteratur).

lehrungen, rituellen und asketischen Vorschriften und Legenden zur Empfehlung einer besondern Gottheit und gewisser Heiligtümer. Wir kennen ihrer 18, von denen erst einige ediert sind. In den "Upapurâna" tritt der epische Charakter ganz zurück und der rituelle in den Vordergrund. Unter den Kâwya, d. h. Dichtungen, die bestimmten Dichtern (Kawi) zugeschrieben werden, nimmt den ersten Platz ein das "Râmâyana" (s. d.) des Wâlmîki. Von den spätern sind am originellsten die beiden dem Kâlidâsa (s. d.) zugeschriebenen Gedichte: "Raghuwança" und "Kumârasambhawa"; die übrigen, wie das "Bhattikâwya" (aus dem 6. oder 7. Jahrh. n. Chr.), das "Mâghakâwya", der "Nalodaya", lehnen sich im Inhalt an das "Mahâbhârata" und "Râmâyana" an und verfallen in der Form immer mehr einem armseligen Spiel mit Wort und Vers. Das Drama (Nâtaka, von Nâta, "Tänzer") scheint in Indien, wie bei andern Völkern, aus religiösen Festlichkeiten und Aufzügen mit Gesang und Tanz hervorgegangen zu sein; die Entwickelung zu der Vollkommenheit, in der es uns entgegentritt, hat man (besonders Windisch in den "Verhandlungen des fünften Orientalistenkongresses" 1881) wohl mit Unrecht dem Einfluß griechischer Dramen, wie sie an den Höfen der griechischen Könige in Baktrien, im Pandschab und in Gudscharat ausgeführt wurden, zugeschrieben. Die Gegenstände sind der Mythologie, Geschichte, dem bürgerlichen Leben entnommen; die einheimische Theorie hat zwei Hauptklassen (Rûpaka und Uparûpaka) mit zahlreichen Unterabteilungen aufgestellt. Hauptmotiv ist meistens die Liebe; ein tragischer Ausgang kommt nie vor. Die Form wechselt zwischen Prosa und Versen; Götter, Könige, Brahmanen und andre hochgestellte Persönlichkeiten reden S., Frauen und niedrigere Personen in verschiedenen Prâkritdialekten. Die Zahl der Akte ist nicht über zehn. Den Höhepunkt der indischen Dramatik bezeichnen die dem König Çûdraka zugeschriebene "Mritschhakatikâ" und die zwei Stücke des Kâlidâsa: "Sakuntala" und "Vikramorvasi", die aber sicher nicht dem 1. Jahrh. v. Chr. angehören, wie man vielfach angenommen hat, sondern mehrere Jahrhunderte nach Christo zu setzen sind. Die "Mritschhakatikâ" ("Das Thonwägelchen") ist wegen der farbenreichen Schilderung des indischen Volkslebens aus den verschiedensten Kreisen, von dessen Hintergrund sich das Liebesverhältnis des Brahmanen Tschârudatta und der Hetäre Wasantasena abhebt, das interessanteste indische Drama und reich an großen poetischen Schönheiten (hrsg. von Stenzler, Bonn 1847; neuerdings Kalk. 1876; übersetzt von Böhtlingk, Petersb. 1877, metrisch von L. Fritze, Chemn. 1879). Über die beiden andern Stücke s. Kâlidâsa. Als der dritte bedeutende Dramatiker ist zu nennen Bhawabhûti, der ins 8. Jahrh. gesetzt wird, mit den drei Stücken: "Mâlatîmâdhawa", "Mahâwîratscharita" u. "Uttararâmatscharita". Das erste dieser drei Stücke, die wegen ihrer gelehrten und überladenen Ausdrucksweise dem Verständnis große Schwierigkeiten bieten, behandelt eine frei erfundene Liebesgeschichte, die beiden andern epische Stoffe (das erste deutsch von Fritze, Leipz. 1884; das zweite englisch von Pickford, Lond. 1871; das letzte französisch von Nève, Par. 1880). Erwähnenswert ist noch das allegorisch-philosophische Schauspiel "Prabodhatschandrodaya" ("Aufgang des Mondes der Erkenntnis") von Krischnamiçra, in welchem Begriffe und Systeme als handelnde Personen auftreten (hrsg. von H. Brockhaus, Leipz. 1835 u. 1845; deutsch von Goldstücker, Königsb. 1842, von Hirzel, Zürich 1846), und das Intrigenstück "Ratnâvalî" ("Die Perlenschnur"), wahrscheinlich von einem Dichter Bana oder Vana (hrsg. von Cappeller in Böhtlingks S.-Chrestomathie; 2. Aufl., deutsch von L. Fritze, Chemn. 1878). Vgl. im allgemeinen Wilson, Select specimens of the theatre of the Hindoos (3. Aufl. 1871), danach O. L. B. Wolff, Theater der Hindu (Weim. 1828-31, 2 Bde.) u. die ausführlichen Analysen bei Klein ("Geschichte des Dramas", Bd. 3, S. 1-373). - Die indische Lyrik ist fast durchweg erotischen Inhalts und reich an Stellen von innigstem und zartestem Gefühl, anderseits freilich oft bis zum Ausdruck üppigster, ja lasciver Sinnlichkeit gesteigert. Den Namen des Kâlidâsa tragen: der "Meghadûta" ("Wolkenbote"), eine Botschaft, die ein Verbannter seinem fernen Liebchen durch eine Wolke zuschickt, und die Beschreibung des Wegs, den die Wolke zu nehmen hat; das "Ghatakarpara" ("Der zerbrochene Krug", hrsg. und übersetzt von Dursch, Berl. 1828, von Brockhaus, Leipz. 1841, von Häberlein in Kâwya-Sangraha, Kalk. 1847) und der lyrische Cyklus "Ritusanhâra" ("Versammlung der Jahreszeiten", hrsg. und übersetzt von Bohlen, Leipz. 1840). Nur einzelne Situationen ohne innern Zusammenhang schildern die Epigramme des Bhartrihari (s. d.) und des Amaru (hrsg. von Chézy, Par. 1831; im Auszug übersetzt von Rückert im "Musenalmanach für 1831"). Die ausschweifendste Üppigkeit der Phantasie zeigt der "Gîtagowinda" des Dschayadewa (hrsg. von Lassen, Bonn 1836; übersetzt von Rückert in den "Abhandlungen für Kunde des Morgenlands", Bd. 1, S. 129 ff.), dem Hohenlied nicht unvergleichbar und wie dieses zu einer mystisch-theologischen Allegorie umgedeutet, das Liebesidyll des Gottes Krischna mit der Hirtin Râdhâ behandelnd. Eine umfassende Sammlung der indischen Spruchpoesie gibt Böhtlingk in den "Indischen Sprüchen" (2. Aufl., Petersb. 1870-1873, mit 7613 Strophen). Hohe Bedeutung hat in der indischen Litteratur die Tierfabel wegen ihres engen Zusammenhangs mit dem Abendland; freilich ist die Frage noch nicht endgültig entschieden, ob die indische Fabel aus der griechischen oder diese aus jener abzuleiten ist (vgl. A. Weber, Indische Studien, Bd. 3; O. Keller, Untersuchungen über die Geschichte der griechischen Fabel, Leipz. 1862). Das älteste vorhandene Fabelwerk ist das "Pantschatantra" (s. d.), schon im 6. Jahrh. ins Pehlewi, später in alle westlichen Litteraturen übersetzt; sehr bekannt und als Schulbuch noch heute in Indien viel verbreitet der "Hitopadeça" ("Freundliche Unterweisung", hrsg. von Schlegel u. Lassen, Bonn 1829-31; übersetzt von M. Müller, Leipz. 1844; von Schönberg, Wien 1884). Charakteristisch für die indischen Fabelsammlungen ist die Form, indem ein Hauptereignis den Rahmen der verschiedenen Erzählungen bildet. Diese Form teilen die indischen Märchen und Romane, die Quelle der meisten arabischen, persischen und abendländischen Erzählungen, am umfassendsten gesammelt in Somadewas "Kathâsaritsâgara" ("Ozean der Ströme der Erzählungen", hrsg. von H. Brockhaus, Leipz. 1839-66, 3 Bde.; Buch 1-5, übersetzt von Brockhaus, das. 1843, 2 Bde.). Außerdem sind in Indien noch drei Sammlungen unter den Titeln: "Wetâlapantschavinçati" (hrsg. von Uhle, Leipz. 1881), "Sinhàsanadwâtrinçati" und "Çukasaptati" sehr verbreitet.

In der wissenschaftlichen Litteratur der Inder nimmt den bedeutendsten Platz die Grammatik ein. Sie ist herangewachsen zunächst an dem Studium der wedischen Texte, und die Prâtiçâkhja zu den verschiedenen Wedas sowie Jâskas "Nirukti" sind wert-^[folgende Seite]