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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Siam

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Siam (Land und Volk).

Siam, großes Reich auf der Halbinsel Hinterindien, zwischen 4-22° nördl. Br. und 97½-106° östl. L. v. Gr., begreift außer dem eigentlichen S. einen Teil der Laoländer und auf der Halbinsel Malakka einige Schutzstaaten (s. Karte "Hinterindien"), grenzt im N. an China, im W. an Birma und britische Besitzungen, im O. an Anam und französische Besitzungen, im Süden ans Meer und hat einen Flächenraum von 726,850 qkm (13,200 QM.) mit 5,750,000 Einw., welche nach Garnier und Bastian sich verteilen wie folgt:

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QKilom. Bewohner

Eigentliches Siam und Laoland 539600 4650000

Siemrab und Battambong 60600 500000

Tributäre Malaienstaaten 126650 600000

Die bedeutendsten der letztern sind: Tringanu, Kalantan, Patani und Quedah; die tributären Laostaaten sind Xiengmai, Laphun, Lakhon, Phoe, Nan, Luang-Prabang und Muang-Lom. Das Land wird von den Flüssen Menam, Mekhong, im westlichsten Teil vom Salwen durchzogen, zwischen welchen Parallelketten sich hinziehen; am Meer eine aus abgelagertem Flußschlamm bestehende Niederung, wird es nach N. äußerst gebirgig. Dort findet man Kupfer, Zinn, Antimon, Magneteisen, in den Flüssen Waschgold, Edelsteine an mehreren Orten. Aus dem Seewasser gewinnt man durch Verdunstung Salz zum Verbrauch und zur Ausfuhr. Das Klima ist tropisch, doch sind die Fieber weniger gefährlich als in Bengalen und Java. Während des trocknen Nordostmonsuns (Dezember bis März) sinkt das Thermometer bis auf 12° C. und steigt während des nassen Südwestmonsuns (Mai bis Oktober) auf 35° C. Die Pflanzenwelt ist von demselben Reichtum wie in Indochina überhaupt; ausgedehnte Teakwaldungen liefern vortreffliches Schiffbauholz, Reis gedeiht in dem großen Überschwemmungsgebiet des Menam in vorzüglicher Güte. Von wilden Tieren gibt es Königstiger, Nashörner, Bären, Affen, Hirsche, Krokodile, Schlangen, die dem Häuserbau so verderblichen Termiten u. a. Allen Tieren voran steht aber der Elefant, sehr zahlreich im Laoland und im Becken des Menam; eine weißliche Spielart ist Gegenstand der Verehrung. Als eifrige Buddhisten töten die Siamesen kein Tier. Das Meer, Flüsse und Seen (der Tonle Sap reicht im Süden von Birma herein) wimmeln von Fischen. Die Bevölkerung besteht aus 2 Mill. Siamesen, 1½ Mill. Chinesen, 1 Mill. Lao, ½ Mill. Malaien, 300,000 Kambodschanern, wozu noch Bergvölker (Karen, Schan etc.) und eine große Anzahl Eingewanderter kommen. Die Siamesen bilden mit andern hinterindischen Völkern die Nation der Thai, die aus Innerasien, etwa aus der Ecke, wo der Brahmaputra seine Biegung nach W. macht, nach S. wanderte, somit einen Stamm der großen mongolischen Völkerrasse bildet; ihre nächsten Verwandten sind die Lao (s. Tafel "Asiatische Völker", Fig. 16). Die fortgesetzte Beimischung indischen, malaiischen und chinesischen Bluts prägt sich auch dem Äußern auf. Die Siamesen sind von hellbrauner Hautfarbe, klein, kurz im Knochenbau, mit starkem Kopf, muskelarm infolge des ausschließlichen Genusses von Reis, Obst und Fischen, träge infolge des heißen Klimas, ungebildet und stumpfsinnig durch jahrhundertelange Knechtung unter einer despotischen Regierung. Die Arbeiterbevölkerung wird vornehmlich durch Chinesen, nächstdem durch Malaien gestellt. Die Sprache der Siamesen ist wie die chinesische und birmanische eine einsilbige Wurzelsprache, die grammatische Beziehungen in der Regel nur durch die Wortstellung oder durch beigefügte Hilfswurzeln allgemeiner Bedeutung ausdrückt. Während aber die Birmanen meistens die sinnbegrenzenden Wurzeln der Hauptwurzel voranschicken, lassen die Siamesen sie als Suffixe nachfolgen. Ein weiteres Mittel der Bedeutungsvariation besitzen sie in sehr mannigfach abgestuften gesangartigen Accenten. Grammatiken lieferten Pallegoix (Bangkok 1850) und Ewald (Leipz. 1881), ein Wörterbuch Pallegoix (Par. 1854). Vgl. Steinthal, Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues (Berl. 1860); Bastian, Über die siamesischen Laut- und Tonaccente (Monatsbericht der Berliner Akademie 1867). Die Schrift der Siamesen ist dem altindischen Alphabet nachgebildet und der birmanischen ähnlich, aber einfacher als letztere. Die Kleidung der Siamesen besteht aus Baumwollgewändern; die Füße bleiben nackt, außer bei Wohlhabenden, welche Sandalen tragen. Vornehme tragen einen Sonnenschirm, die übrigen einen breiten Hut aus Palmblättern. Die Reichen der Hauptstadt nehmen allmählich europäische Kleidung und Sitten an. Die Häuser stehen im Überschwemmungsgebiet durchgehends auf Pfählen und sind aus Holz, Bambus etc. leicht gezimmert. Vielweiberei ist unter den Wohlhabenden allgemein. In den gesellschaftlichen Verhältnissen herrscht größte Ungleichheit. Ein Dritteil des Volkes fristet sein Leben in drückendster Leibeigenschaft; unter den Freien genießen Adlige und hohe Würdenträger fast königliche Ehre u. Unbeschränktheit; ein arbeitscheues Heer von Beamten saugt das Volk aus und belegt die übrigen Freien mit unerschwinglichen Steuern und Staatsfronen. Die Religion ist der Buddhismus, der aus Vorderindien eingeführt wurde; nirgends hat er sich von fremden Elementen freier erhalten, nirgends beeinflußt er den Hof und die höhern Stände, die sämtlich einige Zeit im Kloster zubrachten, sowie das Volk in so hohem Grad wie in S. Die zahlreichen Priester erteilen einen dürftigen Elementarunterricht. Das Reich hatte früher zwei Könige, von welchen der zweite jedoch ohne jegliche Macht war. Nachdem dieser 1885 gestorben, herrscht nur ein König. Derselbe übt die gesetzgebende Gewalt seit 8. Mai 1874 in Gemeinschaft mit dem Großen Staatsrat und dem Ministerrat aus. Der Staatsrat besteht aus dem König, den 7 Ministern, 10-20 vom König ernannten Räten und 6 Prinzen des königlichen Hauses. Das Königtum ist in beschränkter Weise erblich, indem fast stets der älteste Sohn des Königs zum Nachfolger gewählt wird, die Wahl aber durch den Ministerrat in Gemeinschaft mit den alten Prinzen der vier höchsten Rangklassen notwendig ist. Das Reich wird in 41 Provinzen geteilt, die tributpflichtigen Staaten (s. oben) werden aber von ihren eignen Fürsten regiert. Die Einkünfte des Königs (höchstens 23 Mill. Mk., da der größte Teil unterschlagen wird fließen aus Naturalabgaben, Kopfsteuer (der Chinesen etc.), Monopolen (Opium, Spielhäuser) und Zöllen. Der König verfügt über ein Heer von 12,000 von europäischen Offizieren eingeübten Soldaten. Außerdem besteht ein Gardekorps von 400 Mann zu Fuß und 300 Reitern. Doch sind alle männlichen Einwohner vom 21. Jahr an zum Kriegsdienst verpflichtet. Die Flotte besteht aus 2 Schraubendampfern mit 18 Kanonen und 6 Kanonenbooten mit 23 Kanonen. Der König von S. verleiht sechs verschiedene Orden (s. Textbeilage zur Tafel "Orden"). Der Handel befindet sich fast ausschließlich in den Händen von Chinesen; derselbe konzentriert sich in Bangkok und richtet sich fast ausschließlich nach Hongkong und Singapur. Die Einfuhr (1886: 5,5 Mill. Dollar) besteht in Webwaren, Spirituosen, Schmuck- und Edelsteinen, Pa-^[folgende Seite]