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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Stenographie

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Stenographie (Wesen und Zweck).

gemacht hat; im engern einer, dessen Beruf das geschwindschriftliche Aufnehmen von Reden u. dgl. ist.

Stenographie (griech., "Engschrift", auch Tachygraphie, "Schnellschrift", engl. Shorthand, "Kurzhand", deutsch am treffendsten Kurzschrift genannt), eine Schriftart, welche vermittelst eines einfachen, von den gewöhnlichen Buchstaben abweichenden Alphabets, ferner durch eigne Grundsätze über deren Zusammenfügung und meist auch durch Aufstellung besonderer Kürzungen zu ihrer Ausführung nur ein Viertel der sonst nötigen Zeit erfordert und dazu bestimmt ist, bei schreiblicher Thätigkeit als zeitersparendes Erleichterungsmittel verwandt zu werden. Da die S. nicht beabsichtigt, die gewöhnliche Schrift zu verdrängen, sondern nur neben derselben hergehen will, so nimmt sie in der Lautbezeichnung hauptsächlich die gangbare Schrift zum Vorbild; doch werden auch aus orthographischen Vereinfachungen Kürzungsvorteile gern benutzt. Phonetische Stenographien (s. Phonographie), wie sie in England (s. Pitman) und Frankreich (s. Duployé) vorhanden sind, lassen sich in Deutschland bei dem Mangel einer Behörde zur Entscheidung über die Richtigkeit der provinziell verschiedenen Aussprache gewisser Laute vorläufig nicht durchführen. Hinsichtlich der Zeichenauswahl für das Alphabet unterscheidet man zwei Arten von Systemen der S.: geometrische, d. h. solche, welche nur die einfachsten geometrischen Elemente (Punkt, gerade Linie, Kreis und Kreisteile) verwenden, und graphische, d. h. solche, die ihre Zeichen aus Teilen der gewöhnlichen Buchstaben bilden und dadurch im Gegensatz zu den erstern geläufige, der Richtung der schreibenden Hand entsprechende Züge erzielen. Geometrische wie graphische Systeme vervielfältigen die geringe Menge der verfügbaren Urzeichen durch allerhand Auskunftsmittel, wie Höhenwert, Neigungswert, Stellenwert, Schattierungswert etc., die zur Erreichung der verschiedensten Zwecke benutzt werden. An einer Klassifikation der Systeme nach diesen Gesichtspunkten mangelt es noch vollständig. Zu der graphischen Art gehören außer der altrömischen Tachygraphie fast nur die modernen deutschen Systeme und deren Übertragungen, während die übrigen meist auf geometrischer Grundlage beruhen. In den Regeln über die Zeichenzusammenfügung herrscht außerordentliche Mannigfaltigkeit. Das Gleiche gilt von den Kürzungsregeln, doch ist fast allen Systemen gemeinsam die Anwendung von Siglen (s. d.). Schreibkürzungsmethoden, welche sich der gewöhnlichen Buchstaben, allenfalls mit einigen Signaturen, bedienen, fallen, auch wenn sie die angegebene Kürze erreichen sollten, nicht unter den Begriff der S., ebensowenig Systeme, welche zwar eigne Zeichen verwenden, aber hinter dem Maß von ein Viertel der sonstigen Schreibzeit erheblich zurückbleiben. Die Veranlagung, schnelle Reden wörtlich nachzuschreiben, gehört nicht zu den Bedingnissen einer S., obgleich die meisten Systeme dazu befähigen oder wenigstens sich dessen rühmen. Oft aber ist es dieses Bedürfnis, Reden nachzuschreiben, gewesen, welches den Anstoß zur Aufstellung einer Kurzschrift gegeben hat. Daher sehen die ersten Systeme mehr auf Kürze als auf genügende Bürgschaft für richtiges Wiederlesen des Geschriebenen. Sobald die S. die engen Grenzen der Redezeichenschrift verläßt, um ihre umfassendere und höhere Bestimmung zu erfüllen, muß das Streben nach Kürze durch die Rücksicht auf Deutlichkeit, Zuverlässigkeit, Lesbarkeit und Formenschönheit eingeschränkt werden; auch darf die Zeit und Mühe, welche zur Erlernung eines solchen mechanischen Erleichterungsmittels aufgewandt wird, nicht zu groß sein oder gar den Charakter eines förmlichen Studiums annehmen. Je mehr ein System bei theoretischer Konsequenz und ästhetischem Äußern Zuverlässigkeit mit Kürze vereinigt, ohne an leichter Erlernbarkeit zu verlieren, desto höher steht es an Brauchbarkeit und Güte. Denn die S. ist für alle bestimmt, welche viel zu schreiben oder Geschriebenes zu lesen haben, nicht bloß für Gelehrte, Schriftsteller, höhere Beamte, Kaufleute, Studenten, Gymnasiasten etc., sondern auch für Subalternbeamte, Sekretäre, Kanzlisten, Schreiber, Schriftsetzer etc., bei deren gegenseitigem Zusammenwirken (ein einheitliches Stenographiesystem vorausgesetzt) sie erst ihren vollen Wert zeigen kann. Als rein mechanisches Hilfsmittel für so verschiedene zum Teil wenig gebildete Kreise besitzt die S. keinerlei Anrecht auf die Bezeichnungen "Wissenschaft" oder "Kunst"; höchstens im uneigentlichen Sinn, wie man von Buchdrucker- oder Schreibkunst spricht, könnte die S. eine Kunst heißen. Aus der Verwertung sprachlich-etymologischer und lautlich-physiologischer Forschungsergebnisse vermag die Kurzschrift wohl Vorteile zu ziehen, aber nur Schwärmer reden von hoher Wissenschaftlichkeit und zahlreichen bildenden Elementen der S. Die Kurzschrift hat ihren wissenschaftlichen Gehalt in der Konsequenz, in rationeller Ökonomie und einem systematischen Aufbau zu suchen; ihre wissenschaftliche Bedeutung liegt in den Diensten, die sie der Wissenschaft leistet. Eine kritisch-forschende Beschäftigung mit Geschichte, Wesen und Wert der S. ist dagegen sehr wohl als wissenschaftliche Thätigkeit zu denken. Zur Ausübung der redennachschreibenden Praxis bedarf es neben stenographischer Virtuosität insbesondere scharfer Sinne, schneller Auffassung und fester Nerven. Wissenschaftliche Bildung ist dafür nicht durchaus erforderlich, indessen gewährt dieselbe größere Bürgschaft für zuverlässige und von Verständnis getragene Leistungen; darum verlangt gewöhnlich der Staat von seinen amtlichen Stenographen außer der technischen Fertigkeit bestimmte Bildungsnachweise. In den größern deutschen Staaten und in Österreich werden z. B. fast nur akademisch gebildete Männer als Kammerstenographen zugelassen. Gegenwärtig dient die S. ihrem umfassendern, höhern Zweck umfänglich in Großbritannien, einem Teil des englisch sprechenden Nordamerika, in Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Österreich-Ungarn und langsam beginnend auch in Italien; in den übrigen europäischen und einigen überseeischen Ländern erfährt sie fast nur in dem beschränkten Sinn Anwendung zum Nachschreiben von Reden. Die Pflege der Kurzschrift ruht zumeist in den Händen der stenographischen Vereine, die zuerst in England aufgekommen sind. Ebenda entstand 1842 die stenographische Presse, welche jetzt über fast 150 Fachzeitschriften verfügt. Versuche zur Aufstellung einer stenographischen Tonschrift an Stelle des gewöhnlichen Notensystems sind von einigen Franzosen, Deutschen und Engländern gemacht worden, haben aber eine praktische Verwertung ebensowenig gefunden wie die Entwürfe zu "Blindenstenographien". Vgl. Steinbrink, Über den Begriff der Wissenschaftlichkeit auf dem Gebiet der S. (Berl. 1879); Hasemann, Prüfung der wichtigsten Kurzschriften (Trarbach 1883); Morgenstern, Wissenschaftliche Grundsätze zur Beurteilung stenographischer Systeme (im "Magazin für S." 1884); Brauns, Welche Anforderungen sind an eine Schulkurzschrift zu stellen? (Hamb. 1888); Hüeblin, Stimmen über die Bedeutung der S. (Wetzikon 1888).