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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Vivien de Saint-Martin; Viviers; Vivifikation; Viviparīe; Vivipărus; Vivisektion

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Vivien de Saint-Martin - Vivisektion.

V. an der Luft schnell blau. Härte 2, spez. Gew. 2,6-2,7. Der farblose V. ist ein Eisenphosphat von der Formel Fe3P2O8+8H2O ^[Fe_{3}P_{2}O_{8}+8H_{2}O], wandelt sich aber an der Luft in (Fe2)3P4O19+16H2O ^[(Fe_{2})_{3}P_{4}O_{19}+16H_{2}O] um. Das Mineral findet sich kristallisiert auf den Magnetkieslagerstätten von Bodenmais und auf Brauneisenstein bei Amberg, in tertiären Schichten von Kertsch, auf Zinnlagerstätten in Cornwallis u. a. O., ist sehr verbreitet, wenn auch nicht in größern Massen, in Thon und Torf, zuweilen das Innere von Muscheln (Kertsch), von fossilen Knochen und Baumstämmen ausfüllend. Man benutzt Blaueisenerde als blaue Farbe.

Vivien de Saint-Martin (spr. wiwĭäng d'ssäng-martäng), Louis, der berühmteste und ausgezeichnetste lebende Geograph Frankreichs, geb. 22. Mai 1802 zu Caen in der Normandie, kam mit zwölf Jahren nach Paris, woselbst er sich, abgesehen von einem Aufenthalt in Versailles von 1865 bis 1877, auch stets aufhält. Seine erste Arbeit war ein Elementaratlas. Er gehörte 1822 mit zu den Stiftern der Geographischen Gesellschaft von Paris, konstruierte 1826 das erste in Paris aufgestellte Georama und widmete sich, nach verschiedenen andern litterarischen Versuchen, seit 1840 ganz der geographischen Wissenschaft. Er übernahm 1842 die Redaktion der seit 1809 von Maltebrun u. Klaproth redigierten »Annales de voyages«, denen er 14 Jahre lang vorstand, veröffentlichte die beiden ersten Bände einer »Histoire universelle des découvertes géographiques« (1845-47), deren Fortsetzung durch die Ereignisse von 1848 unterbrochen wurde (neue Ausg. u. d. T.: »Description historique et géographique de l'Asie Mineure«, 1852), ferner: »Études de géographie ancienne et d'ethnographie asiatique« (1850-54, 2 Bde., Kleinasien behandelnd), gründete 1852 das Wochenblatt »Athenaeum français« und gab 1863-75 »L'Année géographique«, eine jährlich erscheinende Revue der Reisen, geographischen Publikationen und Forschungen (1875-78 von Maunoir und Duveyrier fortgesetzt), heraus, die allen ähnlichen Publikationen als Vorbild diente. Seine Hauptarbeiten aber bestehen in den gründlichen Untersuchungen über die geographischen Verhältnisse des alten Indien und Afrikas zur Zeit der Römer. Dieselben sind niedergelegt in den Werken: »Étude sur la géographie et les populations primitives du Nord-Ouest de l'Inde d'après les hymnes védiques« (Par. 1860); »Étude sur la géographie grecque et latine de l'Inde« (1858-60, 3 Tle.); »Le Nord de l'Afrique dans l'antiquité grecque et romaine« (1863). Außerdem veröffentlichte V. eine vortreffliche »Histoire de la géographie et des découvertes géographiques« (1873, mit Atlas). Im Erscheinen begriffen sind das »Nouveau dictionnaire de géographie universelle« (1877 ff.) und der »Atlas universel« (1877 ff.). Seit längerer Zeit bereits arbeitet der unermüdliche Gelehrte an einem »Dictionnaire de géographie historique«.

Viviers (spr. wiwjeh), Stadt im franz. Departement Ardèche, Arrondissement Privas, am Rhône, welcher hier den Escoutay aufnimmt, und an der Eisenbahn Le Teil-Nîmes, hat eine Brücke über den Rhône, eine Kathedrale, ein Seminar, Fabrikation von hydraulischem Kalk, Seidenzucht und (1881) 1751 Einw. V., ehemalige Hauptstadt des Vivarais, ist gegen früher sehr herabgekommen. Es ist Bischofsitz.

Vivifikation (lat.), Belebung.

Viviparīe der Blüten, s. Durchwachsung.

Vivipărus (lat.), lebendig gebärend; Viviparen, Tiere, welche lebendige Junge gebären.

Vivisektion (lat.), ein Experiment am lebendigen Tier (Frosch, Kaninchen, Hund, Katze), welches mit einer Verwundung desselben verbunden ist und vom Physiologen zur Erforschung von Lebenserscheinungen vorgenommen wird. Die höchst verwickelten Vorgänge im Organismus können durch bloße Beobachtung nicht verstanden werden, und die Physiologie ist daher zur Erklärung der das Leben bedingenden Prozesse im gesunden und kranken Organismus auf das Experiment angewiesen. Die Bezeichnung des letztern als V. ist eine wenig glückliche, insofern sie in ferner stehenden Kreisen den Schein erweckt, als gleiche die hier übliche Technik der bei der Sektion der Leiche gebräuchlichen. In der That übt der Physiolog bei seinen sehr subtilen Untersuchungen die größte Schonung, er operiert an normalen Organen, deren Bau er genau kennt, und vermeidet sorgfältig die Verletzung sensibler Nerven, die ja allein Schmerz erzeugt. Außerdem werden, wenn irgend möglich, Chloroform, Chloralhydrat und Äther angewandt, und nach Beendigung des Experiments wird das Tier sanft und schnell getötet. Galenos hat bereits durch eine V. am Schweine nachgewiesen, daß der Nervus recurrens mit der Stimmbildung in innigstem Zusammenhang steht, in der neuesten Zeit hat die V. ungemein an Bedeutung gewonnen, aber auch heute ist sie nicht Unterrichtsgegenstand für Studenten. Sie wird nur zu wissenschaftlichen Zwecken vorgenommen, und kein Physiolog läßt durch seine Schüler sichergestellte Beobachtungen wiederholen, sondern strebt stets dahin, daß bei Erlernung der schwierigen Technik die Wissenschaft gefördert wird. Alle Vivisektionen geschehen in Deutschland unter der Verantwortung der vom Staat autorisierten Vorstände der wissenschaftlichen Institute, und somit ist jede mögliche Bürgschaft gegen Mißbrauch der V. gegeben. Es gibt keinen Teil der Physiologie und der Heilkunde, der aus der V. nicht schon Nutzen gezogen hätte. Die Lehre vom Blutkreislauf und der Verdauung, vom Stoffwechsel und den Gehirnfunktionen sind wesentlich durch V. gefördert worden, die Unterbindung der Blutgefäße, die Transfusion des Bluts, die Deutung der Herztöne, die Benutzung der Magenfistel zur Ernährung, die Ausschneidung einer Niere, die subperiosteale Resektion, die Elektrotherapie, die antiseptische Wundbehandlung etc. verdankt die Heilkunde der V., ohne welche diese Fortschritte unmöglich gewesen wären. Gegen die V. hat sich in England seitens eines zu diesem Zweck gegründeten internationalen Vereins eine Agitation erhoben, welche die Unterdrückung der V. verlangt. Da die medizinischen Institute ausnahmslos Privatinstitute sind, so ordnete der Staat eine Untersuchung an, und obwohl diese nichts Belastendes ergab, kam doch 1874 ein Gesetz zu stande, welches die V. unter die Aufsicht des Ministeriums stellte. Dies Gesetz hat zur Beruhigung einer auf Unwissenheit und falscher Sentimentalität beruhenden Agitation nichts beigetragen, dieselbe wurde vielmehr auch nach Deutschland verpflanzt (Iatros, Die V., ihr wissenschaftlicher Wert etc., Leipz. 1877; v. Weber, Die Folterkammern der Wissenschaft, das. 1879), fand hier aber gegenüber einer 1879 von 18 medizinischen Fakultäten abgegebenen Erklärung und der Haltung der Regierung nur in sehr engen Kreisen Beachtung. Vgl. Hermann, Die Vivisektionsfrage (Leipz. 1877); Ludwig, Die wissenschaftliche Thätigkeit in den physiologischen Instituten (das. 1879); Heidenhain, Die V. im Dienste der Heilkunde (das. 1879: Gutachten, 1885); Goltz, Wider die Humanaster (Straßb. 1883).