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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Westfalen

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Westfalen (Provinz).

ging ein Teil der westfälischen Reiterei an der böhmischen Grenze zu den Österreichern über. Indessen nahte sich schnell das Ende der Dinge für das Königreich. Schon 25. Sept. wurde Braunschweig von dem Darwinschen Freikorps überfallen, indessen Tschernyschew 28. Sept. vor Kassel erschien, welches der General Alix verteidigen sollte, während sich der König schnell flüchtete. Inzwischen kapitulierte Alix 30. Sept., überließ den Kosaken die Stadt und zog mit der schwachen Besatzung ab. Tschernyschew erklärte nun 1. Okt. das Königreich für aufgelöst, zog am 3. wieder von Kassel ab und an die Elbe zurück, worauf Alix die Hauptstadt mit einigen Truppen wieder besetzte. Am 16. Okt. kam auch der König nach Kassel zurück, aber nur, um 26. Okt. Residenz und Land auf immer zu verlassen. Das Königreich fiel auseinander, ohne daß irgend eine diplomatische Verhandlung stattgefunden hatte. Vgl. »Le royaume de Westphalie: Jérôme Buonaparte, sa cour, ses favoris et ses ministres. Par un témoin oculaire« (Par. 1820); Hassel u. Murhard, W. unter Hieronymus Napoleon (Braunschw. 1812, 2 Bde.); Göcke, Das Königreich W. (vollendet von Ilgen, Düsseld. 1887).

Westfalen (hierzu Karte »Westfalen«), Provinz des preuß. Staats, 1815 gebildet aus dem Herzogtum W. und Engern, dem Fürstentum Minden, der Grafschaft Tecklenburg Solmsschen Anteils, den Grafschaften Lingen und Ravensberg, dem größten Teil des Hochstifts Münster, den Fürstentümern Paderborn und Korvei und der Stadt Dortmund, der Grafschaft Mark, dem Fürstentum Siegen, dem Amt Reckenberg, den mediatisierten Fürstentümern, Graf- und Herrschaften Salm-Ahaus, Salm-Bocholt, Rheina-Wolbeck, Salm-Horstmar, Rietberg, Rheda, Anholt, Dülmen, Gehmen, Bentheim, Steinfurt, Wittgenstein-Wittgenstein, Wittgenstein-Berleburg, dem Solmsschen Amt Neukirchen, wozu 1851 noch die Stadt Lippstadt kam, welche Lippe-Detmold gemeinschaftlich mit Preußen besaß, grenzt gegen N. an Hannover, gegen O. an Hannover, Schaumburg-Lippe, den hessen-nassauischen Kreis Rinteln, Lippe, Braunschweig, Hessen-Nassau und Waldeck, gegen SW. an die Rheinprovinz, gegen NW. an die Niederlande und umfaßt einen Flächenraum von 20,203,81 qkm (366,02 QM.).

[Bodenbeschaffenheit. Klima.] Der südliche Teil der Provinz wird von Teilen des niederrheinisch-westfälischen Schiefergebirges ausgefüllt. Da sind ganz in der Südspitze Teile des Westerwaldes, bis etwa zu den Quellen der Sieg und Lahn sich hinziehend. Sodann folgt das weite Bergland des Sauerlandes, das von der Eder, Lenne und Ruhr und deren zahlreichen Zuflüssen gegliedert wird. Hierher gehört vor allem das Rothaargebirge zwischen Eder und Lenne, welches gegen NO. an Höhe gewinnt und im Jagdberg an der Quelle der Lahn 674, im Kahlen Astenberg aber, an der Nordgrenze, 830 m Höhe erreicht. Von diesem Punkt laufen Bergzüge nach mehreren Richtungen aus, so gegen S. zwischen Odeborn und Nuhne (Ziegenhelle 826 m), gegen NW. zwischen den Zuflüssen der Lenne und Ruhr (Hunau 823 m), gegen NO. in der Scheide des Rhein- und Wesergebiets (Schloßberg bei Küstelberg 788 m). Auch auf der Grenze gegen Waldeck gibt es noch bedeutende Höhen (Langenberg 828 m); weiter nördlich bilden die Bruchhäuser Steine (748 m) auf der Scheide des Rhein- und Wesergebiets ansehnliche Erhebungen. Zwischen Ruhr und Lenne treten dann noch hervor: das Homertgebirge (660 m) und der Balver Wald (548 m), auf der linken Seite der Lenne das Ebbegebirge (Nordhelle 663 m), zwischen Ruhr und Möhne der Arnsberger Wald, endlich auf der nördlichen Seite der Möhne und Ruhr die Haar (Haarstrang), welche westwärts in den Ardey und das Steinkohlengebirge an der Ruhr übergeht. Im östlichen Teil der Provinz, im Regierungsbezirk Minden, befinden sich die äußersten nördlichen Ausläufer des oberrheinischen Gebirgssystems, das Plateau von Paderborn mit der Egge, die in dem Völmerstod (464 m) auf der Grenze gegen Lippe mit den nordwestlichen Gliedern des hercynischen Gebirgssystems zusammenstoßen. Diese letztern erstrecken sich in zwei Reihen nach NW.; die südliche (Teutoburger Wald) endet im Regierungsbezirk Münster bei Bevergern, die nördliche (Wesergebirge) wird in der Westfälischen Pforte von der Weser durchbrochen und läuft alsdann unter dem Namen Wiehengebirge durch den nordöstlichen Teil des Regierungsbezirks Minden, um sich in Hannover zu verflachen. Zwischen beiden Bergreihen breitet sich ein Hügelland aus, das nordwestlich mit dem Steinkohlengebirge von Ibbenbüren seinen Abschluß findet. Das Norddeutsche Tiefland greift auch nach W. hinüber: einmal an der Weser bei Minden, wo innerhalb desselben die Stemmer Berge (198 m) auf der Grenze gegen Hannover hervortreten, das andre Mal mit der Münsterschen Bucht zwischen dem Teutoburger Wald und dem Schiefergebirge (Haar, Ardey) bis zu den Quellen der Ems und Lippe hinauf. In derselben ist die Senne, ein teils sandiger und wasserarmer, teils versumpfter Boden, sehr verbreitet und zwar im O. zwischen Lippstadt, Warendorf und dem Teutoburger Wald und im Westen zwischen Koesfeld, Haltern und Borken. Dem östlichen Gebiet der Senne gehört die Boker Heide an, eine ehemals traurige Landschaft, die seit 1853 durch Wasserbauten in gutes Wiesland verwandelt worden ist. Unter den Hügelmassen in der Münsterschen Bucht sind die Schöppinger Berge (158 m) und die Hügelgruppe von Beckum (190 m) zu nennen. Das eigentliche Münsterland ist im allgemeinen wenig fruchtbar und führt den Namen »Kleie«; dagegen ist der südliche Teil des Tieflandes in dem Hellweg, von dem die Soester Börde ein Teil ist, sehr ergiebig. Die Provinz gehört fast ganz den Stromgebieten der Weser, der Ems und des Rheins an. Die Weser berührt W. im O. und empfängt aus der Provinz die Diemel, Nethe, Emmer und Werre. Die Ems durchzieht die Tieflandsbucht von Münster und nimmt hier die Glane, Aa und Werse auf. Von den Nebenflüssen des Rheins sind die Lippe und Ruhr für W. von hervorragender Wichtigkeit. Jene gehört mit ihren Nebenflüssen (Alme, Aase, Seseke, Haustenbach und Stever) größtenteils dem Tiefland, diese dagegen mit ihren Zuflüssen (Möhne, Röhr, Hönne und Lenne nebst Vollme) dem Bergland und zwar fast ausschließlich dem Schiefergebirge an. Noch fließen zum Rhein aus W. die Lahn, Sieg und Emscher, zur Neuen Yssel die Alte Yssel und die Berkel, zum Zuidersee die Vechte mit der Dinkel und zur Fulda (Weser) die Eder. Kanäle und Seen sind nicht vorhanden, nur der Bau eines Kanals von der Lippe bei Dortmund nach der Ems steht in Aussicht. Dagegen gibt es verschiedene große Moore und Brücher, z. B. an der Vechte, Berkel, Lippe, Bastau (unweit Minden) etc. Das Klima ist im allgemeinen gemäßigt; rauh sind nur die Gebirgsgegenden des Sauerlandes und des Westerwaldes (Münster 9,32, Gütersloh 8,96, Paderborn 8,92, Olsberg 8,5° C.). Die jährliche Regenmenge beträgt im Tiefland etwa 60-70, auf dem südlichen Bergland 100 und mehr Zentimeter.