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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Zigeunerkorn; Zihl; Zilah; Zilhidsche; Zilkide

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Zigeunerkorn - Zilkide.

Europas aus einem Land stammen, wo Griechisch die herrschende Sprache war; auch slawische und rumänische Elemente zeigen sich in allen Zigeuneridiomen. Mit Hilfe dieser Elemente kann beispielsweise nachgewiesen werden, daß die spanischen Z. ehedem unter Griechen, Slawen (etwa Bulgaren) und Rumänen längere Zeit gelebt haben, während wir in der Mundart der englischen Z. überdies deutsche und französische Wörter finden. Das Fehlen arabischer Elemente in den Zigeunermundarten Europas macht die Annahme, daß die europäischen Z. aus Ägypten eingewandert seien, ganz unwahrscheinlich. In Byzanz finden wir die Z., wie erwähnt, zu Anfang des 9. Jahrh.; auf Kreta sind sie 1322 nachgewiesen, vor 1346 auf Korfu, um 1370 in der Walachei, 1398 in Nauplia, ohne daß bekannt wäre, wann sie an jedem der genannten Orte zum erstenmal erschienen. Als das Datum ihres ersten Auftretens in Ungarn wird 1417 angegeben, während böhmische Annalen schon 1416 von Zigeunern erzählen, ohne dieses Volk als etwas früher nicht Gesehenes zu bezeichnen. In Polen wahrscheinlich unter Wladislaw Jagello eingewandert, werden sie zuerst 1501 erwähnt; um dieselbe Zeit mögen sie auch in Rußland aufgetreten sein. Nach Schweden kamen sie 1512. Im Lande der Basken werden sie vor 1538 nicht erwähnt; 1447 erschienen sie vor Barcelona. In England sind sie vor der Mitte des 15. Jahrh. unbekannt; 1531 wurde dort die erste Verordnung gegen sie erlassen. - Was den Charakter der Z. anlangt, so sind dieselben leichtsinnig, treulos, furchtsam, der Gewalt gegenüber kriechend, dabei rachsüchtig, im höchsten Grad cynisch und da, wo sie glauben es wagen zu können, anmaßend und unverschämt. Alle sind dem Betteln ergeben, gestohlen wird besonders von Weibern und Kindern; offener Straßenraub ist fast ohne Beispiel. Daß sie Kinder stehlen, ist ebenso falsch wie die Beschuldigung des Kannibalismus. Die Frauen und Mädchen der Z. sollen unter den Tataren der Krim sowie in Spanien ebenso sittsam sein, als sie in Ungarn und Rumänien zügellos sind. In religiösen Dingen völlig indifferent, huldigen die Z. zum Schein der Religion des Landes; wo sie Christen sind, sind sie bereit, ihre Kinder öfters taufen zu lassen, um Patengeschenke zu erhalten. Sie heiraten immer unter sich. Die Z. binden sich nur ausnahmsweise an feste Wohnsitze, ihre Häuser stehen dann am Ende des Ortes; die wandernden beschränken ihre Züge meist auf das Land ihrer Geburt, und wenn sie es verlassen, geschieht es immer mit dem Gedanken an Rückkehr. Unter ihren Beschäftigungen nimmt die Kleinschmiederei von Nägeln, Hufeisen, Maultrommeln u. dgl. die erste Stelle ein; sie flicken Kessel, Pfannen, Töpfe, verfertigen hölzernen Hausrat, geben sich mit Goldwäscherei ab, sind Bärenführer. Der Pferdehandel, welcher der List ein weites Thor öffnet, ist eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen in allen Ländern; die Musik wird von den Zigeunern im Osten Europas mit Vorliebe und Erfolg gepflegt; der Tanz der Zigeunerinnen ist lebendig und soll an den der indischen Bajaderen erinnern; das Wahrsagen aus der Hand schwindet mit dem Glauben daran immer mehr, selbst in weniger zivilisierten Ländern.

Hinsichtlich der Körperbeschaffenheit der Z. ist zu bemerken, daß die Z. keineswegs schwarz von Hautfarbe sind. Wenn man über schwarzen Samt olivenfarbigen Flor legte, so würde dies ungefähr den Eindruck wiedergeben, den die Epidermis der Z. auf das Auge macht. Ihre Gesichtsfarbe ist meist lichter als die Hautfarbe des übrigen Körpers, aber ohne eine Spur des dem Europäer eigentümlichen Rot; die Leidenschaft ruft nur eine größere Blässe des Gesichts hervor. Im allgemeinen sind die Z. von mittlerer Statur, schlank, von schöner Muskulatur der Schultern, Arme und Beine; sie haben kleine Füße und Hände und lange, zugespitzte Finger. Fettleibigkeit kommt nur bei alten Weibern vor. Die schönen Formen der Z. erinnern an bronzene Meisterwerke der Plastik aus dem Altertum. Sie haben etwas schief gegen die Schläfe aufsteigende und lang gewimperte, schwarze, höchst lebendige Augen, meist einen feinen Mund mit schönen, gerade stehenden, weißen Zähnen. Die Nase ist gewöhnlich wohlgeformt und etwas gebogen; das Kinn ist rund, die Stirn hoch, häufig aber durch das lange, straffe und starke Haar bedeckt. Aus den glühenden Augen blitzt tierische Wildheit hervor; unstet schwankt der Ausdruck zwischen Schlauheit, Furcht und Haß; die wohlgeformte Stirn drückt die Begabtheit des Geistes aus. - Die Zahl der Z. in Europa beträgt wohl über 700,000, von denen auf die Türkei 500,000, auf die österreichische Monarchie 156,000 entfallen. Man hat die Gesamtzahl der Z. in den drei Weltteilen zu 5 Mill. geschätzt, was jedenfalls eine arge Übertreibung ist.

Die Litteratur über die Z. ist sehr reich. Hervorzuheben sind: Grellmann, Historischer Versuch über die Z. (Götting. 1787), worin zuerst auf Indien als die Heimat der Z. hingewiesen ist; Pott, Die Z. in Europa und Asien (Halle 1844-45, 2 Bde.); Bataillard, De l'apparition et de la dispersion des Bohémiens en Europe (Par. 1843-44) und »Nouvelles recherches« (das. 1849); v. Miklosich, Über die Mundarten und die Wanderungen der Z. Europas (Wien 1872-80, 12 Tle.); Derselbe, Beiträge zur Kenntnis der Zigeunermundarten (das. 1874-1878, 4 Tle.); Erzherzog Joseph, Czigány nyelvtan. Románo czibákero sziklaribe (Budap. 1888); Colocci, Gli Zingari (Tur. 1889); »Journal of the Gipsy lore Society« (Edinb. 1888-89). Vgl. ferner über die Z. einzelner Länder: Paspati, Études sur les Tschinghianés ou Bohémiens de l'empire ottoman (Konstant. 1870), ein für die Grammatik und das Lexikon des am besten erhaltenen Zigeuneridioms grundlegendes Werk; Bornemisza, Über die Sprache der Z. (Pest 1853, ungar.); Schwicker, Die Z. in Ungarn und Siebenbürgen (Teschen 1883); Liebich, Die Z. in ihrem Wesen und ihrer Sprache (Leipz. 1863); J. ^[Josef] Ješina, Romáňi čib oder die Zigeunersprache (deutsch, das. 1886); Böhtlingk, Über die Sprache der Z. in Rußland (Petersb. 1853); Sundt, Beretning om fante-eller Landstrygerfolket i Norge (2. Aufl., Christ. 1852); Dyrlund, Tatere og Natmandsfolk i Danmark (Kopenh. 1872); Smart und Crofton, The dialect of the English Gipsies (2. Aufl., Lond. 1875); Ascoli, Zigeunerisches (Halle 1865); Borrow, The Zincali (Lond. 1861); de Sales Mayo, El gitanismo (Madr. 1870).

Zigeunerkorn, s. Hyoscyamus.

Zihl, s. Thièle.

Zilah (Zillenmarkt, Waltenberg), königl. Freistadt, Sitz des ungarischen Komitats Szilágy, mit (1881) 5961 ungar. Einwohnern, Weinbau, Lyceum, Lehrerpräparandie, Museum und Gerichtshof.

Zilhidsche, der zwölfte Monat des mohammedan. Mondjahrs, der Pilgermonat, während dessen allein der Besuch der Kaaba und des Grabes Mohammeds gestattet ist. In diesen Monat fällt auch das Kurbanfest (s. Beiram).

Zilkide (Zilkade), der elfte Monat des mohammedan. Mondjahrs.