Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Arbeiterhygiene (Ernährung, Arbeitsraum etc.)

funden hat und aus Wasser mit Kaffee und Rum besteht. Diese Mischung wird sehr gern getrunken und hat bei sonstiger kräftiger Ernährung manchen Vorzug vor Bier. Genießt ein Arbeiter täglich in maximo 750 g Brot (ein Mehr ist aus diätetischen Gründen nicht zulässig), außerdem 200 g Milch, 200 g Fleisch und 30 g Speck (oder 25 g Schmalz), so erhält er in dieser Grundlage seiner Tageskost 97 g Eiweiß, 46 g Fett, 382 g Kohlehydrate. Den Rest der Nährstoffe würde er bekommen in 400 g Kartoffeln und 75 g Hülsenfrüchten oder in 100 g Reis, 250 g Kartoffeln und 20 g Käse. Diese Nahrungsmittel wiegen zusammen 1550-1650 g und entsprechen also auch hinsichtlich des Volumens den zu stellenden Anforderungen. Nimmt man unsern Verhältnissen entsprechend an, daß die Mittagsmahlzeit 40-50 Proz. des Eiweißbedarfs zu decken habe, dann ergeben sich z. B. folgende Kostsätze: 200 g Fleisch, 200 g Kohl, 400 g Kartoffeln, 15 g Salz, 75 g Brot, oder: 120 g Erbsen, 300 g Sauerkohl, 300 g Kartoffeln, 20 g Fett, 20 g Salz, 75 g Brot etc.

Wird von dem Arbeiter vorübergehend eine größere Kraftleistung gefordert, so hilft Kaffee, eventuell Bier oder ein Schnaps darüberhinweg, besonders wenn noch ein kohlenstoffreicher Imbiß (Brot mit Fett und Käse) gereicht wird. Soll aber die größere Arbeit dauernd geleistet werden, dann hat die Beköstigung hierauf Rücksicht zu nehmen. Das Kostmaß ist, wie erwähnt, zu erhöhen, und zwar nur dessen Gehalt an Fett und Eiweißkörpern, während gerade bei angestrengter Arbeit dem Organismus die Bewältigung einer größern Menge Kohlehydrate nicht zugemutet werden kann. Ebenso darf das Volumen der Kost nicht wesentlich erhöht werden, und es ist mithin bei angestrengter Arbeit durchaus eine Bevorzugung animalischer Nahrungsmittel erforderlich. Schweinefleisch, Milch, fetter Käse, Speck, Hering kommen besonders in Betracht, und von den vegetabilischen Nahrungsmitteln verdienen die Hülsenfrüchte den Vorzug. Ferner sind Gewürze reichlicher zu verwenden, und von Genußmitteln verdient gerade in diesem Fall guter Kaffee den Vorzug, weil die Erschlaffung, die dem Genuß alkoholischer Getränke folgt, durchaus zu vermeiden ist. Vgl. Munk und Uffelmann, Die Ernährung des gesunden und kranken Menschen (Wien 1887); Meinert, Wie ernährt man sich gut und billig? (Berl. 1882); Wolff, Die Ernährung der arbeitenden Klassen (das. 1885). Über Arbeiterwohnungen s. d. (Bd. 1 u. 17).

Der Arbeitsraum entspricht in den seltensten Fällen den zu stellenden Anforderungen. Seine Größe ist nach der Zahl der darin zu beschäftigenden Arbeiter zu bemessen. Nimmt man als erlaubtes Maximum des Kohlensäuregehalts der Einatmungsluft 1 pro Mille an, so muß für jeden Arbeiter ein Luftquantum von 15 cbm gefordert werden, also bei 3-3,5 m Zimmerhöhe ein Flächenraum von 5 qm. Dabei ist für regelmäßige, ausreichende Ventilation zu sorgen, und es dürfen durch die Arbeit selbst keine schädlichen Gase, Dünste oder erhebliche Mengen von Staub erzeugt werden. Im letztern Fall sind spezielle Ventilationsvorrichtungen zu treffen, in gewöhnlichen Fällen ohne besondere Verunreinigung der Luft müssen 60 cbm Luft für den Mann gefordert werden, wobei Kinder Erwachsenen gleichzustellen sind. Stets ist auch auf die genügende Höhe des Arbeitsraums besonderes Gewicht zu legen, und niemals sollte ein Arbeitsraum niedriger als 2,5 m sein. Diese Zahlen gelten nur für Arbeitsräume, die nicht etwa gleichzeitig als Schlafräume dienen. Hinsichtlich der Beleuchtung lassen sich allgemeine Forderungen nicht aufstellen, da die einzelnen Industriezweige sehr verschiedenes Lichtbedürfnis haben. Tageslicht fällt am besten von O. oder S. in den Tagesraum, doch ist grelles Sonnenlicht entsprechend zu mäßigen, dazu helles Licht besonders bei feinern Arbeiten dem Auge ebenso nachteilig werden kann wie zu schwaches. Soll ein Arbeitssaal für 20 Mann z. B. 10 m lang, 10 m breit und 3-3,5 m hoch sein, so werden 6 qm Glas, also pro Mann 3000 qcm, mehr als ausreichend sein, während 2000 qcm die untere zulässige Grenze bezeichnet. Künstliche Beleuchtung ist immer nachteilig, und man sollte daher wenigstens auf Qualität und Quantität gebührend Rücksicht nehmen. Das beste künstliche Licht ist jedenfalls das elektrische, demnächst das Gaslicht und das Petroleumlicht. Ersteres verdient auch den Vorzug, weil es die Luft im Arbeitsraum nicht verunreinigt und nicht überheizt. Nimmt man Argandsche Rundbrenner, welche in einer Stunde 5-6 Kubikfuß Gas verzehren, und deren Lichtstärke der von 16 Spermacetkerzen entspricht, zur Norm, so muß man bei gewöhnlicher Arbeit auf 6-7 Mann eine Flamme rechnen, bei feiner Arbeit mindestens auf 5 Mann. Fledermausbrenner sind verwerflich, weil sie unruhig brennen. Die Heizung des Arbeitsraums wird sich je nach den Verhältnissen sehr verschieden gestalten, sie soll den allgemeinen Forderungen entsprechen, und namentlich soll genügend Rücksicht auf den Feuchtigkeitsgehalt der Luft genommen werden. Neben dem Thermometer darf das Hygrometer nicht fehlen. Mit der Heizung wird vorteilhaft die Ventilation verbunden. Die Natur des Arbeitsmaterials ist nächst der Einrichtung des Arbeitsraums das wichtigste Moment für die Gesundheit der Arbeiter. Die meisten Gewerbekrankheiten sind auf die Beschaffenheit der zu verarbeitenden Stoffe zurückzuführen. Die Staub erzeugenden Materialien erzeugen die Staubeinatmungskrankheiten (s. d., Bd. 15), und die giftigen wirken in der verschiedensten Weise schädlich auf den Organismus. Hier sind entsprechende Vorsichtsmaßregeln geboten, welche in jedem Fall sich verschieden gestalten, im allgemeinen aber auf zweckmäßige Konstruktion von Apparaten und Maschinen, Anwendung von Schutzmasken, Schwämmen, Schutzbrillen, Handschuhen etc. und besonders auf Reinlichkeit hinauslaufen. Reinlichkeit ist auch aus andern Gründen dringend geboten, da z. B. Auswurf lungenkranker Arbeiter, welcher auf dem Fußboden eintrocknet und dann zu Staub zertreten wird, zur Verbreitung der Tuberkulose wesentlich beiträgt. Zu Arbeiten, bei denen sich viel Staub entwickelt, sollten schwindsüchtige Arbeiter überhaupt nicht zugelassen werden. Allen Arbeitern, welche den Arbeitsraum verlassen, sollte Gelegenheit zu gründlicher Reinigung, eventuell zu einem Bad, geboten werden. Einrichtung von Bädern ist für gewisse Industriezweige dringend zu empfehlen, und bei andern, die sehr giftige Stoffe verarbeiten (Arsenikalien, Bleipräparate), ist ein Kleiderwechsel unter entsprechenden Vorsichtsmaßregeln geboten. Während der Arbeit kommt die Körperstellung in Betracht. Keine Körperstellung ist an und für sich gesundheitsschädlich, wohl aber das zu lange Einhalten einer und derselben Stellung. Die Bewegungen während der Arbeit können zu Krankheitsursachen werden, wenn sie mit großer körperlicher Anstrengung verbunden sind. Erstreckt sich diese Anstrengung auf den Gesamtorganismus, so entwickeln sich unter gewissen Bedingungen Herzleiden, besonders Hypertrophie; nimmt sie jedoch nur einzelne Muskelgruppen