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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Blütenbestäubung - Blütenvariationen

hat durch rastlosen Fleiß im Sammeln seiner statistischen Beobachtungen zunächst festzustellen vermocht, daß, je tiefer eine Blumenklasse den Honig birgt, desto mehr sie auch von langrüsseligen Besuchern ausgebeutet wird, während die offenern Honigblumen auch vorwiegend von kürzerrüsseligen Insekten aufgesucht werden. Umgekehrt führen die Blumenbesucher, je kurzrüsseliger sie sind, desto mehr Besuche an Blumen mit flach liegendem Honig aus, während die langrüsseligen Gäste die tief liegenden Honigquellen bevorzugen. Die einer bestimmten Blumenform einseitig angepaßten Insekten, wie Hummeln und Schwärmer, suchen die ihnen im Gesamtbau bequemste Blumenform auch in Wirklichkeit vorwiegend auf. Die kurzrüsseligen Besucher bevorzugen ferner die hellen (weißen und gelben) Blumenfarben, die langrüsseligen ziehen die uns dunkler erscheinenden Farbennüancen (Rot, Blau und Violett) vor, was in unsrer einheimischen Blumenwelt darin ein Gegenstück findet, daß die Mehrzahl der Bienen-, Hummel- und Falterblumen dunkle und die der Blumen mit flach geborgenem Honig helle Farben tragen.

Diese Hauptergebnisse der Untersuchungen Müllers müssen, da sie nur an einer beschränkten Anzahl der einheimischen Blumen- und Insektenarten und aus unvollständigen Beobachtungsreihen gewonnen sind, noch einer weitern Prüfung unterworfen werden, ehe sie Anspruch auf Allgemeingültigkeit machen dürfen. Die zunächst liegende Frage ist die, ob die Auswahl, welche unsre einheimischen Insektenarten an einer durchaus veränderten Blumenflora treffen, nach andern Regeln erfolgt, als sie Müller für die einheimischen Blumen festgestellt hat. Diese Frage wurde von E. Loew durch Feststellung der an Freilandpflanzen des Berliner botanischen Gartens beobachteten Insektenbesuche beantwortet, indem auch unter so veränderten Umständen, wobei den Insekten nordamerikanische, südeuropäische, sibirische und japanische Blumenarten dargeboten wurden, trotzdem die Auswahl im allgemeinen den von Müller aufgestellten Regeln entsprechend erfolgte. Mac Leod zeigte dann ferner, daß man durch eine etwas abgeänderte statistische Zählmethode zu noch einwandfreiern Ergebnissen gelangen kann, als dies Müller und Loew möglich war; auch ersann er eine graphische Darstellung der Zahlenresultate mittels Koordinaten und Funktionslinien, durch welche die betreffenden Zahlenverhältnisse leichter zu übersehen sind; er zeigte unter andern: auf diese Weise unter Benutzung des Beobachtungsmaterials von Müller und Loew, daß auch die Falterblumen vorwiegend von Schmetterlingen besucht werden, was aus den bisherigen Beobachtungen nicht unmittelbar zu ersehen war. Loew hat dann schließlich auch die von zahlreichen andern Beobachtern aufgezeichneten und in der Litteratur zerstreuten Notizen über Blumenbesuche von Insekten gesammelt und an denselben unter Benutzung der Zählmethode von Mac Leod gezeigt, daß diese in den verschiedensten Gegenden, z. B. auf dem Dovrefjeld in Norwegen von Lindmann, in Tirol von Dalla Torre etc., aufgezeichneten Beobachtungen bei richtiger Abgrenzung der Anpassungsklassen durchaus übereinstimmende und die Blumentheorie Müllers bestätigende Ergebnisse liefern; auch stellte er zahlreiche, neuerdings von ihm im norddeutschen Tiefland, in den deutschen und österreichischen Mittelgebirgen sowie in den Alpen aufgezeichnete Beobachtungen über Blumenbesuche zusammen, welche in drei voneinander unabhängigen Beobachtungsreihen durchaus übereinstimmende Re-

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sultate ergaben. Die gegenseitige Abgrenzung der Anpassungsgruppen hat Loew gegen Müller insofern geändert, als er sowohl unter den Blumen als ihren Bestäubern nur drei Hauptkategorien, nämlich die Gruppen der allotropen (ungleich angepaßten), hemitropen (halb einseitig angepaßten) und eutropen (ganz einseitig angepaßten) Formen unterscheidet, welche auf Grund ihrer morphologischen und biologischen Eigenschaften ohne Rücksicht auf etwanige Deszendenzbeziehungen abgegrenzt werden. Nach Feststellung der thatsächlichen Grundlage der Blumentheorie werden künftig auch mehrere Nebenfragen eine präzisere Beantwortimg erfahren können als bisher, wenn auch die blütenbiologische Statistik nur einen einzelnen Zweig der Blütenbiologie darstellt und das immer liefer eindringende Studium der Blumeneinrichtungen selbst zur Voraussetzung hat (s. Blütenvariationen, Bd. 17). Vgl. E. Loew, Beobachtungen über den Blumenbesuch von Insekten an Freilandpflanzen des botanischen Gartens in Berlin (im »Lehrbuch des königl. botanischen Gartens«, Bd. 3 u. 4, 1884-85); Derselbe, Beiträge zur blütenbiologischen Statistik (in den »Abhandlungen des Botanischen Vereins für die Mark Brandenburg«, Bd. 31, 1889); Mac Leod, Statitische beschouwingen omtrent de bevruchtung der bloemen door de insecten (»Botan. Jaarbock«, Bd. I, Gent 1889).

Blütenvariationen, Abänderungen in der Farbe, der Größe, dem Bau oder dem Geschlecht der Blüten bei Pflanzen der nämlichen Art, ohne daß pathologische Ursachen oder teratologische Umbildungen (Füllung, Vergrünung u. dgl.) dabei ins Spiel kommen. Dieselben stehen häufig mit der Bestäubungsart der Blüten in direkter Beziehung (s. Blütenbestäubung, Bd. 17). Die verschiedenen Fälle der B. (abgesehen von den Abänderungen der Farbe und Größe) nebst deren etwas verwickelten Bezeichnungen lassen sich am kürzesten durch folgende Übersicht erklären.

I. Die verschiedenen Blüten stehen auf demselben Pflanzenexemplar: Pleomorphie der Blüten.

A. Die Blüten sind sämtlich zwitterig, die einen bleiben immer geschlossen, so daß Kreuzung unmöglich ist, die andern öffnen sich: Chasmo-Kleistogamie, z.b. bei Arten von Viola, Oxalis, Helianthemum, Vicia, u. a.

B. Die Blüten desselben Individuums unterscheiden sich durch ihr Geschlecht; einige sind immer eingeschlechtig: Monözie.

1) Die Blüten desselben Stockes sind von doppelter Art:

a) zwitterig und männlich: Andromonözie, z. B. bei vielen Umbelliferen;

b) zwitterig und weiblich: Gynomonözie, z. B. Stellaria media;

c) zwitterig und geschlechtlos: Agamomonözie, z.B. bei Viburnum Opulus;

d) männlich und weiblich: echte Monözie, z. B. bei Cucurbita Pepo.

2) Die Blüten desselben Stockes sind von dreierlei Art, d. h. männlich, weiblich und zwitterig: Trimonözie (monözische Polygamie), z. B. bei Saponaria ocymoides.

C. Die Blüten desselben Individuums unterscheiden sich durch die Reifezeit ihrer Narben und Antheren.

1) Die Blüten sind zweierlei Art, z. B. homogam und proterandrisch bei Cerastium triviale.

2) Die Blüten sind dreierlei Art, d. h. homogam, proterandrisch und proterogyn bei Tormentilla erecta.

D. Die Blüten desselben Individuums variieren in verschiedener Weise in der Griffellänge, z. B. bei Erythraea Centaurium.

E. Einzelne Blüten eines Individuums unterscheiden sich durch teilweise Verkümmerung der Geschlechtsorgane von den übrigen:

1) Die Staubgefäße verkümmern in einzelnen Blüten, z. B. bei Scabiosa suaveolens.

2) Die Narben verkümmern in einzelnen Blüten, z. B. bei Reseda lutea.

3) Sowohl Staubgefäße als Narben verkümmern in einzelnen Blüten, z. B. bei Genista germanica.