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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Duisburg - Dumreicher

Jäger ging dann noch einen bedeutenden Schritt weiter. Während die neuere Schule der Zoochemie längst angenommen hatte, daß die Spezifizität des Lebens durch diejenige der Eiweißstoffe gegeben sei, die durch ihre riechenden Abspaltprodukte unmittelbar erkennbar wird, suchte er, anknüpfend an die Ansicht der Juden, daß die Seele im Blut wohne, in dem spezifischen Dufte die Seele selbst, welche dem wachsenden Körper die Form mitteile, so daß z. B. eine Duftpflanze die Nachbarpflanze in ihrer gestaltlichen Ausbildung beeinflussen könne. Da nun das Haar als der hauptsächlichste Träger der individuellen Duftstoffe von ihm angesehen wurde, so schlug er vor, aus dem Haar in irgend einer Richtung, z. B. im Gesang, leistungsfähiger Personen, sogen. Anthropinpillen zu bereiten, welche diese Vorzüge auf andre Personen zu übertragen im stande sein sollten. Er nimmt auch an, daß die Affektdüfte dieselben Affekte in andern Personen wieder erzeugen konnten, und spricht in diesem und ähnlichem Sinn von Lust- und Unluststoffen, Appetit- und Ekelstoffen, welche Sympathie und Antipathie, ganz wie nach der oben erwähnten Platonischen Theorie, erzeugen sollten. Er glaubte auch viele Fälle von Übelbefinden und Kranksein auf die Anhäufung von Unluststoffen im Körper zurückführen zu sollen, welche durch eine unzweckmäßige Bekleidung zurückgehalten würden, und begründete darauf sein bekanntes Wollregime, dessen Hauptgrundsatz in der Ausschließung jeglichen pflanzlichen Faserstoffes aus den Bekleidungsstoffen besteht. Die Wolle habe das Vermögen, alle Unluststoffe entweichen zu lassen und daher den Körper beständig zu entgiften, eine Ansicht, die bekanntlich eine große Anhängerschaft gefunden hat und den Haupterfolg der Jägerschen Bestrebungen darstellt.

So hoch man auf der einen Seite auch Jägers Verdienst der Pfadfindung auf einem bisher brach gelegenen Feld anschlagen mag, so wenig läßt sich verhehlen, daß seine Deutungen oft durchaus verfehlt sind, und daß zum mindesten eine Begriffsverwirrung besteht, sofern der Jägersche Seelenbegriff von dem historisch entwickelten völlig verschieden ist. Aber auch die Lehre, daß die spezifischen Düfte das Wesen und die Ursache der Körperzustände darstellen sollen, beruht auf einer Verwechselung von Ursache und Wirkung. Nehmen wir die Jägersche Lehre von dem Angststoff, der entbunden wird, wenn, durch quälende geistige Prozesse angeregt, eine Zersetzung der Eiweißstoffe in bestimmter Richtung beginnt. Die Angst entsteht doch offenbar meist durch äußere Veranlassung, ohne daß sogen. Angststoffe vorher vorhanden waren, ihr Auftreten ist eine Folge- oder sagen wir Begleiterscheinung, aber nicht die Ursache. Sie stellen die Ausscheidung, gleichsam die Fäces des physiologischen und psychologischen Vorganges dar, und wenn sie (was nicht geleugnet zu werden braucht) in manchen Fällen auf andre Individuen wirken, so geschieht das wahrscheinlich auf Umwegen, aber nicht so, daß das, was eben Wirkung war, nun sofort als Ursache auftreten könnte. Vgl. Jäger, Die Entdeckung der Seele (3. Aufl., Leipz. 1885), 2 Bde.); R. Andree, Über Völkergeruch (in »Ethnographische Parallelen und Vergleiche«, das. 1889).

Duisburg, (1885) 47,519 Einw.

Dülken, (1885) 7487 Einw.

Dülmen, (1885) 4574 Einw.

*Dulong (spr. dü-), Pierre Louis, Physiker und Chemiker, geb. 12. Febr. 1785 zu Rouen, Schüler der polytechnischen Schule, wurde Professor der Chemie an der Faculté des sciences, an der Normalschule und an der Veterinärschule zu Alfort, dann 1820 Professor der Physik an der polytechnischen Schule in Paris und 1830 Studiendirektor derselben. Er starb 19. Juli 1838 in Paris. Dulongs wichtigste Arbeiten betreffen das Grenzgebiet zwischen Chemie und Physik, speziell die Wärmelehre. In seinen »Recherches sur quelques points importants de la théorie de la chaleur« (1819) entwickelte er mit Petit das nach beiden benannte Gesetz (s. Spezifische Wärme, Bd. 15, S. 134). Mit demselben Forscher arbeitete D. über die Messung des linearen Ausdehnungskoeffizienten, besonders des Quecksilbers, über die spezifische Wärme der Metalle, die Wärmeleitung der Gase. Seine »Recherces sur la mesure des températures et sur les lois de la communication de la chaleur« (Par. 1818) wurden von der Pariser Akademie gekrönt. Mit Arago wies er die Geltung des Mariotteschen Gesetzes bis zur 27fachen Verdichtung nach, und mit Berzelius arbeitete er über die Dichtigkeit einiger Gase. Er untersuchte auch das Brechungsvermögen und die Wärmekapazität der Gase, die Verbrennungs- und die tierische Wärme, die Spannkraft des Wasserdampfes bei hohen Temperaturen; chemische Arbeiten betreffen die Verbindungen des Phosphors und Stickstoffs mit Sauerstoff. 1812 entdeckte er den Chlorstickstoff (Dulongs explosives Öl).

Dumas, 5) Jean Baptiste, Chemiker. Vgl. Maindron, L'œuvre de J. B. D. (Par. 1886).

*Dümmersee, See auf der Grenze zwischen dem preuß. Regierungsbezirk Hannover und dem Großherzogtum Oldenburg, 43 m ü. M., von der Hunte durchflossen, mit flachen, moorigen Ufern.

Dümmler, Ernst Ludwig, Geschichtsforscher, wurde 1888 von der Akademie der Wissenschaften zum Vorsitzenden der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae historica gewählt und siedelte 1889 nach Berlin über.

*Dumreicher, Armand, Freiherr von, österreich. Politiker, geb. 12. Juni 1845 zu Wien, Sohn des berühmten Mediziners D., studierte in Göttingen und Wien Philosophie sowie Rechts- und Staatswissenschaften, unternahm größere Studienreisen in Europa und im Orient, trat 1868 in den Staatsverwaltungsdienst und wurde 1871 in das Unterrichtsministerium berufen, in welchem er in Angelegenheiten des technischen Unterrichts, der Kunstpflege und der Universitäten arbeitete. 1874 wurde er zum Sektionsrat (vortragenden Rat) im Unterrichtsministerium ernannt und erhielt die Organisation der Gewerbe- und Fortbildungsschulen übertragen. Diese führte er nach einheitlichem Plan in vortrefflichster Weise durch und schuf mehrere hundert gewerbliche Unterrichtsanstalten. Seine Denkschriften und sonstigen schriftlichen Arbeiten über diesen Gegenstand wurden im »Zentralblatt für das gewerbliche Unterrichtswesen in Österreich« (Wien 1883-85, Bd. 1-4) veröffentlicht. Da er eine gedeihliche Entwickelung des industriellen Schulwesens nur bei einheitlicher Gestaltung und im Geiste deutscher Kultur für möglich hielt und danach handelte, wurde er von den Slawen heftig angefeindet, welche die Gewerbeschule für Sache der Nationalitäten erklärten, und als die Unterrichtsminister Conrad und Gautsch den nationalen Forderungen der Tschechen, Polen und Slowenen mehr und mehr Zugeständnisse machten, nahm D. 1886 seinen Abschied aus dem Staatsdienst. Er ließ sich von der Klagenfurter Handelskammer zum Mitglied des Abgeordnetenhauses wählen, in welchem er sich der deutschen Linken anschloß und das Taassesche System auf das