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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Hypnotismus (posthypnotische Suggestion etc.)
aber, wie diese beiden Autoren hervorheben, einer viel genauern Kontrolle, als sie gewöhnlich stattfand.
In Bezug auf das psychische Verhalten hypnotisierter Personen sind frühere Untersuchungen in neuester Zeit wesentlich ergänzt und dadurch manche frühere Annahme als irrtümlich erkannt worden.
Während man sonst annahm, daß nach Aufhören der Hypnose die Erinnerung an das während derselben Vorgefallene fehle, hat man durch eine genauere Prüfung gefunden, daß in den meisten Fällen, etwa in 80 Proz., keine Amnesie, keine Erinnerungslosigkeit besteht; da es in den Erscheinungen des Seelenlebens plötzliche Übergänge nicht gibt, so ist es selbstverständlich, daß von dem vollkommenen Bestehen der Erinnerung bis zur vollkommenen Amnesie zahlreiche Zwischenstufen bestehen. Ist übrigens auch im wachen Leben keine Erinnerung für die Vorgänge in der Hypnose vorhanden, so erinnert sich die Versuchsperson fast stets in einer spätern Hypnose alles dessen, was in frühern Hypnosen vorgegangen ist; in dieser besteht aber auch Erinnerung an das, was während des wachen Lebens vorgefallen ist, so daß der hypnotische und der nichthypnotische Zustand je einen scharf voneinander zu trennenden Bewußtseinsinhalt haben; man nennt diese Erscheinung doppeltes Bewußtsein. Auch durch Suggestion kann man auf das Gedächtnis in der Hypnose einen wesentlichen Einfluß ausüben: man kann den Hypnotischen gewisse Vorgänge vergessen lassen oder auch andre fälschlicherweise an deren Stelle setzen, wodurch Erinnerungstäuschungen, die sogen, retroaktiven Suggestionen, entstehen; es vergißt z. B. der Hypnotische, daß er zu Mittag gegessen, er vergißt, wo er geboren ist; oder auch, obwohl in Berlin geboren, glaubt er, daß Breslau sein Geburtsort sei. Vermöge der gleich zu besprechenden posthypnotischen Suggestion kann man diese Erinnerungstäuschungen in das wache Leben
hinüberführen.
Eine mit dem Gedächtnis innig zusammenhängende, anfangs mißtrauisch aufgenommene, jetzt aber über jeden Zweifel erhabene Erscheinung ist die posthyvnotische Suggestion; sie besteht darin, daß während der Hypnose irgend eine Suggestion eingepflanzt wird, deren Wirksamkeit aber entweder erst nach dem Erwachen sich zeigt, oder sich über das Erwachen hinaus ausdehnt: ein Hypnotischer erhält den Befehl, nach drei Tagen zu A zu gehen und nach dem Eintritt in dessen Zimmer ein Glas Wasser zu verlangen. Derartige Aufträge werden auf das pünktlichste ausgeführt, trotzdem die Erinnerung an den Auftrag fehlt. Diese posthypnotischen Suggestionen realisieren sich bei geeigneten Versuchspersonen selbst längere Zeit nach dem Erwachen; noch nach mehreren Monaten, selbst nach einem Jahr wurden diese Suggestionen verwirklicht. Übrigens kann man ebenso wie Bewegungen und Handlungen auch Sinnestäuschungen posthypnotisch suggerieren. Der Zustand, in dem die posthypnotische Suggestion sich realisiert, ist ein verschiedener. Wenn auch zwischen dem Erwachen aus der Hypnose und dem Moment der Realisierung der Suggestion die Versuchsperson gänzlich normal ist, so tritt in letzterm nicht selten eine neue Hypnose ein; in andern Fällen bleibt die Person aber auch vollkommen wach, während siedie Suggestion ausführt. Daß übrigens eine posthypnotische Suggestion sich nur dann realisieren kann, wenn sie in dem Gedächtnis haftet, ist selbstverständlich, so daß die Amnesie nach dem Erwachen eigentlich nur eine scheinbare ist.
Das genauere Studium des Gedächtnisses und der
posthypnotischen Suggestion mußte auch auf die frühere Beurteilung des Bewußtseins währenddem Hypnose Einfluß ausüben. Nahm man früher an, daß dasselbe in der Hypnose erloschen sei, so mußte dies sofort als irrtümlich anerkannt werden, als man im wachen Zustand oder in einer neuen Hypnose die Erinnerung wieder auftreten sah; denn wenn man sich gewisser Vorgänge aus einem frühern Zustand, wenn auch nur zeitweise, erinnert, so mutz in diesem Bewußtsein vorhanden gewesen sein. Ebensowenig aber wie die Hypnose ein Zustand der Bewußtlosigkeit ist, ist sie^ein solcher absoluter Willenslosigkeit, wenn auch der Wille stets eine Verminderung erfährt. Viele Suggestionen gelingen nur dann, wenn bereits Zahlreiche Hypnotisterungsversuche gemacht wurden und der Hypnotische der sogen. Dressur unterworfen war; aber selbst nach vielen Versuchen können gewöhnlich Handlungen, die dem Charakter der Person widersprechen, nicht suggeriert werden, trotzdem diese andern Eingebungen in hohem Grad zugänglich ist.
Einzelne von manchen Forschern angegebene Erscheinungen, wie der Einfluß des Magnets während der Hypnose oder die Fernwirkung der Medikamente, sind teils durch exakte Versuche nicht bewiesen, teils als irrtümliche Beobachtungen erkannt worden; die angebliche Fernwirkung der Medikamente sollte darin bestehen, daß medikamentöse Stoffe (Opium, Baldrian,' Alkohol :c.), in hermetischen Röhren verschlossen, bei Annäherung an den Hypnotischen diesen ebenso beeinflußten, wie wenn er ohne Hypnose das betreffende Medikamentinnerlich genommen hätte.
Die theoretische Auffassung der Hypnose mußte selbstverständlich, nachdem das Erscheinungsgebiet derselben in ganz neuem Licht erschienen war, gleichfalls eine andre werden. Insbesondere bezieht sich dies auf Heidenhains Theorie von der Thätigkeits-Hemmung der grauen Hirnrinde: in der grauen Hirnrinde ist der Sitz des Bewußtseins; dieses galt in der Hypnose für erloschen; mithin ist in der Hypnose die Thätigkeit der grauen Hirnrinde gehemmt. Nachdem aber die eine Prämisse dieses Schlusses, die Bewußtlosigkeit in der Hypnose, für unrichtig erkannt war, mußte auch der Schluß selbst als unrichtig, resp. der Schlußsatz für unbewiesen angesehen werden. Daß es übrigens gelungen sei, Heidenhains Theorie durch eine bessere physiologische Theorie zu ersetzen, kann nicht behauptet werden. Auf verschiedene in neuerer Zeit aufgestellte psychologische Theorien kann an dieser Stelle selbstverständlich nicht näher eingegangen werden, weder auf die Gurneys, der die Hypnose als psychische Reflexthätigkeit auffaßt, noch auf Max Dessoirs geistreiche Theorie, wonach die Hypnose ein Zustand sei, in dem das Unterbewußtsein vorwiegt.
Über die Stellung, die man der Hypnose im Vergleich mit andern Zuständen des Menschen einzuräumen hat, gehen die Ansichten noch weit auseinander.
Während die einen in der Hypnose einen pathologischen Zustand erblicken und sie als eine künstlich hervorgebrachte Hysterie oder Psychose bezeichnen, gehen andre, wie die Nancyer Schule, so weit, die Hypnose lediglich als einen dem gewöhnlichen Schlaf identischen oder doch nahe verwandten Zustand zu betrachten. Je mehr man in neuerer Zeitdiewesentliche Bedeutung o': Suggestion während der Hypnose erkannte, um sc mehr'trat auch das Bestreben hervor, von ihr einen praktischen Nutzen in der Heilkunde zu ziehen, das von der Nancyer Schule in erster Linie gefördert wurde. Bei dem streng Wissenschaft-