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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bevölkerungsgeschichte

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Bevölkerungsgeschichte (der Städte).

Das röm. Reich beim Tode des Kaisers Augustus.

Gebiete Areal in 1000 qkm Bevölkerung (in Tausenden) Bevölkerungsdichte (auf 1 qkm)

Europa 2231 23000 (10)

- Italien 250 6000 24

- Sizilien 26 600 23

- Sardinien und Corsica 33 500 15

- Spanien 590 6000 10

- Narbonensis 100 1500 15

- Tres Galliae 535 3400 6,3

- Donauländer 430 2000 4,7

- Griechische Halbinsel 267 3000 11

Asien 665 19500 (30)

- Provinz Asien 135 6000 44

- Übriges Kleinasien 412 7000 17

- Syrien 109 6000 55

- Kypros 9 500 52

Afrika 443 11500 (26)

- Ägypten 28 5000 179

- Kyrenaika 15 500 33

- Afrika 400 6000 15

Römisches Reich: 3339 54000 (16)

- Davon lat. Occident (inkl. Donauländer) 2364 26000 (11)

- Davon griech. Orient 975 28000 (28)

Berücksichtigt man die außerordentlich dünne Bevölkerung der damaligen europäischen Barbarenländer, so dürften bei dem Ziffernanschlag von 30 Mill. für die Bevölkerung Europas nicht viel fehlgegriffen sein.

III. Zur Bevölkerungsgeschichte der Städte.

Die Griechen waren in ausgesprochenem Maße ein Stadtvolk; nicht nur, daß die öffentlichen Einrichtungen von städtischem Wesen durchdrungen waren, bedeutete auch die Stadt für die kleinen Republiken vielfach den Inbegriff des Gemeinwesens. Die hellenischen Städte entwickelten sich aus sehr bescheidenen Ortschaften, welchen Charakter noch die Homerischen Städte und die städtischen Gemeinwesen bis in das 6. Jahrh. v. Chr. an sich trugen. In der für die Kultur so wichtigen Zeit, welche auf die Perserkriege folgte und bis auf Alexander andauerte, fehlte es, bis auf Athen und Syrakus, am Mittelmeer an sogen. Hunderttausendstädten. Athen, auch im 5. Jahrh. v. Chr. die erste Stadt Griechenlands, hatte damals, eingerechnet den Hafen, 120,000 Einw. Überhaupt galt bis auf Alexander eine Stadt von 10,000 Einw. für bedeutend. Diese Zahl erreichten oder überschritten im 5. und 4. Jahrh. nur (nach Beloch) Athen, Theben (40-50,000), Korinth (70,000), Argos (40-50,000), Elis, Korkyra, Megalopolis (40 bis 50,000), Messene, Sparta (40-50,000), Olynthos; im hellenischen Gebiet Asiens Halikarnassos, Ephesos, Rhodos; im Westen Syrakus, Akragas (40-50,000), Kroton, Taras (40-50,000); in Libyen Kyrene; die phönikischen Städte Sidon und Tyros hatten um die Mitte des 4. Jahrh. je 40,000 Einw. Erst in der Zeit nach Alexanders Tode beginnt die Epoche der Entwickelung des städtischen Lebens im größern Stil, und es bricht eine Zeit an, ähnlich der, welche wir alle in der Zeit der Entwickelung großstädtischen Lebens im 19. Jahrh. selbst erlebt haben. Die Großstädte der damaligen Zeit beherbergten eine Einwohnerzahl von ca. ½ Mill., ohne jedoch 1 Mill. zu erreichen. Alexandria in Ägypten zählte im 1. Jahrh. v. Chr. ½ Mill. und dürfte unter Augustus noch größer gewesen sein; Seleukia am Tigris im 1. Jahrh. v. Chr. 600,000 Einw. (im 2. Jahrh. 400,000), Antiochia an Orontes war nicht viel kleiner. Städte über 100,000 Einw. dürften im griechischen Orient zu Beginn der christlichen Zeitrechnung nicht selten gewesen sein. Dies ist nicht zu unterschätzen, wenn man bedenkt, daß die Bevölkerung im allgemeinen weit dünner gesäet war als heute, und daß es an dem treibenden Element der Industrie fehlte, insoweit es auf einen Vergleich mit den gegenwärtigen wirtschaftlichen Zuständen ankommt. Selbst wenn man von der politischen Verfassung absieht, so begreift man leicht, welche tonangebende und geradezu ausschließlich bestimmende Rolle die Städte zu jener Zeit und in jenen Gegenden innehaben mußten. Ganz verschieden war die Ausbildung städtischen Wesens im Westen, wo durch die imponierende Wucht Roms das Aufblühen andrer städtischer Kommunen hintangehalten wurde. Rom drückte noch weit mehr auf ganz Italien als heute und früher Paris im Verhältnis zum übrigen Frankreich. Die blühenden griechischen Städte in Italien verfielen bis zur Kaiserzeit immer mehr; Karthago wurde geradezu vernichtet, und die etruskischen Städte gerieten schon seit dem 4. Jahrh. immer mehr und mehr in Verfall. Rom war die einzige Großstadt Italiens, und neben ihr traten die andern (z. B. Pompeji, bei der Zerstörung 20,000 Einw.) ganz in den Hintergrund. Im obern Italien. Gallien, Spanien und den Donauländern kann von einem städtischen Leben überhaupt fast erst mit der christlichen Zeitrechnung und dem Eindringen römischen Einflusses gesprochen werden; die römischen Lager wurden vielfach die Ausgangspunkte städtischen Lebens. Wie sich die Städte nun in den übrigen Jahrhunderten des Altertums entwickelt haben mögen, ist wohl nicht zu sagen. Um das Jahr 400 n. Chr. zählt der Dichter Ausonius als die größten Städte Rom, Konstantinopel, Karthago, Antiochia und Alexandria auf, in welcher Reihe nur Konstantinopel als unterdessen emporgeblüht. Hauptstadt des Orients neu zu nennen ist. Der Größe nach folgten dann: Trier, Mailand, Capua, Aquileja, Arelate. In Spanien waren Hispalis, Cordova etc. zu nennen, während z. B. Athen, Catina, Syrakus, Tolosa nur als kleinere Städte bezeichnet werden.

Eine neue Epoche der Städtegründung und des Aufblühens städtischen Lebens fällt dann erst in die letzte Zeit des Mittelalters, in das 12. und 13., noch mehr aber in die folgenden Jahrhunderte. Die bevölkerungsgeschichtliche Forschung hat insbesondere die Verhältnisse in Deutschland aufgehellt. Unter den Hohenstaufen vereinigte sich die Blüte städtischer Kultur (von Köln abgesehen) in der oberrheinischen Tiefebene, von Basel über Straßburg, Speier, Worms bis Mainz und Frankfurt. Heute hat sich allerdings der Schwerpunkt nach Norden verlegt, nach Berlin, Bremen, Hamburg, und es steht damit der Einfluß im Zusammenhang, den der Norden Deutschlands auf dessen öffentliche Gestaltung ausgeübt hat. Diese neue Blüte städtischen Lebens reicht im allgemeinen bis in den Anfang des 17. Jahrh., bis zum Beginn des verheerenden Dreißigjährigen Krieges, so daß wir diese Epoche, etwa angefangen vom 14. Jahrh., ungeachtet der sonst üblichen Scheidung von Mittelalter und Neuzeit, kulturgeschichtlich zusammenfassen können. Im 15. Jahrh. haben wir uns selbst die wichtigen Städte in ziemlich bescheidenen Grenzen vorzustellen; sie halten gar keinen Vergleich mit den Großstädten der griechischen Zeit oder gar mit jenen der Gegenwart aus. Nürnberg und Straßburg, Danzig und Rostock umfaßten um jene Zeit 15-20,000, Basel und Frankfurt 10-15,000 Einw. In der folgenden Zeit, etwa vor Ausbruch des Dreißig-^[folgende Seite]