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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Krankheitsverbreitung

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Krankheitsverbreitung (Cholera, Pocken).

nigfache, bald mehr, bald minder scharfsinnige Kombinationen zur Erklärung der Art der K. auftauchen. Erst die allerneueste Zeit, welche uns den Ansteckungskeim zahlreicher Krankheitsformen in Gestalt kleinster Organismen unmittelbar vor das Auge führte und deren Lebens- und Entwickelungsbedingungen verfolgen ließ, hat die Forschung auch auf dem Gebiet der Epidemiologie von dem Wege der Spekulation zu dem der exakten Naturbeobachtung wieder zurückgeführt.

Diese neuere Erkenntnis von dem wahren Wesen der Infektionsträger hat indessen die statistischen Grundlagen der Epidemiologie, umfassende Massenbeobachtungen, nicht entbehrlich gemacht; vielmehr gilt es, nach wie vor die Ergebnisse zuverlässiger Beobachtungen über das Auftreten der vermeidbaren Krankheiten zu sammeln und zum übersichtlichen Bilde zusammenzustellen. Erst wenn dies geschehen, kann man daran gehen, den Gang der Krankheit mit den biologischen Eigenschaften des Krankheitserregers in Einklang zu bringen und so wissenschaftliche Klarheit in die ursachlichen Bedingungen der Verbreitung gemeingefährlicher Krankheiten zu bringen.

Das statistische Material über die den Epidemiologen interessierenden Krankheiten wird auf sehr verschiedene Weise gewonnen. In vielen Fällen, wenn es nicht möglich ist, brauchbare Angaben über die Zahl der Erkrankungen zu erlangen, muß man sich mit der Zahl der Todesfälle begnügen, was auch für gewisse, besonders gefürchtete, weil relativ häufig zum Tode führende Krankheiten ausreicht. So gewinnt man beispielsweise über die Verbreitung der asiatischen Cholera, der echten Pocken, des Kindbettfiebers aus den registrierten Todesfällen ein meist zutreffendes Bild, ja oft ein richtigeres als aus der Erkrankungsstatistik. Bei der asiatischen Cholera werden zur Zeit einer herrschenden Epidemie die Todesfälle ziemlich richtig eingetragen, da sie unter sehr markanten, auch dem Nichtarzt erkennbaren Erscheinungen auftreten, während es bei den Erkrankungen an Cholera häufig vorkommt, daß entweder Fälle verheimlicht werden, oder umgekehrt von ängstlichen Personen jede Magenverstimmung, jeder leichte Katarrh der Verdauungsorgane als Cholera angezeigt wird. Unsre epidemiologischen Erfahrungen über das Vorkommen der Cholera, namentlich in ihrem Heimatsgebiet Ostindien, fußen daher mit Recht vorwiegend auf den hierher gelangten Mitteilungen über die Choleratodesfälle, und auch bei den Einbrüchen der Cholera auf europäisches Gebiet (Italien, Spanien etc.) thut man gut, den Betrachtungen über den Verlauf der Epidemie in erster Reihe die gemeldeten Todesfälle zu Grunde zu legen.

Unsicherer ist dieser Weg schon bei den Pocken. Erfahrungsgemäß wird der Name Pocken oder Blattern in manchen Gegenden auch harmlosen Ausschlagsformen beigelegt, und hat diese Begriffsverwirrung da, wo ärztliche Bestätigung der Todesursachen mangelt, schon zu unrichtigen Vorstellungen über die Verbreitung der Pocken geführt. Im Deutschen Reiche ist erst seit 1886 durch Bundesratsbeschluß eine sehr genaue ärztliche Pockentodesfallsstatistik eingeführt, welche ein klares, verläßliches Bild von dem Auftreten dieser vor Einführung der Schutzpockenimpfung mit Recht sehr gefürchteten Krankheit gibt. Mit aller Bestimmtheit ist dadurch unter anderm die interessante Thatsache festgestellt worden, daß Pockentodesfälle in den östlichen Grenzbezirken des Reiches zehnmal häufiger vorkommen als in den mehr zentral und westlich gelegenen Gegenden. Der Verkehr der östlichen Grenzbezirke mit den dauernd pockenverseuchten Nachbargebieten Österreichs und Rußlands führt nämlich unaufhörlich zur Einschleppung der Krankheit in das deutsche Gebiet, hier aber faßt sie, dank den Erfolgen des deutschen Reichsimpfgesetzes, nicht mehr festen Fuß, sondern erlischt meistens bald. In den drei Jahren von 1886 bis 1888 starben in den 15 an der östlichen Grenze des Reiches gelegenen Regierungsbezirken (8 preußischen, 3 sächsischen, 4 bayrischen) 380 Personen an den Pocken, im ganzen übrigen Deutschen Reiche 95, d. h. auf je 1 Mill. Einw. in den Grenzbezirken 28, in dem übrigen Reiche kaum 3. Jenseit der deutschen Grenze, im angrenzenden Polen, Böhmen, Mähren etc., starben aber 50-100mal mehr Personen als selbst in den Grenzbezirken des Deutschen Reiches.

Zieht man statt der Todesfälle die Pockenerkrankungen in Betracht, über die seit 1886 ebenfalls sehr genaue Ausweise aus fast allen Staaten des Deutschen Reiches vorliegen, so ergibt sich die Notwendigkeit, die schwer verlaufenden Fälle der echten Pocken von den meist leicht ablaufenden sogen. modifizierten Pocken zu trennen. Erstere kommen hauptsächlich bei ungeimpften oder bei den vor langer Zeit einmal geimpften Personen vor, letztere dagegen treten auch (obgleich relativ selten) innerhalb der durch die Impfung gewährten Schutzfrist auf. Tödlich endende Pockenerkrankungen betreffen, wie die neuere Pockenstatistik gezeigt hat, fast ausschließlich ungeimpfte Personen oder solche Leute, bei denen die Schutzkraft der in früher Kindheit einmal vollzogenen Impfung erloschen ist. Die Häufigkeit der Pocken in einigen außerdeutschen Ländern ist, da es dort mehr Ungeimpfte, bez. nur einmal Geimpfte gibt, seit Jahren sehr viel höher als im Deutschen Reiche. Nach der Sterblichkeitsstatistik der größern Städte des In- und Auslandes (1885-87) starben an den Pocken auf je 100,000 Einw. jährlich in den größern Städten

^[Abb.: Die Verbreitung der Pocken in den größern Städten. Ein schwarzes Quadrat der Figur entspricht jährlich einem Pockentodesfall auf 200,000 Einwohner.]