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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kriminalität

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Kriminalität (individuelle Ursachen).

u. dgl. Doch zeigt sich, daß die K. des Weibes sich derjenigen des Mannes dort nähert, wo die Lebensverhältnisse der beiden Geschlechter sich nähern (gewisse Industriebezirke); daraus ergibt sich auch, daß sich mit der Zeit eine Annäherung der Ziffern für die K. beider Geschlechter merkbar macht (vgl. unten S. 523).

2) Alter. Die K. ist am intensivsten im Alter von 20-30 Jahren, resp. von 20-25 Jahren, bleibt dann etwa bis zum 40. Jahre immer noch ziemlich hoch, worauf sie merklich abnimmt. Dies gilt vornehmlich vom männlichen Geschlecht, dagegen ist die K. des weiblichen Geschlechts infolge der frühern Reife schon in den frühern Jahren höher und tritt auch in den spätern Jahren mehr hervor. Diese Sätze spiegeln sich deutlich in folgenden Angaben, betreffend das Deutsche Reich. Auf je 100,000 Einwohner jeder Altersklasse und jedes Geschlechts entfallen hier Verurteilte wegen Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze (1887)

in der Altersklasse männl. Geschl. weibl. Geschl.

12-15 661 148

15-18 1267 303

18-21 2884 404

21-25 3196 420

25-30 2788 431

30-40 2104 482

40-50 1589 469

50-60 1064 297

60-70 567 151

70 J. u. älter 226 54

Dabei ist aber auch der Typus der Delikte auf den verschiedenen Altersstufen ein verschiedener. In den jüngern und mittlern Altersstufen treten neben den allgemein durch das ganze Leben zu verfolgenden Diebstahl (der in den jüngsten Altersklassen als Hausdiebstahl auftritt) besonders die gewaltsamen Verbrechen und Unzuchtsfälle, beim Weibe Kindesmord; in den spätern Jahren der Manneszeit wird die Durchführung der Delikte ruhiger, kälter und komplizierter, u. Gewinnsuchtsdelikte, Betrug, Brandstiftungen häufiger. Endlich im spätesten Alter treten die ohne Kraftanstrengung zu begehenden Gewinnsuchtsdelikte, wie z. B. Fälschungen, Hehlerei, dann Gewaltsamkeiten und Unzucht gegen Kinder oder schwache Personen in den Vordergrund. Es ist Quételets Verdienst, zuerst und zwar in einer glänzenden und im Wesen unanfechtbaren Schilderung den Einfluß des Faktors »Alter« auf das Verbrechen bloßgelegt zu haben.

3) Bildung. Die Bildung an sich, d. h. die einfache Erwerbung von elementaren oder höhern Fertigkeiten und Kenntnissen ohne das erzieherische Moment, verhält sich der K. gegenüber wohl neutral; dabei ist aber zu bemerken, daß gewisse Delikte, z. B. Betrug, Falschmünzerei, Urkundenfälschung u. dgl., überhaupt erst mit einem höhern Bildungsniveau möglich werden. Doch dürfte im allgemeinen angenommen werden, daß mit der steigenden Bildung zwar nicht die Delikte überhaupt, wohl aber die rohe, gewaltthätige Ausübung derselben zurücktritt und leichtere Arten an deren Stelle treten, eine Erscheinung, die in den letzten Dezennien sich deutlich bemerkbar macht. Nur auf die Sittlichkeitsdelikte scheint die höhere Bildung keine günstige Einwirkung hervorzurufen. Doch ist diese spezielle Frage der Bildung und ihres Zusammenhanges mit der K. noch nicht genügend geklärt; auch ist es unmöglich, Zahlenbelege zu geben, da es noch nirgends gelungen ist, ein Volk nach Maßgabe der in demselben vorfindlichen Bildungsstufen in Rubriken zu bringen.

4) Beruf. Die kriminellsten Berufsklassen sind die Arbeiter in Industrie und Landwirtschaft, vornehmlich die keinen ständigen Erwerb aufweisenden Tagelöhner und die Dienstboten. So zählte man z. B. im J. 1883 Kriminelle in Österreich auf je 100,000 Einw. der betreffenden Berufsklasse: bei den Dienstboten 385, Arbeitern der Industrie 372, der Landwirtschaft 260, selbständigen Industriellen und Handeltreibenden 217, Grundbesitzern und Pachtern 141, höhern Bediensteten in Handel und Gewerbe 159, in der Landwirtschaft 107, während Rentner und Angehörige der liberalen Professionen meist unter dem letzten Satze standen. Ferner ist die Hinneigung der Berufsgruppen zu besondern Delikten deutlich erkennbar, nämlich: die liberalen Professionen neigen mehr zu Delikten gegen die Person und zwar insbesondere gegen die Sittlichkeit; Grundbesitzer und Pachter zu öffentlicher Gewaltthätigkeit, dann schwerer körperlicher Beschädigung; Industrielle und Kaufleute zu Betrug, Fälschung von Kreditpapieren; die Arbeiter (neben dem überall auftretenden Diebstahl) zu öffentlicher Gewaltthätigkeit, rohen Attentaten gegen Personen, Delikten aus Gewinnsucht und Bosheit, endlich zu Majestätsbeleidigung. Bei den meist die Proletarierklassen darstellenden Personen ohne bestimmten Beruf sind Religionsstörungen, Brandlegungen und Raubfälle häufig. Daß unter den weiblichen Dienstboten der Kindesmord (etwa vier Fünftel aller Fälle) und unter den Frauen der höhern Stände der Abortus eine große Rolle spielt, ist wohl allgemein bekannt. Im allgemeinen ist die K. auf dem Lande geringer als in der Stadt, oder bei der industriellen Bevölkerung größer als bei der agrikolen. Einige der hier angeführten allgemein gültigen Erscheinungen sind in der Tabelle S. 519 zusammengefaßt; die durch fetten Druck hervorgehobenen Ziffern der Kolumne 2 bedeuten, daß der Anteil der Verurteilten eines Berufs an deren Gesamtsumme größer ist als der Anteil eines Berufs in der Bevölkerung; die in den Kolumnen 3-8 markierten Zahlen heben denjenigen Beruf hervor, bei dem das relative Maximum, d. h. die größte K. jedes einzelnen Deliktes, konstatiert worden ist. Daß die Ergebnisse dieser Tabelle von den früher bez. Österreichs angeführten Ziffern zum Teil (insbesondere bez. der Dienstboten) abweichen, darf nach den verschiedenen beobachteten Methoden kein Bedenken erregen. Innerhalb der Bevölkerung kann man auch einen eignen Berufsverbrecherstand, das professionelle Gaunertum, unterscheiden, wenn es auch bisher noch nicht gelungen ist, dessen Größe festzustellen. Ein wichtiger Behelf hierzu werden die Verbrecherstammbücher oder Kataster sein, die nicht nur allmählich allerorten Eingang finden, sondern auch mit der Zeit der statistischen Aufarbeitung zugeführt werden dürften. Auf diesem Gebiet des spezifischen Gaunertums wird die Kriminalpsychologie ein weites Arbeitsfeld vorfinden; denn gerade hier dürften Vererbung, Abnormitäten etc. häufig sein. Einen geringen Einblick in dieses professionelle Verbrechertum kann man durch Vermittelung der Rückfälligkeit gewinnen, obgleich diese natürlich nicht mit der erstgenannten Erscheinung identifiziert werden darf. Man kann die Rückfälligen im weitern Sinne im Deutschen Reiche mit ein Viertel der Kriminellen bewerten, dagegen z. B. bei den Zuchthäuslern in Preußen 1869 bis 1883/84 mit ca. 78 Proz. oder mit mehr als drei Vierteln.

5) Eine Reihe andrer individueller Ursachen entzieht sich bisher noch einer exakten Messung, so insbesondere der Einfluß der körperlichen Beschaffenheit, gewisser Abnormitäten, der Vererbung u. dgl. m. (s. Kriminalanthropologie). Hier öffnet sich ein gewaltiges Arbeitsfeld für die Kriminalpsychologie und das eigentliche Arbeitsgebiet der in Italien blühenden Schule Lombrosos (s. d.).