Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Nordamerikanische Litteratur (amerikanische Geschichte).

»Robert Elsmere« der Mrs. Ward; mit theologischen Streitfragen beschäftigt sich auch H. Woods Novelle »Edward Barton«; F. B. van Vorsts nicht sehr erbauliche, aber einen ethischen Grundgedanken durchführende Erzählung »Without a compass« (1885) macht uns mit den galanten Abenteuern reicher Spekulanten bekannt; eine Erzählung des vielschreibenden Geistlichen Edwin P. Roe: »He fell in love with his wife«, wurde durch die Übersetzung von Knortz auch in Deutschland bekannt; kleinere Erzählungen Roes sind unter dem Titel: »Taken alive, and other stories« (1890) erschienen. Die fleißige Schriftstellerin Amelia E. Barr hat in den letzten Jahren wieder eine Anzahl Novellen veröffentlicht, die eine gesunde, anmutige Lektüre für den häuslichen Herd bilden. Von den zahlreichen übrigen Novellen und Romanen sind nur wenige des Erwähnens wert, wie z. B. »Ben Hur« von Lewis Wallace, eine der gediegensten historischen Novellen aus der Zeit Christi (auch mehrfach ins Deutsche übersetzt). Wir müssen uns hier auf Nennung einiger Autornamen beschränken: S. Weir Mitchell, Christina C. Brush, Kirk Munroe, Margaret Lee, Lafcadio Hearn, Henry James, Arlo Bates, Craddock (Murfee), William H. Rideing, H. Seely, W. Astor, W. A. Stammond, Elizabeth Stuart Phelps, W. W. Story, George Picard, John E. Cooke, Arthur Maclay u. a. Zu den verdienstvollen amerikanischen Jugendschriftstellern, deren sittliche Richtung durchweg in dem »Hilf dir selbst« gipfelt, gehören John T. Trowbridge, K. Goulding, Willis J. ^[John] Abbot, J. R. ^[John Richard] Alden, James Otis, Margaret Sidney, Christina Goodwin, William B. Allen u. a.

Werke über amerikanische Geschichte.

Von den neuern Werken über die Geschichte der Vereinigten Staaten ist bis jetzt noch kein einziges zum Abschluß gelangt. James Schoulers »History of the United States« (neue Aufl. 1890, 4 Bde.) reicht nur bis zum Jahr 1849. Der Verfasser schreibt einen klaren, kräftigen Stil und behandelt sein reichhaltiges Material mit kritischer Umsicht. Größer angelegt und wohl das bedeutendste Werk der neuern Geschichtschreibung Nordamerikas ist Mac Masters »History of the people of the United States from the revolution to the civil war«, von dem bis jetzt nur 2 Bände erschienen sind. Mac Master gefällt sich besonders in Detailmalereien, wozu ihm seltene Zeitungen und sonstige Dokumente den Stoff lieferten; er behandelt scheinbar unbedeutende und von den andern Historikern nur beiläufig erwähnte Thatsachen mit manchmal ermüdender Ausführlichkeit, doch erscheinen uns dadurch häufig die leitenden Personen in einem andern als dem bisher gewohnten Lichte. Von Henry Adams' »History of the United States« (1890) liegen bis jetzt 4 Bände vor, welche die beiden Amtsperioden des Präsidenten Thomas Jefferson behandeln. Adams dokumentiert sich in diesen Bänden als geistreicher Enthusiast und edler Patriot; sein Stil ist glänzend und fesselnd. Professor John Fiske, bisher hauptsächlich als Verteidiger der Darwinschen Evolutionstheorie bekannt, hat sich in der Neuzeit die Aufgabe gestellt, die Geschichte Amerikas vom freisinnig-philosophischen Standpunkt aus zu beleuchten. Wenn er nun auch in seinen Werken: »The critical period of American history« und »The beginnings of New England« (1889), dem Geschichtsforscher gerade nichts Neues bietet, so sind denselben doch anziehende Sprache und edle Gesinnung nachzurühmen. Daniel R. Goodloes Buch »The birth of the Republic« (1889), eine erschöpfende Darstellung des Widerstandes der amerikanischen Kolonien gegen das tyrannische Auftreten Englands, berichtet auch besonders ausführlich über die dem Unabhängigkeitskrieg vorhergehenden Agitationen der amerikanischen Patrioten. Die Behandlung der Geschichte der Neuenglandstaaten bildet von jeher ein Lieblingsthema der amerikanischen Historiker, und selten vergeht ein Jahr, ohne daß nicht ein verdienstvolles Werk darüber erscheint. Da sich nun allmählich in den genannten Staaten besonders in religiöser Hinsicht eine duldsamere u. humanere Gesinnung Bahn gebrochen hat, so betrachtet man jetzt auch die alten puritanischen Pioniere mit ihrer starren Strenggläubigkeit und Unduldsamkeit in einem andern Lichte als früher. Ein bitteres Verdammungsurteil über die Puritaner hat Brooks Adams in dem Werk »The emancipation of Massachusetts« (1887) ausgesprochen, ohne indessen ihrer wirklichen Verdienste, wie um die Hebung des Schulwesens, zu gedenken. Richard T. Hallowells »Pioneer Quakers« (1887), eine Fortsetzung seines frühern, bis 1677 reichenden Werkes »Quaker invasion of Massachusetts«, führt die Geschichte der Quäker in Massachusetts bis 1724 fort, also bis zu dem Jahr, in welchem ihnen größere Rechte eingeräumt und sie unter anderm auch von den Steuern befreit wurden, die zur Erhaltung der offiziellen Geistlichen dienten. Hallowell ist ein eifriger Lobredner der Quäker und tritt den puritanischen Angriffen auf dieselben energisch gegenüber. George Ellis nimmt nun in seinem Buche »Puritan age and rule in the Massachusetts Bay« (1888) die Puritaner gegen Adams und Hallowell in Schutz, aber nicht mit besonderm Glück. Dasselbe thut auch John A. Goodwin in »The pilgrim republic« (1888), einem Werke, das unstreitig als die unparteiischte religiös-politische Darstellung der betreffenden Periode bezeichnet werden kann. Das Buch »Extracts from the journal of Elizabeth Drinker from 1759-1801« (1889) wirft interessante Streiflichter auf die amerikanischen Kolonialzustände und zeigt besonders, welchen Verfolgungen die Quäker wegen ihres Glaubens, hauptsächlich aber infolge ihrer Abneigung gegen den Krieg, ausgesetzt waren. Einen Einblick in das soziale Leben in den Kolonien Neuenglands gewähren einige kleine Schriften, die Henry M. Brooks unter dem Titel: »The olden time series« (1888) neu herausgegeben hat. Aus dem Nachlaß von John G. Palfreys erschien der fünfte Band der »History of New England« (1890). John Bernards »Retrospections of America 1797-1811« (hrsg. von Hutton u. Matthews, 1887) behandeln die frühern sozialen Verhältnisse Amerikas vom Standpunkte des Schauspielers. Ein geborner Engländer, der in jenen Jahren Amerika als Schauspieler und Theaterdirektor durchzog, zeigt sich Bernard in diesen Aufzeichnungen als geistreicher Beobachter von Land und Leuten wie als vortrefflicher Satiriker, so daß sein Buch nicht nur eine belehrende, sondern auch erheiternde Lektüre bildet. Das Theater der Kolonial- und Revolutionsperiode ist, beiläufig gesagt, von G. Seilhamer in 2 Bänden (1888) fachwissenschaftlich behandelt worden. Dem ziemlich vergessenen Diplomaten und Dichter der Revolutionsperiode Joel Barlow, den Verfasser des Epos »The Columbiade«, hat C. B. Todd ein umfangreiches Buch (»Life and letters of Joel Barlow«, 1886) gewidmet, in dem dessen verdienstvolles Wirken im Ausland zu gunsten Amerikas der Mitwelt ins Gedächtnis zurückgerufen werden. Der um die Unabhängigkeit Amerikas hochverdiente französische General Lafayette fand endlich in Bayard