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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schmarotzerpflanzen

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Schmarotzerpflanzen (phanerogamische: Halbschmarotzer, Schlingschmarotzer).

men auch lange Wurzelhaare entwickelt, mit denen sie der Humuserde Stoffe entzieht. Mehrfach gelang es auch, Rhinanthaceen aus Samen nur in Sand und Humus bei Abwesenheit irgendwelcher Nährpflanzen, freilich meist nur zu Kümmerlingen, aufzuziehen.

Eine zweite Untergruppe der Halbschmarotzer veranschaulicht am besten unsre einheimische, durch ihre zweigabelige Verzweigung, gegenständige, immergrüne Blätter und weiße, mit Klebstoff erfüllte Beeren auffallende Mistel (Viscum album, s. Tafel, Fig. I). Bei ihr findet, wie auch für bei der Mehrzahl ihrer Familiengenossen, den Loranthaceen oder Riemenblumengewächsen, zwar noch selbständige Kohlensäurezersetzung mittels der chlorophyllhaltigen Blätter oder Stammteile statt; allein ihre Samen keimen und wurzeln niemals in der Erde, sondern nur auf der Rinde andrer Holzgewächse (Kiefern, Pappeln, Obstbäumen, selten auch auf Eichen), auf der sich die Keimwurzel des durch Klebstoff befestigten Samens sofort mit einer Haftscheibe festsetzt, dessen Unterseite dann ein in das Gewebe der Nährpflanze eindringender Senker entspringt; dieses primäre Saugorgan entwickelt blattgrünführende, am Ende mit haarartig verlängerten Saugfäden versehene Rindensaugstränge (Fig. 1), die parallel der Längsrichtung der Nährzweige in deren Rinde verlaufen und senkrecht zu ihrer Hauptrichtung gestellte, keilartige Senker in das umgebende Nährholz eintreiben, um sich mit den Leitungsbahnen (Gefäßröhren) desselben in Verbindung zu setzen. Diese Senker werden von den neu sich bildenden Holzschichten des Nährstammes allmählich umwallt und halten ihrerseits durch eine Zellbildungsschicht (Meristem) mit dem Jahresringzuwachs des Wirtes gleichen Schritt; der Schmarotzer vermag so zu einem stattlichen Busche bis zu mehreren Metern Umfang heranzuwachsen und kann ein Alter von 30-40 Jahren erreichen; auch erzeugen die Rindenwurzeln durch Brutknospenbildung junge Mistelpflänzchen, die aus der Rinde hervorbrechen. Die südeuropäische Wachholdermistel (Arceuthobium Oxycedri) mit roten Beeren und verkümmerten Blättern entwickelt nur Krautstengel und im Innern der Nährrinde eine Art von Fadengeflecht, das die parasitäre Ernährung besorgt. Bei der auf Eichen und Edelkastanien Ost- und Südeuropas schmarotzenden Riemenblume (Loranthus europaeus), die zierliche Träubchen gelber Beeren trägt, wachsen die Saugstränge (Fig. 2) innerhalb der Kambial- und Jungholzschichten der Nährbäume; die allmählich erhärtenden Holzzellen leisten den Strängen schließlich solchen Widerstand, daß letztere treppenartig ausbiegen und ihre fortwachsenden Spitzen um 5-8 mm nach außen verlegen müssen. Andre Loranthaceen (Oryctanthus, Phthirusa) erzeugen auch Haftwurzeln von echter Wurzelnatur, die um den Nährast herum eine Art von Gitterwerk bilden und an den Berührungsstellen Haftscheiben erzeugen. Den S. der Mistelform schließen sich auch einige Santalaceen (Henslowia, Phacellaria) sowie die kleine, auf Amerika beschränkte Familie der Myzodendreae an, deren Früchte nicht wie bei den Loranthaceen durch den Klebstoff der Beeren, sondern durch 3 lange Haftborsten der Rinde des Nährbaumes angeheftet werden. Die einstmalige Urform der Loranthaceen wird durch zwei Gattungen Australiens (Nuytsia und Gaiadendron) angedeutet, deren Arten höhere Bäume oder Sträucher mit gewöhnlichen Erdwurzeln darstellen.

In der äußern Tracht von den S. der Mistelform sehr abweichend zeigt sich die Reihe der Schlingschmarotzer, deren fadenförmige, oft zwirnartig dünne Stengel (Fig. 3, bei a, S. 832) die Nährpflanzen umwickeln u. sich an denselben mit Hilfe reihenweise übereinanderstehender Haftorgane von Form der Raupenfußstummel festsetzen; auch hier entspringt der Unterseite derselben (Fig. 3, bei b) ein in das Innere der Nährpflanze eindringender Saugstrang, dessen Zellen sich mehr oder weniger fächerförmig ausbreiten. Wenn ein Zweig des Schmarotzers einen andern berührt, so entwickeln sich zwar auch die Haftorgane, aber die Bildung des Saugstranges bleibt rudimentär. Dieser Reihe von S. gehören zwei Familien an, von denen die eine, die Flachsseiden- oder Teufelszwirngewächse (Cuscuteae) nach der Art ihres Blüten- und Fruchtbaues mit den Windenpflanzen (Convolvulaceae), die andre, die Kassytheen, mit den Lorbeergewächsen am nächsten verwandt ist. Trotz so ungleicher Familienabstammung besitzen sie große Ähnlichkeit, da ihre Blätter zu kleinen unscheinbaren Schuppen verkümmern; der Chlorophyllgehalt ist bei Cuscuta sehr gering, bei Cassytha sind deutliche Chlorophyllkörner ausgebildet; dem entsprechend sind bei ersterer auch die Spaltöffnungen sehr spärlich, bei Cassytha da-^[folgende Seite]

^[Abb.: Fig. 1. Mistel (Viscum album), Längsdurchschnitt des untern Stammteils nebst Rindensaugsträngen und Senkern (die dunklern Partien der Figur), die in einen Holzstamm eindringen.]

^[Abb.: Fig. 2. Riemenblume (Loranthus europaeus), Längsschnitt des untern Stammteils nebst Saugstrang (die dunklere Partie der Figur), der einem Holzstamm aufsitzt.]