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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Vorstellung

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Vorstellung (Erregungsvorgänge im Gehirn).

stellungsthätigkeit mit den Erregungsvorgängen im Gehirn in ähnlicher Weise durchsichtig zu machen, wie das für die Empfindungen möglich ist. Da jede V. aus einer Wahrnehmung entstanden ist, so muß angenommen werden, daß die Wahrnehmung irgend einen Eindruck zurückgelassen hat, der in der V. wieder auflebt. Nun kann jedoch zwischen dem Augenblick der Wahrnehmung und dem des Auftretens der aus ihr entstandenen V. eine geraume Zeit liegen, und es fragt sich, von welcher Art der inzwischen notwendigerweise verbliebene Eindruck ist, daß er, ohne sich bemerkbar zu machen, den Zeitraum von manchmal vielen Jahren überdauert. Nach Wundt handelt es sich bei einem solchen Wahrnehmungsresiduum nicht um eine zurückbleibende Spur, sondern nur um eine funktionelle Disposition, wie überhaupt nach seiner Anschauung die Vorstellungen nicht Wesen, sondern Funktionen sind, welche gelernt, geübt und gelegentlich auch verlernt werden können. Indessen widerstreitet dem 1) die Thatsache, daß in pathologischen Fällen Vorstellungen, die zur Zeit ihrer Entstehung keineswegs besonders eingeübt und während eines ganzen Lebens nie wieder in der bewußten Seelenthätigkeit verwertet worden waren, durch irgend einen Zufall wieder wach werden können. Es ist 2) einzuwenden, daß der Ausdruck psychische oder funktionelle Disposition keinen recht durchdenkbaren Begriffsinhalt besitzt, vielmehr bloß das Geständnis des Nichtwissens enthält. 3) Es besteht nicht der von Wundt hineingetragene Gegensatz zwischen den Bezeichnungen Spur und Disposition. Auch Spur sagt nichts über die Natur des Wahrnehmungsresiduums aus; es bezeichnet eben dasselbe unter dem Gesichtspunkt des Ursprunges, was Disposition unter dem Gesichtspunkt der möglichen Reproduktion bezeichnet. 4) Die dargelegte Theorie erklärt nicht das beständige Hineinwirken des im Hintergrund befindlichen Vorstellungsmaterials in den vollbewußten Gedankenablauf. Sie vermag endlich 5) keine Grenze festzustellen zwischen den bei jeder Geistesthätigkeit leise mitschwingenden, noch eben merklichen Vorstellungen und jenen dicht daneben liegenden funktionellen Dispositionen. Will man sich daher die Wahrnehmungsresiduen psychologisch verständlich machen, so muß man sie sich schon nach Analogie der Vorstellungen denken und etwa als unbewußte Vorstellungen bezeichnen, wenngleich der Ausdruck schief ist (vgl. Bewußtsein). Mit dieser Einsicht ist zugleich eine Auffassung von dem Wesen der Wahrnehmungsresiduen ausgeschlossen, welche man die physiologische nennt. Ihr zufolge sollen die nicht im Bewußtseinsvordergrund thätigen Vorstellungen gar keine psychische Seite besitzen, sie sollen einfache Nervenerregungen sein, denen im Unterschied von andern Hirnvorgängen das entsprechende seelische Korrelat fehlt. Außer den angeführten Punkten spricht hiergegen einmal die Erwägung, daß ein solches Überspringen der Theorie von der psychischen zur physischen Kausalkette eine unausfüllbare und unerklärliche Lücke in jener entstehen läßt, alsdann die Unmöglichkeit, die Mechanik der Großhirnthätigkeit als Ursache psychischer Prozesse nachzuweisen (s. Psychologie). Ebensowenig jedoch genügt die psychologische Auffassung, die in den Spuren oder Dispositionen ausschließlich seelische Zuständlichkeiten erblickt. Folgende Thatsachen nämlich beweisen augenscheinlich die ausnahmslose Korrespondenz zwischen Vorstellungsreproduktion und Erregungsvorgang im Gehirn. 1) Vorstellungsbilder von außergewöhnlicher Lebhaftigkeit unterscheiden sich in nichts von Sinnesempfindungen, denn sie können Reflexbewegungen und Nachbilder zur Folge haben. Wenn daher Empfindungen als zweifellos physiologisch bedingt anzusehen sind, so läßt sich die Folgerung kaum abweisen, daß auch Vorstellungen es seien. 2) Dasselbe folgt aus dem Umstande, daß Halluzinationen (s. Sinnestäuschung) ohne peripherischen Reiz durch bloße Hirnerregung eintreten, und 3) daraus, daß mit zunehmender (abnehmender) Reizbarkeit des Großhirns die Lebhaftigkeit der Vorstellungen wächst (abnimmt). Ferner lehren hirnphysiologische Untersuchungen die Abhängigkeit einzelner psychischer Leistungen von einzelnen Regionen der Großhirnrinde, ganz abgesehen von dem freilich nur allgemein bestätigten Abhängigkeitsverhältnis der seelischen Entwickelung von der Gehirnentwickelung. Zur Feststellung dieser Beziehungen haben sich anatomisch-histologischer Methoden bedient Steiner, Gudden, Flechsig, v. Monakow, Gaskell, Golgi, Forel; der speziell-physiologischen Forschungsweise mit Ausfalls- und Reizversuchen Munk, Ferrier u. a. Es ergibt sich aus ihnen, daß z. B. die Leistungen optischer oder akustischer Vorstellungsbilder an bestimmte Regionen der Rinde gebunden sind; man muß sich jedoch hüten, einerseits diese Regionen als Zentren zu bezeichnen, anderseits zwischen sensorischen und motorischen Sphären scharf zu scheiden, denn jede sensorische V. enthält zugleich ein motorisches Element, und jede Bewegungsvorstellung wurzelt in einer Empfindung. Über die Bedeutung dieser Lokalisationen bestehen zwei Theorien. Die Projektionstheorie nimmt an, daß die Gliederung unsrer Körperperipherie in Sinnesorgane und Muskelgruppen gewissermaßen auf das Nervenzentrum projiziert sei und sich dort in besondern Großhirnrindenfeldern widerspiegele, deren Abgrenzung voneinander der Abgrenzung der Sinnesapparate und der verschiedenen Muskelzüge voneinander entspreche. Die andre Theorie sieht das Prinzip der Lokalisation in der praktischen Zusammengehörigkeit der verschiedenen Vorstellungsklassen, wie z. B. die motorische Sprachsphäre neben der Region der Klangbilder liegt, weil die Leistungen beider Felder associativ miteinander verbunden sind. Fragt man nun, wie in jeder solchen Sphäre die einzelnen Wahrnehmungsresiduen aufbewahrt werden, so liegt die Antwort am nächsten, daß in jeder der unzähligen Nervenzellen der Großhirnrinde eine bestimmte V. sitzt, die bei Erregung der betreffenden Zelle in Thätigkeit tritt, d. h. bewußt wird. Diese Vermutung beruht indessen auf der falschen Voraussetzung, als seien die Vorstellungen starre Größen, die stets unverändert in ein mechanisches Spiel eingriffen. In Wirklichkeit hat die V. während der Zelt, wo sie unthätig in einer Zelle gelagert haben soll, Veränderungen erlitten, denn so oft ich auch eine V., etwa die von dem Aussehen eines Freundes, reproduziere, so oft trägt sie, man möchte sagen eine andre Färbung. - Zu den psychologischen und physiologischen Gründen für die Korrespondenz zwischen Vorstellungsthätigkeit und Gehirnerregung treten Gründe, die sich auf pathologische Erfahrungen stützen. Bei Verletzung einer bestimmten Region der Großhirnwindungen wird eine scharf abgegrenzte Fähigkeit der Vorstellungsreproduktion gestört, z. B. die Fähigkeit, Worte zu lesen (Alexin) oder zu schreiben (Agraphie). Von besonderer Wichtigkeit ist die amnestische Aphasie (Agraphie): der Kranke vermag nicht ein Wortbild spontan in Sprache (Schrift) zu produzieren, obwohl er es nachsprechen (schreiben) kann, wenn es ihm vorgesprochen (geschrieben) wird. Dabei sind alle andern