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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Blütenentwickelung (neue Untersuchungen)
behufs Erklärung der Lage des erstgebildeten Kelch-, blattes zu dem ihm vorausgehenden Deck- und Vor-! blatt (des sogen. Blütenanschlusses) häufig die aller- l künstlichsten Deutungen zu Hilfe nehmen mußte, ^ zeigte Schwendener, daß im allgemeinen das erste' Kelchblatt ganz unabhängig von der genetischen > Spirale sich an derjenigen Seite des jungen Blüten-! scheitels entwickelt, wo der geringste Widerstand statt- > findet. Sind z. B. unterhalb einer dikotylen fünf- ! zähligen Blüte zwei kleine, rechts und links stehende! Vorblätter vorhanden, so liegt das erstgebildete Kelch- i blatt in der Regel nach vorn, entwickeln sich dagegen die genannten Blätter stärker (wie bei I^obeli^), so fällt das erste Kelchblatt nach hinten; im ersten Fall! müßte man nach der ältern Theorie eine nach vorn herum, im zweiten eine nach hinten herumlaufende Spirale annehmen, wofür ein realer Grund nicht ! ersichtlich ist, während die Kontakttheorie Schwen-' deners die Verschiedenheit beider Fälle aus den.un- ! gleichen Druckverhältnissen abzuleiten vermag. Ähnlich steht die Sache auch in zahlreichen andern Fällen;! jedoch fehlte es bisher an genauen entwickelungs-! geschichtlichen Untersuchungen, um eine erschöpfende i Darstellung der B. vom mechanischen Standpunkt! entwerfen zu können. Diese Lücke hat Schumann! durch ausgedehnte Beobachtungen ausgefüllt, die er ^ nach 15jährigenVorstudien in einem stattlichen, von zahlreichen Tafeln begleiteten Werke niedergelegt hat.
Die Ergebnisse dieser Arbeit sind den Anschauungen der ältern morphologischen Schule wenig günstig.
Dieselbenahm unteranderm an, daß esaußerhalb einer Tragblattachsel stehende, sogen, cxtraaxilläre Blüten nicht geben könne, sondern daß alle diese Fälle durch nachträgliche Verschiebungen zu erklären seien. Dagegen konnte Schumann eine Reihe von Blüten, z. B. die von Victoria, X^mplin^ u. a., namhaft machen, bei denen die erwähnte Annahme unzulässig ist. Die Theorie, nach welcher alle Blüten Sproßteile mit spiralig gestellten Systemen nacheinander entstehender Blätter sein sollen, ist schon deshalb zu ^ verwerfen, weil es zahlreiche Blüten mit quirlig ge- ! stellten, gleichzeitig entstehenden Gliedern gibt. Nm ! die Theorie Zu retten, wurde zur Erklärung der in i Blüten so häufigen Alternanz, z. B. zwischen den ! Gliedern des Kelches und der ihm nach innen folgen-! den Blumenkrone, eine sogen. Prosenthese, d. h. ein ! Übergangsschritt, angenommen, durch welchen die! Spirale der Blumenblätter als Fortsetzung der Kelchspirale erschien. Allein abgesehen von der Künstlich-, keit einer solchen Auffassung, findet die dabei voraus- > gesetzte zeitliche Aufeinanderfolge der Glieder oft gar l nicht statt; bei vielen Pflanzen, z. B. den Lobeliace'en, ! Kampanulaceen, Rubiaceen u. a., entstehen vielmehr ^ die Kelchglieder gleichzeitig und in gleicher Höhe; bisweilen liegt sogar das dritte Blatt tiefer als das erste und zweite, so daß die Spirale als eine absteigende angenommen werden müßte. Wenn die Glieder zweier aufeinander folgender Vlattformatiouen einer Blüte, wie z. B. die'Staubgefäße und die ihnen vorausgehenden Blumenblätter, nicht mitein- ^ ander abwechseln, sondern einander gegenüberstehen ^ (Superposition), so wurde dies entweder durch einen ! sogen. Schwindekreis, der zwischen ihnen ausgefallen ' sei, oder durch Verschiebungen u. dgl. erklärt. Allein i diese Annahmen sind nicht stichhaltig, da damit Vor-! gange angenommen werden, die nicht wahrnehmbar ^ smd. Die direkte Beobachtung der V. ergibt nun, l daß die Superposition der Blütenteile durch beson-! dere Ursachen, z. B. durch das Vorhandensein frhr ^ tleiner, vor den betreffenden Gliedern liegender i
Meyers Konv -Lexiton. 4. Anft.. XIX. Bd.
Blattorgane oder durch kappenförmige Aussackungen derselben, veranlaßt wird. Außerdem kommt auch nachträgliche Einschaltung äußerer Glieder unter schott vorhandene innere Organe, wie z. B. bei .^mei'ia, vor, wo die Blumenblätter sich unterhalb der schon vorher angelegten Staubblätter bilden; der Satz von der Entstehung der Blütenglieder in aufsteigender Folge ist somit nicht haltbar. Die Annahme von Staübblattanlagen, die durch spätere Spaltung in mehrere Staubgefäßesich getrennt haben sollen, wird durch die Entwickelungsgeschichte ebenfalls nicht bestätigt; auch wird in diesen Fällen von der Morphologie kongenitale, d. h. schon bei der Bildung der Organe stattfindende Entstehung angenommen. Die Erscheinung der Ungleichgliederigkeits Heteromerie), die in ungleicher Zahl der aufeinander folgenden Formationsglieoerbesteht, hatdervergleichenden Morphologie vielfache Schwierigkeiten bereitet.
Schumann konnte dem gegenüber nachweisen, daß die Stellung der in abweichender Anzahl auftretenden Staub- und Fruchtblätter durch mechanische Verhältnisse, wie z. B. durch starkes Wachstum bestimmter Blattanlagen bedingt wird, die am Vegetationskegel für die später auftretenden Organe keinen oder nur einen ungenügenden Raum übriglassen; wenn z. B. bei vielen Labiaten ein fünftes Staubgefäß fehlt, so wird dies dadurch hervorgerufen, daß die zwei obersten Blumenblattanlagen hemmend auf die Ausbildung des genannten Teiles wirken. Der bekannte Satz, nach welchem alle Glieder einer Blüte umgewandelte Blätter sein sollen, wird von den Vertretern der Morphologie in sehr verschiedener Weise ausgelegt, indem manche Forscher an demselben in voller Strenge festhalten, andre aber auch z. B. der Achse einen Anteil an der Blütenbildung beilegen oder tenninal gestellte Blätter annehmen. Die morphologische Deutung eines Pslanzenorgans darf nach Schumann nicht auf phylogenetische Schlußfolgerungen begründet werden, weil letztere nicht mit Thatsachen, sondern nur mit Vorstellungen operieren; auch die oft beliebte Bezugnahme auf Mißbildungserscheinungen ist unzulässig, da die große Mannigfaltigkeit derselben bekanntlich jeden beliebigen Beweis gestattet Es bleibt demnach nur die auf mechanische Grundsätze sich stützende Entwickelungsgeschichte als einziger Leitfaden zur Aufspürung der thatsächlichen Beziehungen der Blütenorgane übrig.
Die Beobachtung zeigt, daß letztere zunächst in engem Zusammenschluß angelegt werden; wo eine Lücke sich zwischen ihnen aufthut, wird dieselbe durch jüngere Glieder ausgefüllt, so daß manden Vlütenvegetationskegel mit einer plastischen Masse vergleichen kann, die alle Ecken ausgießt. Wo an einem ursprünglichen Vlütenhöcker (Primordium) ein Druckminimum liegt, pflegt derselbe eine neue Ausgliederung anzulegen. Infolge des Druckes zwischen Tragblatt und Achse nimmt das Primordium die Gestalt einer Ellipse an, in deren langer Achse die beiden ersten Blätter liegen müssen. Sind diese unten scheidenartig entwickelt, so wird am Vegetationskegel ein Zweizeilig gestelltes Vlattsystem (bei Gramineen, Irideen u. a.) auftreten. Nimmt das Primordium nach Anlage der Erstlingsblätter von neuem elliptische Form an. so wird das zweite Blattpaar abermals an den Enden der langen Achse sich ausbilden (dekussierte Stellung). Ähnliche, nur kompliziertere mechanische Verhältnisse beherrschen auch die Anlage der Blüten mit spiralig gestellten und mit zygomorph ausgebildeten Organen. Die große Tragweite dieser von Schumann ausgesprochenen Untersuchungs-