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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Chile (Geschichte)
6oi'Ä. über die Gesetze zu wachen, und derselbe hielt auch regelmäßige Sitzungen; aber alle seine Botschaften, namentlich sein Verlangen der sofortigen Berufung des Parlaments ließ Balmaceda unbeachtet.
Damit war Anlaß zum gewaltsamen Konflikt gegeben. Valmaceda steifte sich auf den Wortlaut der Verfassung, die er zu achten geschworen habe und der er bis zum Ablauf seiner Amtszeit (im September) bei allen andern Bürgern Achtung verschaffen werde; und allerdings war er nach diesem Wortlaut unabsetzbar und unverantwortlich. Aber er hatte seinerseits keine direkte Gewalt über den Kongreß, auch nicht das Necht, Neuwahlen auszuschreiben.
Beide Faktoren standen sich also gleichberechtigt
gegenüber.
Vom 1. Jan. 1891 ab regierte Balmaceda ohne Staatshaushalt und Heeresbewilligung, ließ aber verkünden, das sei schon öfter vorgekommen; er werde bis zu den neuen Kammerwahlen, 1. März, die Regierung auf eigne Verantwortung fortführen.
Unterstützt von den reichen Besitzern der Salpeterlager im Norden, beschloß darauf die oppositionelle Kongreßmehrheit einen Gewaltstreich; nachdem sie viele Offiziere der Flotte gewonnen, übertrug sie das Kommando der vor Valparaiso liegenden sechs Panzerschiffe dem Kapitän Iorje Montt, und nach: dem sich die Führer der Opposition eingeschifft hatten, verließ die Flotte 7. Jan. 1891 die Bai von Valparaiso und fuhr nach dem Norden. Ein Aufruf des Nationalkongresses erklärte, daß sich derselbe genötigt sehe, die Verteidigung der von Balmaceda verletzten Verfassung zu übernehmen. Aber der gehoffte Erfolg des Abfalls der gesamten Flotte trat nicht ein. Das Landheer blieb dem Präsidenten treu und wurde ansehnlich verstärkt. Mehrere Versuche der »Oppositoren<, in Santiago eine Revolution herbeizuführen oder wenigstens ein Attentat auf Balmaceda zu bewerkstelligen, wurden rechtzeitig entdeckt und unterdrückt. Die Masse des Volkes verhielt sich gleichgültig; keine Partei hatte eine größere Anzahl überzeugter Anhänger für sich. Balmaceda übte eine unumschränkte Diktatur aus und beseitigte die Anhänger der Kongreßvartei aus allen Ämtern.
Ja, er beschloß, durch eine Änderung der Verfassung für die Zukunft die Ursachen der gegenwärtigen Revolution vollkommen zu beseitigen, indem er die monarchische Gewalt des jeweiligen Präsidenten genau festsetzen und die Befugnis des Kongresses auf den Anteil an der Gesetzgebung beschränken ließ, und ordnete daher 11. Febr. Neuwahlen für eine konstituierende Versammlung am 29. März an, welche 20. April zusammentreten und befugt sein sollte, die Staatsverfassung so weit zu ändern, als dies nötig sei, um neue Streitigkeiten über die Befugnisse der Staatsgewalten zu verhüten.
Die aufständische Flotte erklärte die chilenischen Häfen für blockiert, was aber von den fremden Mächten nicht anerkannt wurde. Auch blieben einige Kriegsschiffe der Regierung treu. Die Aufständischen wandten sich im Februar nach den nördlichsten Provinzen, beschossen Pisagua und Iquique und bemächtigten sich nach einigen Kämpfen mit den Regierungstruppen beider Plätze. Nach der Vernichtung der Streitkräfte der Regierung unter Oberst Robles bei Pozo Almonte (7. März) fiel die reiche Provinz Tarapaca in die Gewalt der Kongreßtruppen. Auch das seit dem letzten Kriege mit Peru nur einstweilen von den Chilenen besetzte Gebiet von Tacna im äußersten Norden sowie der wichtige Hafen Antofagasta in Atacama wurden von den Aufständischen
eingenommen. Ein Teil der Regierungstruppen entkam auf großen Umwegen durch argentinisches Gebiet nach Santiago. In Caldsra brach 16. April eine Meuterei unter den Regierungstruppen aus, infolge deren die Stadt in die Gewalt der Kongreßpartei fiel. Unter den Schiffen, welche darauf im Hafen von Caldera Anker warfen, befand sich auch das Panzerschiff der Aufständischen, Blanco Enca-. lada, das 18. April in der Bai von Valparaiso ein glückliches Gefecht gegen die Regierungsschiffe geliefert hatte. Dieses wurde 23. April plötzlich von zwei Torpedobooten, dem Almirante Condell und dem Almirante Lynch, angegriffen und durch einen Torpedo des letztern zum Sinken gebracht. Nachdem Friedensvermittelungsversuche Frankreichs, Brasiliens und der Union gescheitert waren (6. Mai), bildete die Kongreßpartei eine Regierungsjunta (^uuw äs (?odierno), während Valmaceda sich von den am 29. März neu gewählten und 20. April eröffneten Kammern, in denen er infolge der Leitung der Wahlen die Mehrheit hatte, die Diktatur förmlich übertragen ließ; durch Einführung des Zwangskurses und andre Maßregeln verschaffte er sich Geld. Auch die 11. Febr. angekündigten Vorschläge einer Verfassungsreform wurden den Kammern vorgelegt.
Der Bürgerkrieg dauerte nun schon mehrere Monate, ohne daß es einem Teil gelungen wäre, einen entscheidenden Erfolg davonzutragen. Die Lage der Aufständischen in den Nordprovinzen war eine mißliche. Die Versorgung der bei Iquique zusammengezogenen Truppen mit Lebensmitteln war schwierig, zumal die schnellen Regierungsboote durch Streifzüge die Küste beunruhigten. Außer Bolivia weigerten sich alle amerikanischen und europäischen Staaten, die aufständische Regierungsjunta als kriegführende Macht anzuerkennen. Indes fehlte es dieser infolge ihrer Verbindung mit den großen Kapitalisten nicht an Geld. Wenn auch mehrere von ihr angezettelte Verschwörungen in Santiago und Valparaiso, namentlich ein Versuch, mit Hilfe mehrerer bestochener Marineoffiziere die Regierungsschiffe in der Bucht von Valparaiso in die Luft Zu sprengen, entdeckt und grausam bestraft wurden, so gelang es anderseits den Aufständischen, sich bedeutende Waffenvorräte aus Europa zu verschaffen, namentlich mehrere Tausend kleinkaliberige Viagazingewehre. Ein ehemaliger preußischer Hauptmann, Emil Körner, bisher Subdirektor ander Kriegsschule in Santiago, ging zu den Aufständischen über, wurde zum Generalstabschef des Generals Canto ernannt und übte mit großer Energie in kurzer Zeit die Kongreßtruppen in der europäischen Gefechtsweise ein.
Anfang Juli wurde ein Vorstoß gegen Coquimbo unternommen; 8. und 13. Juli fanden Gefechte von wechselndem Erfolg mit ^on Regierungstruppen statt. Da aber die Ankunft zweier neuerbauter Panzerschisse aus Europa zu erwarten stand, welche die 'französischen Gerichte auf Reklamation Balmacedas endlich freigegeben hatten, und der letztere dann auch zur See die Überlegenheit über die zwar zahlreichern, aber alten und langsamen Kriegsschiffe der Kongreßpartei erlangt hätte, so beschloß diese, sofort einen entscheidenden Schlag zu führen, durch welchen Balmaceda, der eben den ihm ergebenen Vicuna zum Präsidenten hatte wählen lassen, vollständig überrascht wurde. General Canto sammelte die Kongretztruppen in Caldera und landete 20. Aug. mit 10,000 Mann in der Bucht von Quinteros, nördlich von Valparaiso. Schon 21. Aug. erlitten die Regierungstruppen unter General Alcerrecas am Flüsse