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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Englische Litteratur 1890-91 (Roman)

litterarisches Talent an das Bühnendrama. Henry Arthur Jones indessen (s. d.), dessen »Middleman«, seither unter dem Titel: »Arbeit« auch auf der deutschen Bühne beifällig aufgenommen, und »Judah« wir im vorigen Jahr zu verzeichnen hatten, und dessen »Dancing Girl« im laufenden einen großen Erfolg hatte, nimmt nun eine entschiedene Stellung ein. Er veröffentlicht seine dramatischen Werke, deren erster Band: »Saints and Sinners«, mit einer orientierenden Einleitung kürzlich erschien, und er hat selbst die Leitung einer Bühne übernommen, die er mit seinem neuesten Stück: »The Crusaders«, eröffnete. Pinero, ein andrer Versorger der Bühne, tritt ebenfalls vor die Lesewelt, und die Hoffnung, daß nunmehr die englische Bühne nicht bloß durch die Ausstattung, sondern auch durch den Wert des Ausgestatteten sich wieder auf eine höhere Stufe erheben möge, scheint nicht unberechtigt. Die neuerdings allgemein verbreitete Freude am Liebhabertheater, von dem aus manche tüchtige Kräfte zur öffentlichen Bühne übergehen, mag dazu mithelfen. Die Verehrer Ibsens haben ihre Versuche wiederholt, ihn beim englischen Publikum beliebt zu machen; es ist ihnen nur bei den Kritikern gelungen, und auch bei diesen nur zum Teil. Allerdings hatte »Hedda Gabler« einen unbestreitbaren Augenblickserfolg, der dem Ungeheuerlichen des Titelcharakters, vielleicht aber noch mehr zwei besonders anziehenden amerikanischen Schauspielerinnen zuzuschreiben sein dürfte. Noch rascher vorübergehend war der Erfolg der »Lady from the Sea« in Frau Eleanor Marx-Avelings lebendiger Übersetzung. Die Gesamtausgabe der Werke Ibsens ist mit Archers »Rosmersholm« nun beendigt. Ein neues Independent Theatre gab »Ghosts« (»Gespenster«) unter großem Widerspruch. Dieselben Leute haben seither noch Zolas »Thérèse Raquin« gegeben.

Roman.

Der junge hochbegabte Schriftsteller, den wir in unsrer vorjährigen Jahresübersicht bei unsern Lesern einzuführen hatten, Rudyard Kipling (s. Bd. 18, S.477 u. 244), ist rasch in die erste Reihe der Prosadichter eingerückt. Nur in kleinern, bisweilen halbdramatischen, im höchsten Grad anziehenden Bildern aus dem indischen Leben, dem der Eingebornen wie der Anglo-Indier, hatte er sich damals versucht. Voll von Humor, bald lustig, bald schneidend tragisch, immer von erstaunlicher Einsicht und von gesundem Wirklichkeitssinn durchdrungen, der oft schreiende Gegensätze findet, aber nie den Schmutz sucht und mit poetischer Begabung und anschaulicher Landschaftsmalerei sehr verträglich ist, hat er uns tiefe, oft rührende, oft erschreckende Blicke in das Leben, namentlich des nördlichen Indien, thun lassen. Nun hat er plötzlich dies Feld verlassen, sich nach Europa gewendet und in seiner bisher längsten Erzählung: »The light that failed«, die Geschichte eines Malers erzählt, der allmählich erblindet. Das Buch hat nicht geringes Erstaunen erweckt, da man sah, wie der junge Mann, der in die tiefsten Falten des indischen Lebens eingedrungen, nun ganz unerwartet auch die europäische Künstlerwelt mit fast verblüffender Naturwahrheit zu schildern verstanden hat. Dabei mag nicht unerwähnt bleiben, wie er sich selbst zuerst nicht genug gethan: er hatte (vielleicht unter äußerm Druck) dem Buch einen versöhnlichen Abschluß gegeben; in der rasch erfolgten zweiten Ausgabe schließt es mit grellem Mißton. Seither ist er, abgesehen von allerlei kleinern Beiträgen in Prosa und Versen zu Zeitschriften, auf sein ursprüngliches Feld zurückgekehrt mit dem Buch: »Life's Handicap: being stories of mine own people«. Die Erzählungen sind von verschiedenem Wert, einige von hohem Pathos. Wie ein roter Faden zieht sich durch dieselben, soweit es sich um die Anglo-Indier handelt, ein Gefühl tiefen Unbefriedigtseins mit dem Leben, Herrschen und Schaffen in dem fremden Lande, das ihnen niemals zur Heimat wird. Keineswegs nur mit den Höherstehenden beschäftigt er sich; er ist in die niedrigern Klassen eingedrungen; seine Soldaten, Pferdehändler, Gaukler sind höchst lebensvoll gemalt. Und so sagt er auch: »Gott sei gepriesen - was immer später sein wird - ich habe mit Menschen gelebt, mit Menschen mich abgemüht.« Wenn die Verleger und Herausgeber von Zeitungen nicht den jungen Mann zu allzu raschem Schaffen antreiben, so dürfte Rudyard Kipling in der englischen Litteratur die hohe Stellung behaupten, die sein Genie so rasch ihm errungen. Hier sei gleich in Bezug auf Indien ein Buch angeführt, dem litterarisch ein weniger hoher Wert zukommt, das aber lebhafte Erinnerungen an eine ereignisschwere Zeit weckt: »Eight Days« von R. E. Forrest, eine Geschichte des Ausbruches des Aufstandes von 1857 in Romanform. Ein merkwürdiges Zusammentreffen ist, daß der Schluß des Buches, das zuerst in Lieferungen erschien, mit den neuern tragischen Ereignissen in Manipur zusammenfiel: dort wie hier wurde ein Mr. Melville ermordet. Die längst anerkannten Meister des englischen Romans waren nicht unthätig. William Black gab uns »Donald Ross of Heimra«, eine schottische Bauerngeschichte aus dem Hochland; Walter Besant »Armorel of Lyonesse«; Thomas Hardy »A group of noble dames«, ein Novellenkranz, in dem die Damen nicht allzu engherzig sind, und der nicht für die höhere Tochter bestimmt ist; George Meredith, ein gedankenreicher Schriftsteller, der viele Anhänger hat, andre aber durch einen etwas schwierigen Stil abstößt, »One of our conquerors«. Ryder Haggard, der seine Stoffe bisher in Afrika und der Südsee gesucht, hat sich diesmal nach Island gewandt und mit »Eric Brighteyes«, welches einigermaßen an Felix Dahn erinnert, abermals einen großen Erfolg bei denen errungen, welche reiche Phantasie und Fülle der Farben im Verein mit gutem Stil der Photographie des Alltäglichen, der peinlichen Analyse der Charaktere oder der pessimistischen Lebensanschauung vorziehen. Der hochbegabte Robert Louis Stevenson, der dem nordischen Nebel entflohen, sich unter der Sonne Samoas eine neue Heimat gegründet und die verlorne Gesundheit wiedergefunden, sendet uns »The wreckers, a story of the Southern Seas«. Marion Crawford hatte in der Beendigung der im vorigen Jahr begonnenen »Witch of Prague« sich in Hypnotismus und Phantasterei verloren und zum erstenmal seine Leser enttäuscht. Aber mit »Khaled, a tale of Arabia« ist er auf die hohe Stellung zurückgekehrt, in der er seit Jahren ein Liebling des denkenden Publikums geworden. Khaled ist eine Variante der Undine-Sage von dem Entstehen der Seele durch die Gewalt der Liebe; aber hier ist es ein männliches Wesen, an dem das Wunder sich vollzieht, und zwar nicht durch das Bewußtsein des Liebens, sondern des Geliebtwerdens. Das Neueste von Crawford ist »Three Fates«, noch unvollendet. Hall Caine (s. d.) gibt aus Marokko das kräftige und ergreifende Buch: »The scape-goat«.

Was die dii minores unter den Romanschriftstellern anbetrifft, so bietet sich uns auch hier manches Lesbare dar. W. E. Norris, unter dessen